An Aufnahmen von Puccinis exotischer Oper "Madame Butterfly" herrscht wahrlich auf dem übersättigten Tonträgermarkt kein Mangel, und unter den angebotenen gibt es mehr als eine, die ins Spitzenfeld gehört.Ganz oben auf der Liste streiten sich seit Jahrzehnten die Aufnahmen von Barbirolli (EMI) und Leinsdorf (RCA) um Rang eins, sie haben mit Renata Scotto und Leontyne Price ganz herausragende Vertreterinnen der Titelrolle anzubieten, und trotzdem greife ich immer wieder, wenn es um diese Oper geht, zu der alten EMI-Aufnahme von 1954, mit Victoria de los Angeles als Protagonistin und dem eher unauffälligen, aber sorgsam dirigierenden Gianandrea Gavazzeni, obwohl der Klang alles andere als optimal ist und keineswegs heutigem Standard entspricht.Es liegt einfach daran, daß die Spanierin für ihre Rolle eine so süße, natürliche, unverbrauchte Stimme mitbringt, daß sie sämtliche Konkurrentinnen aus dem Feld schlägt, und in Giuseppe di Stefano einen so stürmischen und draufgängerischen Pinkerton an der Seite hat, der damals auf dem Zenit seiner künstlerischen Möglichkeiten stand und der es verstand, der undankbaren Rolle des gedanken- und gewissenlosen Amerikaners ein so überzeugendes Gesicht zu geben, wie das in dieser Vollendung keinem seiner Mitbewerbe gelingt. Hinzu kommt noch Tito Gobbi, der mit seiner großartigen Stimme und großen Bühnenpräsenz die relativ unbedeutende Rolle des Sharpless erheblich aufwertet. Aber auch Anna Maria Canali (Suzuki) und Renato Ercolani (Goro/Yamadori) zeigen gute Leistungen, wie auch die übrigen Mitwirkenden, von denen Arturo La Porta als Bonzo noch ein Extralob verdient hat.Chor und Orchester der Römischen Oper sind erfahrene, routinierte Formationen, und der Dirigent, Gianandrea Gavazzeni, war natürlich auf dem Gebiet der italienischen Oper eine gute Wahl. Damals, zu Beginn der 1950er Jahre, als die Langspielplatte soeben geboren war, legten die Plattenfirmen noch nicht den entscheidenden Wert darauf, bei Opernaufnahmen die ganz großen Dirigentenstars ans Pult zu bitten. Das muß kein Nachteil sein, und im vorliegenden Fall war Gavazzeni durchaus ein Glücksgriff.Victoria de los Angeles hat fünf Jahre später, im Jahr 1959, eine weitere Butterfly für EMI aufgenommen, diesmal in Stereo, mit dem unvergessenen Jussi Björling als Pinkerton und Gabriele Santini am Pult. Auch hier singt die Spanierin wieder wunderschön, doch ist ihre Stimme merklich gereift, so daß ich meine, daß sie als junge Cho-Cho-San in der älteren Aufnahme überzeugender wirkt.Wie bereits erwähnt, ist die Aufnahme noch in Mono produziert worden, was einen Mangel an Transparenz bedeutet, aber insgesamt ist das Klangbild klar und natürlich, vor allem sind die Stimmen sehr gut eingefangen worden. Die Naxos-Techniker haben bei der Digitalisierung gute Arbeit geleistet.Die Textbeilage ist nicht sonderlich üppig, was dem günstigen Preis geschuldet ist. Da aber gerade die Butterfly den meisten Opernfreunden vertraut ist, fällt das Fehlen des Libretto nicht sonderlich ins Gewicht.