Lange habe ich damit gezögert, zu diesem Meisterwerk eine Rezension zu verfassen, sprechen doch Erfolg und Qualität des Filmes eigentlich für sich. Nur scheint sich das leider nicht bis nach Deutschland herumgesprochen zu haben. Während der Film in den USA das Sechsfache des umstrittenen Vorgängers eingespielt hat, kam er in Deutschland auf exakt die gleiche Besucherzahl wie "Nemesis". Das gibt doch zu denken.Ich denke, viele Fans der ersten beiden Generation tun sich bei diesem Film schwer, den Neustart an sich zu akzeptieren. Die neue Zeitlinie ist ein gewagter Versuch, das Franchise wiederzubeleben und doch ist es ein kreativer und erfolgreicher Weg gewesen. Es ist ja kein völliger Neustart ohne Bezug zum Alten, wie z.B. bei Batman oder 007. Schon das muss man den Machern sehr hoch anrechnen.Das der Film actionreich und schnell geworden ist und damit in erster Linie ein junges Publikum anspricht, mag zwar stimmen. Aber ohne eine neue Generation von Fans geht es einfach nicht. Die Frage ist, ob es dem Film gelungen ist, dennoch den Geist und das Flair von Star Trek zu bewahren. Und dies kann ich als Fan seit 1993 bejahen.Sowohl die Präsenz von Leonard Nimoy als auch das Spiel der neuen Darsteller geben dem Film eine geradezu klassische Aura. Die meisten neuen Schauspieler sind wirkliche Wiedergeburten der alten Helden, besonders Karl Urban, der neue McCoy repräsentiert wie einst DeForrest Kelley das gute Herz der Enterprise. Die Chemie im Team stimmt von Anfang an: der Film hat den richtigen Spagat zwischen Drama und Humor gefunden, die Designs wirken neuartig und sind doch voller nostalgischer Elemente und das ganze fühlt sich mehr nach Star Trek an als die letzten beiden TNG-Filme zusammen.In Deutschland taten sich Kirk und Spock im Kino schon immer relativ schwer, verglichen mit dem TNG-Boom der 90er Jahre und in sofern überrascht es nicht, dass anders als in den Staaten, wo Kirk und Spock Star Trek SIND, hier viele Fans der Next Generation nachtrauern. Aber Hand aufs Herz. TNG ist heute schon selbst wieder eine alte Serie, ein neues Jahrtausend hat begonnen und Picard und Data sind einfach zu alt für die große Leinwand geworden.Die Rückkehr zu Kirk und Spock war eine sehr sinnvolle und äußerst gelungen umgesetzte Entscheidung, die Darsteller überzeugen voll und der Film kommt bei den jungen Amerikanern sehr gut an. Noch nie zuvor hat Star Trek in den Staaten mehr Geld eingespielt oder bessere Rezensionen (z.B. RottenTomatoes oder IMDB) gehabt als dieser Film! Das spricht für sich.Wer meint, auf diesen Erfolg mit blindem Fan-Fundamentalismus antworten zu müssen: nur zu. Man sollte allerdings bedenken, dass der Vorwurf, der Film verletze die Prinzipien Star Treks sehr schnell auf den Rezensenten zurückfallen kann. Star Treks oberstes Prinzip ist UMUK: Unendliche Möglichkeiten in unbestimmten Kombinationen. Das ist das oberste, seit den 60er Jahren bekannte Prinzip und genau diese Möglichkeiten erforscht dieser Film. Das dazu auch Action, Spannung und tolle Effekte kommen, ändert nichts an der Tatsache, dass dieser Star Trek Film ein zutiefst menschlicher, ehrlicher, bewegender und unterhaltsamer Film über Schicksal, Freundschaft und Mut ist und noch dazu der Auftakt eies ganz großen Abenteuers. Denn das dieser Film noch viele erfolgreiche Nachfolger haben wird, daran zweifelt der informierte Fan eigentlich nicht mehr, auch wenn sich man einer der im Gestern verhafteten Alleswisser daran stören mag.Ist die Handlung des Films etwas dünner und mehr auf Zufällen aufgebaut, als bei vergleichbaren Genre-Filmen? Mag sein. Aber wo ist das Problem? Wer beurteilt denn einen Song nur nach seinem Text? Wer analysiert nur den Inhalt eines Gemäldes und achtet dabei nicht auf seine künstlerische Gestaltung? Ein Film ist viel mehr als der sein Handlungsfaden (der hier zwar durchaus Niveau hat, aber sicher nicht das Non-Plus-Ultra der Drehbuchgeschichte darstellt). Ein Film, ganz speziell dieser Film, ist eine Summe vieler Faktoren. Dazu gehören überzeugendes Schauspiel, Regiestil, Effekte, Geräusche, Cinematograhie, der Soundtrack, Stimmung, Emotionen und vieles mehr! Und all das hat "Star Trek" (2009) nun wahrlich zu genüge! Wer nur Inhalte analysieren möchte wie ein Literaturprofessor lese bitte Bücher. Ein Film ist viel viel mehr als das: er ist ein audiovisuelles Kunstwerk! Und genau das ist dieser Film.Das soll allerdings keineswegs heißen, dass der Film nicht voller starker, epischer Motive ist. Nicht nur wird auf sehr bewegende Art der Völkermord an einem altehrwürdigen Volk allegorisch dargestellt, sondern auch die Mächte des Schicksals beschworen, die die Crew der Enterprise trotz der geschehenen Katastrophen und Veränderungen wieder zusammenführen. Manches mag wie Zufall wirken, zu erkennen ist aber eine ordnende Hand, die den Untaten Neros entgegenwirkt.Ein Plot ist durchaus kohärent erkennbar, auch wenn seine esoterisch angehauchte Natur nicht jedermanns Geschmack sein mag.Das Neros Motive für den Völkermord an den Vulkaniern obskur und rational nicht nachvollziehbar bleiben ist KEIN Problem des Drehbuchs. Denn welcher realgeschichtliche Völkermord war bitte schön rational begründbar? Wahnsinn bleibt Wahnsinn, nur die Wirkungskraft der Waffen entscheidet über die Folgen solcher Verblendung! Und natürlich, ob jemanden bereit ist, sich dem völkervernichtenden Wahnsinn entgegenzustellen, wie hier eindrucksvoll die Crew der Enterprise!Die Qualität des Drehbuchs kann jedenfalls gar nicht so schlecht sein, wenn es den jüdischen Schauspiel-Veteran Leonard Nimoy, der die Zeit eines leider sehr realen Völkermords noch miterlebt hat, nach über einem Jahrzehnt aus dem selbstgewählten Ruhestand zurückholen konnte, nicht wegen Geld, sondern wegen der Qualität der Geschichte.Die Diskussion darum, ob ein neuer "Star Trek"-Film (oder eine Serie) dem Erbe Roddenberrys gerecht wird, ist übrigens so alt wie das Franchise selbst. Spätestens seit dem Tod des "Großen Vogels der Galaxis" 1991 diskutiert sich die Fanszene beinahe zu Tode, anstelle "Star Trek" einfach zu leben: nämlich Toleranz und Offenheit für Neues.Die Argumente, die hier gerade gegen den neuen Film verwendet werden, hat man in der einen oder anderen Form auch schon gegen Filme wie "Der erste Kontakt" oder "Generations" verwendet oder hat ganze Serien wie DS9 zu unwürdigem Star Trek erklärt. Alles nichts Neues! Neu allerdings ist, dass es "Star Trek" (2009) zum ersten Mal gelungen ist, endlich wieder frische Fans zu gewinnen, die endlich jene Fans ersetzen können, denen kein Star Trek lieber als zeitgemäßes Star Trek ist!Gene Roddenberry, der sich ja in so manch einer Rezension fleißig im Grab herumdrehen muss, hat einmal gesagt, dass er es begrüßen würde, wenn nach seinem Tod neue Leute ein noch besseres Star Trek schaffen würden, dass sein Star Trek alt aussehen lässt! Genau das ist JJ Abrams und seinem Team nun eindrucksvoll gelungen.Ganz nebenbei: Zu loben ist auch das Wendecover der BD, das es leider bei der DVD nicht geben wird.