Nach verhältnismäßig langer Wartezeit erscheint wieder eine Aufnahme des aus Dürbheim stammenden und zur Zeit in Würzburg lehrenden Pianisten Bernd Glemser. Dieser hat bislang ein umfangreiches Repertoire (Skrjabin, Prokofiev, Chopin, Rachmaninov...) auf erstklassigem Niveau eingespielt und legt hier nun seine dritte CD mit Werken von Robert Schumann vor. Während er in seiner letzten Aufnahme die - eher seltener gespielten - Sonaten op. 11 und op. 14 des deutschen Romantikers auf Tonträger bannte, widmet er sich nun zwei oft aufgeführten Standardwerken der Klavierliteratur: den sinfonischen Etüden op. 13 sowie der C-Dur-Fantasie op. 17.Die sinfonischen Etüden existieren in zwei Versionen von 1837 und 1852, die sich nur in Details unterscheiden - Glemser spielt hier die Frühfassung. Darüber hinaus existieren fünf weitere Variationen, die im Erstdruck nicht enthalten waren und die erst Johannes Brahms posthum veröffentlichte; viele Pianisten fügen diese heute an diversen Stellen in das Hauptwerk ein (etwa Tzimon Barto, EMI) oder spielen sie als geschlossenen Zyklus an dessen Ende (z.B. Pollini / DG). Glemser hat sich für die meines Ermessens überzeugendere erste Variante entschieden. Allerdings wäre es vielleicht passender gewesen, die fünfte Variation innerhalb oder zumindest nach der 10. Etüde zu spielen, wie dies von Schumann ursprünglich vorgesehen war. - Das Werk basiert auf einem Thema des Schumann-Freundes von Fricken, welches in mannigfaltiger Weise abgewandelt wird. Im Vergleich zu den Abegg-Variationen op. 1 sind die sinfonischen Etüden ungleich umfangreicher und musikalisch komplexer; sie stellen zweifellos einen Höhepunkt im Schaffen Schumanns dar und räumen - für den Komponisten eher ungewöhnlich - der Virtuosität des Pianisten einen verhältnismäßig großen Platz ein. Solchen Herausforderungen erweist sich Bernd Glemser als fabelhafter Techniker, der er ist, selbstverständlich ohne weiteres gewachsen. Beeindruckend, wie überlegen er beispielsweise die Melodielinie der linken Hand in der dritten Etüde gestaltet, ohne den staccato-32teln der Rechten etwas von ihrer Klarheit zu nehmen; oder mit welchem Vorwärtsdrang er die 6. und 9. Etüde angeht. An keiner Stelle verliert er sich dabei jedoch in pianistischer Selbstdarstellung, sondern formt aus Schumanns Spielanweisungen ein kohärentes Ganzes. Im Gegensatz zu Mikhail Pletnev (DG) ignoriert er dabei nicht den Notentext, sondern entlockt ihm eine Vielzahl von Details und Nebenstimmen, die gerade bei dem so polyphon denkenden deutschen Komponisten so wichtig sind. Insbesondere die posthumen Variationen gelingen ihm außerdem mit einer lyrischen Versonnenheit, die selten anzutreffen ist. Sicherlich ist Pogorelich (DG) manches Mal origineller, Freire (INA) eleganter - aber Glemser stellt dem seine eigene, gelungene Konzeption gegenüber, die von enormer Detailliertheit und Gestaltungskraft getragen wird.Es gibt wohl wenige Stücke, die häufiger im Konzertsaal gespielt werden als Schumanns C-Dur-Fantasie - und nahezu jeder namhafte und unbekannte Pianist hat sie aufgenommen. Wo steht nun Glemser im Vergleich mit einigen der Referenzeinspielungen? Er nimmt im ersten Satz langsamere Tempi als Argerich (EMI) oder Freire (Philips), welche dank seiner unangestrengten technischen Kontrolle jedoch trotzdem flüssig wirken. Auch hier besticht Glemser durch eine klare Melodieführung, große dynamische Spannbreite und organische Spannungsverläufe, dier mit gekonnt eingesetzten Rubati zu formen vermag. Meines Erachtens nach bleibt trotz dieser exzellenten pianistischen Qualitäten das Fantastische dieses Satzes ein wenig auf der Strecke - er wirkt ein wenig zu introvertiert, trotz Schumanns Spielanweisung nicht leidenschaftlich genug. Dieser Eindruck verstärkt sich noch ein wenig im Mittelsatz: Vom Tempo her mit gut 8 Minuten deutlich langsamer als Freire (7:23), Banfield (cpo, 7:07), Katsaris (Piano 21, 7:37) oder gar Argerich (6:53) kommt er etwas schwerfällig daher, was durch eine relativ abrupte Pedalisierung verstärkt wird; auch die horrend schwierige Schluß-Stretta bewältigt Glemser und wird auch nicht langsamer wie viele seiner Kollegen, aber ohne sie wirklich zu gestalten - Freire oder Katsaris etwa wirken da viel leichtfüßiger und vermögen noch einige agogische Akzente zu setzen. Der sensibel und klangschön gestaltete Schlußsatz versöhnt jedoch wieder, kann die Einschränkungen jedoch nicht vergessen machen.Die Klangqualität der Aufnahme ist erstklassig und muß sich hinter mehr als dreimal so teuren Produktionen renommierter Klassik-Labels nicht verstecken. Das Booklet ist, wie bei Naxos üblich, mäßig informativ, die Spielzeit mit über 70 Minuten großzügig bemessen. - Empfehlenswert ist diese Einspielung vor allem wegen der sinfonischen Etüden; für die Fantasie gilt dies uneingeschränkt nur für die Ecksätze.