Der Regisseurin Feo Aladag gelang mit diesem Film aus dem Jahr 2010 ein unglaublich erschütterndes, aufwühlendes Drama um eine deutschstämmige Türkin, die mit ihrem kleinen Sohn aus einer unglücklichen Ehe in der Türkei flieht, um ein neues, selbstbestimmtes Leben in Berlin zu führen und damit auf das Unverständnis ihrer gesamten Familie stößt.„Die Fremde“ ist ein Film, der mit ruhigem Erzählstil und zunächst wohl relativ unspektakulär über das Aufbegehren dieser türkischen Frau gegen gesellschaftliche Konventionen und Gewalt in der Familie erzählt. Doch er beschreibt es sehr persönlich, indem die Mitglieder dieser Familie in ihrer Zerrissenheit zwischen Familienbanden und Konventionen sehr genau gezeichnet werden. Das macht diesen hervorragenden Film aus.Die Bedeutung der Familie... ist das große Thema dieses Films. Familie ist eben nicht immer ein Ort des Glücks und der Harmonie. Familie kann auch brutal sein, kann unterdrücken, ausgrenzen, quälen. Und dieser Film macht absolut unmissverständlich klar, dass der große Wunsch nach einem selbstbestimmten und unabhängigen Leben oft nur die Folge des Verhaltens von Mitmenschen ist, die einem das Leben zur Hölle machen. Man will nur noch frei sein, weil einen die anderen anketten wollen. Sehr packend, aber auch zunehmend schmerzhaft wird der Weg einer Frau geschildert, die aus Schwäche zur Stärke findet.Die 25-jährige Uma (Sibel Kekilli) ist eigentlich gar nicht mal besonders modern und progressiv, hat einfach nur ganz normale Bedürfnisse und Wünsche, in der Hoffnung auf ein kleines alltägliches Familienglück. Doch der Mann, dem sie angetraut wurde, geht gerne fremd, schlägt und vergewaltigt sie. Regelmässig. Das scheint für viele Männer in der Türkei üblich und selbstverständlich, jedenfalls nichts besonderes zu sein. Doch Uma hält es nicht mehr aus, will sich nicht fügen und flüchtet mit ihrem Kind Cem zurück nach Berlin, zu ihren Eltern. Doch die Mutter klammert sich an Nostalgie und der Vater ist tief in der Tradition verhaftet. Gespräch Vater – Tochter:“Du bist eine verheiratete Frau.““Er schlägt mich.““Er ist dein Ehemann. Heute schlägt er, morgen streichelt er dich.“... und dabei liebt er seine Tochter doch so sehr, dass es ihm selbst Schmerzen bereitet.Durch die türkische und deutsche Sprache, die sich im Film abwechseln, wird der Film besonders authentisch.Die Hochzeit von Umays Schwester mit Umays Ansprache und letztem Versuch, ihr durchdringender Hilfeschrei mit der Bitte um Verständnis und Verständigung mit der Familie ist kaum noch zu ertragen, zerreisst einem das Herz.Man erwartet ein böses Ende. Doch es kommt noch schlimmer... und die symbolische Bedeutung des überraschenden Ausgangs überhöht die bloße Tragik von Schuld und Sühne und von zurückgewiesener Liebe bei weitem.Der Film macht sehr deutlich, was es für jeden einzelnen dieser Familie bedeutet, dass sich die Tochter nicht an die Regeln hält und dass es eben diese traditionellen Werte sind, die der Familie wie der mancher Teile der Gesellschaft, die Integration so schwer und Bluttaten möglich machen. Der Riss zwischen den zwei Kulturen der Türkei, zwischen der modernen und der traditionalistischen Türkei geht mitten durch eine weitere Figur: Die von Umays Vater, den Settar Tanriögen überwältigend eindringlich spielt, stets hin- und hergerissen zwischen Vater-Liebe und Patriarchen-Gewalt. Die Tragödie eines Mannes zwischen zwei Welten.„Die Fremde“ ist ein ungemein feinfühlig inszeniertes Drama, mit stillen Szenen, in denen sich die Familie mitunter nahezu ohne Worte verständigt, wo Hierarchien und antiquierte Ehrbegriffe, Zuneigung und Hass, Abhängigkeitsverhältnisse und verborgene Wünsche allein durch Blicke vermittelt werden.Ein aussergewöhnlicher, enorm intensiver und bestürzender Film mit einer eindringlichen Aufforderung zum genauen Hinschauen, der sich besonders durch seine grandiosen, überzeugenden Darsteller*innen nachdrücklich ins Gedächtnis einbrennt.Sehr, sehr sehenswert.
Wow, was für ein Film dieser "Die Fremde" und welch hervorragende schauspielerische Leistung aller Beteiligten, einschließlich des kleinen "Cem", der hoffentlich am Set nicht ganz so viel Drama miterleben musste, wie es dann im Film "rüberkam".Ich habe den Film gestern Abend, mit anderthalbjährigem Abstand, zum zweiten Mal gesehen und war wieder mindestens genauso beeindruckt wie beim ersten Sehen.Die Dramaturgie finde ich sehr gelungen, das (für den Zuschauer in dem Moment noch offene) Ende der Ereignisse an den Anfang zu stellen und dann erst die ganze Geschichte retrospektiv chronologisch zu schildern.Ich kann mich an kaum einen anderen Film erinnern (außer vielleicht "Ein halbes Leben" mit Josef Hader in der Hauptrolle), der mir ähnlich nachgegangen ist. Denn die Motive und das Verhaftetsein der einzelnen Personen in ihren gesellschaftlich zugedachten Rollenklichees werden so eindringlich geschildert, dass ich Mitleid mit fast allen Personen entwickeln konnte.Natürlich ist meine Identifikationsfigur, als in Deutschland lebende Frau im 21sten Jahrhunderts, die Figur der Umay. Nicht ganz deutlich geschildert finde ich aber ihre Beweggründe für das Scheitern ihrer Ehe mit Kemal. Sie erwähnt ihrer Mutter gegenüber, dass Kemal sie schlägt (was, das muss ich wohl nicht erwähnen, absolut inaktzeptabel für Jede von uns ist), aber was geht den Schlägen voraus, was ist es tatsächlich, was die beiden nicht miteinander "können" läßt, wie Umay es ihrer Mutter gegenüber nennt. Was ist passiert, dass Umay, die Kemal doch hoffentlich aus Liebe geheiratet hatte, diesen Mann nun nicht mehr ertragen kann. Zumal ich denke, dass sie von Zuhause, die körperliche Gewaltanwendung betreffend, kein anderes Vorbild hatte (man denke nur an die Gewaltbereitschaft ihres älteren Bruders. Aber auch der Vater zögert nicht, Ungehorsam oder Widerspruch mit Ohrfeigen zu begegnen. Und Umay selbst schlägt den jüngeren Bruder im Streit). Was also ist der Grund für Umay, aus der ihr traditionell zugedachten Rolle aussteigen zu wollen? Ich vermute, dass sie als Kind türkischer Einwander, in Deutschland aufgewachsen, genau zu der Generation von jungen Menschen gehört, die nirgendwo richtig zuhause ist und somit "Die Fremde" bleibt. In der Türkei, im Schoß der Schwiegerfamilie ist sie einzig auf die Rolle der sanften Ehefrau, Mutter und Schwiegertocher/ Schwägerin etc. reduziert. Vielleicht hatte sie sich das Leben in der Türkei so nicht vorgestellt und sie weiß, dass sie mehr kann und will. Unter dieser Enttäuschung und in der Verzweifelung über ihre anscheinend ausweglose Situation, beschließt sie, Kemal zu verlassen und nach Deutschland zurückzukehren.Doch damit ist ihr Problem nicht gelöst. Ihre Familie in Deuschland ist natürlich hocherfreut, als Tochter und Enkelsohn unerwartet vor der Wohnungstür stehen, aber schon bald wirft die Mutter Umay besorgte Blicke zu, denn sie kann ihre Tochter nicht recht verstehen. Sie sieht vor allem, dass dem Kind Cem der Vater entzogen wird und weiß nicht recht, was der wirkliche Kummer Umays ist. Ähnlich geht es dem Vater Umays, der der Tochter zwar gewährt, für ein paar Urlaubstage bei ihnen zu bleiben, dann aber davon ausgeht, dass Umay wieder zu ihrem Ehemann zurückkehrt und es so auch mit Kemal am Telefon bespricht, denn dass dieser über Umays Verbleib in Kenntnis gesetzt werden muss, ist für die Familie Ehrensache. So wie vieles andere auch Ehrensache ist, denn Umays Ausbruch aus dem tradierten türkischen Lebensentwurf bringt die Ehre der Familie in Gefahr. Eine ungehorsame Tochter, die eigene Wege gehen will und sich gegen den vorbestimmten Verlauf entscheidet, eine Tochter, die sich nicht lenken läßt, ist für die türkische Gesellschaft ein Indiz erzieherischen Versagens, so wie der Vater es später auch äußert. Doch bleibt es für die türkische Gemeinschaft nicht nur beim verächtlichen oder herablassenden Tuscheln über diese ungehorsame Tochter und die Machtlosigkeit der Familie, sondern es hat auch Konsequenzen für deren Leben. Denn Umays jüngere Schwester Rana ist mit dem gutaussehenden Duran verlobt und schwanger von ihm. Die Eltern von Duran lösen die Verlobung der beiden , - keiner der Eltern weiß zu diesem Zeitpunkt von Ranas Schwangerschaft-, weil der Sohn nicht in eine unehrenhafte Familie heiraten kann. Dass sich zu diesem Zeitpunkt nicht nur Umay sondern auch Rana, aus traditionell türkischer Sicht, unehrenhaft verhalten hat, wird verschwiegen und mit einem ansehnlichen Stapel Euronoten kann der Ex-Verlobte wieder "eingekauft" werden.Umay aber stellt ihre Familie auf eine harte Probe: Sie will für sich ein freies und selbstbestimmtes Leben, aber trotzdem im Schoss des türkischen Familienclans aufgehoben sein. Und so pendelt sie zwischen verzweifelten Befreiungsversuchen (hefig die Szene, als sie sich von der Polizei aus der elterlichen Wohnung befeien läßt) und zärlichen, aber auch trotzigen Annährungsversuchen an die Familie, als sie etwa bei der Hochzeit ihrer Schwester uneingeladen erscheint, weil sie ihrem Sohn das Erlebnis, an der Hochzeit der Tante teilgenommen zu haben, nicht nehmen will. Oder als sie zum Zuckerfest mit einem Tablett voll türkischen Gebäcks vor der elterlichen Wohnungstür steht. Der herzkranke Vater aber weist sie ab, schaut dem geliebten Kind durch das Fenster hinterher, nur um zu sehen, dass die Tochter erneut gegen traditionelle Lebensentwürfe handelt, nun einen Freund hat und die Wiederversöhnung mit Ehemann Kemal in noch weitere Ferne rutscht. Ein Entfühungsversuch des Kindes durch den in Kenntnis gesetzten Vater scheitert und Umays Vater weiß sich keinen anderen Rat mehr, als in der Türkei einen "weisen" Mann um Rat zu befragen.Das Ergebnis dieser Konsultation ist, dass beschlossen wird, Umay zu töten. Und ausgerechnet der jüngere Bruder, der Umay besonders nahe steht, wird für diese Aufgabe ausgewählt, um sich als Mann zu bewähren. Verzweifelt sieht man den jüngeren Sohn in seinem Zimmer auf eine Lautsprecherbox einschlagen. Der ältere Bruder weint in seinem Zimmer, aber keiner zweifelt die Unausweichlichkeit des Bevorstehenden an.Nachdem der Vater, dessen schwachem Herz diese Aufregungen nun zu viel geworden sind, einen Herzinfarkt erleidet, kommt zur Versöhnung am Krankenhausbett zwischen Vater, Tocher und Schwester. Die Brüder ahnen davon aber nichts und als Umay das Krankenhaus verläßt, wird sie vom jüngeren Bruder verfolgt, der dann aber seinen Auftrag nicht ausführen kann und wegläuft. Der ältere Bruder hat alles beobachtet und steht plötzlich mit gezücktem Messer hinter Umay, die sich, mit dem Kind auf dem Arm, in dem Moment zu ihm umdreht, als er zusticht. Wortlos geht Umay in der letzten Szene des Filmes mit dem sterbenden Jungen im Arm die Strasse weiter. Zurück bleibt ein fassungsloser Mörder.Umay hat viel gewollt und letztlich doch verloren, denn der Preis, den sie für ihre Freiheit zahlen muss ist viel zu hoch.Ein sehr eindringlicher Film, der die Problematik türkischer Einwanderkinder der zweiten und dritten Generation sehr deutlich macht. Ich finde ihn sehr empfehlenswert und viele sollten ihn sehen!!