★★★★★
J.A.Hallbauer ;Doc Halliday
27.10.2024
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Das Thema und der Ablauf, auch das bewegende Ende, sind schnell erzählt, in einigen Rezensionen schon "gespoilert", was der Faszination jedoch nicht abträglich ist.Der Handwerker Jean (Vincent Lindon) ist glücklich verheiratet, der Umgang der Familienmitglieder miteinander ist liebevoll, ein wiederkehrender Handlungsstrang ist das Waschen der Füße seines betagten Vaters durch Jean.Anstelle der erkrankten Ehefrau holt er seinen Sohn von der Schule ab und lernt so dessen Lehrerin, Mademoiselle Chambon, kennen. Auf den ersten Blick ist schon ein Funke übergesprungen, den Vorschlag seiner Ehefrau (Aure Atika), die neue Lehrerin zum Essen einzuladen, lehnt er ab, man merkt ihm aber an, daß er sie gerne wiedersähe.Nachdem er vor Mademoiselle Chambons Schulklasse in einfachen Worten, die Schüler aber beeindruckend, von seiner Arbeit als Maurer berichtet und erklärt hat, was ihn an der Arbeit so fasziniert, berichtet die Lehrerin von einem zugigen Fenster in ihrer Wohnung. Er erklärt sich bereit, es gegen Entlohnung auszutauschen.Sie bereitet vor seiner Ankunft mit Werkzeug und neuen Fensterflügeln liebevoll arrangiert einen Teller mit Keksen vor, er räumt vor Beginn der mit Schmutz verbundenen Arbeit ihre Geige beiseite. Nach Beendigung der Arbeit bittet er sie, ihm etwas auf der Geige vorzuspielen, er kennt den Titel eines von ihm geliebten Stückes nicht, sie ziert sich zuerst, spielt es dann aber mit dem Rücken zu ihm.Bei dem Stück handelt es sich um die Suite D minor (Moll) von Edward Elgar , die es auch in einer Version mit Klavierbegleitung gibt. Ist dieses Stück wichtig? Unbedingt, denn das Stück beschreibt für mich zwei Gefühle : einmal Melancholie, dann verhaltene Fröhlichkeit oder Optimismus.Dieses Stück hören wir als musikalische Begleitung der Handlung und der wechselnden Stimmungen immer wieder.Nachdem sie gemeinsam auf einem Sofa sitzend das Stück noch einmal als CD gehört haben, kommt es zur vorsichtigen Annäherung, zunächst ein kürzerer sanfter Kuss, dann länger und inniger.Jean steckt danach in einem inneren Zwiespalt: seine Frau erzählt von ihrer erneuten Schwandgerschaft, was seine Einstellung natürlich ins Wanken bringt.Auch ihr , die bisher immer nur für ein Schuljahr als Vertetung an diversen Orten gearbeitet hat, wird jetzt eine feste Anstellung angeboten.Der Kontakt flaut ab, sie geht wiederholt nicht ans Telefon, wenn er auf den Anrufbeantworter spricht, später besucht sie ihn auf der Baustelle, er bleibt reserviert, ihr gelingt es auch nicht, ein Gespräch über die Beziehung in Gang zu bringen.Jeans Ehefrau leidet, er sei nicht bei ihr, verändert, auch bei der Arbeit gibt es Zoff, nachdem er einen Winkelschleifer geschrottet hat.Schließlich teilt sie der Schulleiterin mit, daß sie das Stellenangebot ausschlägt, was Jean traurig, aber auch erleichtert scheinend , zur Kenntnis nimmt.Am Tag vor ihrer Abreise schlafen sie zum ersten Mal miteinander, er wiil sie am nächsten Tag zum Bahnhof bringen. Sie ist dann aber schon per Taxi weggefahren. Jean folgt ihr mit gepackter Reisetasche, hetzt durch die Unterführung zu ihrem Bahnsteig, wird dann aber immer langsamer und bleibt unten, während sie immer wieder erwartungsvoll zur Treppe blickt und schließlich resigniert einsteigt.Manche Aspekte kann man, und das lese ich bei den Mitrezensenten, unterschiedlich sehen. Wechselt sie jährlich die Stellen, weil sie sich nicht binden will? Oder nie den richtigen Mann findet? Ist sie schon öfter enttäuscht worden?Zieht er sich zurück, weil er aus Pflichtgefühl gegenüber seiner tollen Familie und Liebe zu seiner Heimat keine neue Liebe und Veränderung eingehen und riskieren will? Oder ahnt er, daß Liebe und Verliebtheit nicht dasselbe sind?Wie auch immer, mehrere Deutungen sind möglich, und das ist das Schöne an diesem Forum: durch fundierte Rezensionen erhält man einen neuen Blick auf einen Film, erkennt neue Interpretationsmöglichkeiten, auch durch Rezensenten, denen der Film nicht gefallen hat.Und das ist das Besondere an den Rezensionen zu diesem Film: überwiegend positive, vor allen Dingen aber fast nur aussagekräftige, fundierte Ansichten anstatt nichssagendem Lob oder Verriß.Ich kann mich an dieser Stelle bei vielen Mitrezensenten bedanken, die meine Ansicht bereichert haben, ganz besonders bei demjenigen, der schon oft meine Meinung zu einem Film geteilt und mir wertvolle Tipps gegeben hat (vice versa), so auch zu diesem zauberhaften Film.Noch ein letztes Wort zu den Darstellern: V.Lindon, den ich schon kannte, gibt den im Gefühlszwiespalt lebenden Maurer überzeugend, auch in den Szenen , in denen er den Beruf ausübt.Die mir bisher unbekannte Sandrine Kiberlain, eine sympathische, zurückhaltende Schönheit, gefällt nicht nur durch ihr gefühlvolles Spiel, sondern auch als Violinistin: noch nie habe ich einen Schauspieler/in derart glaubwürdig an der Geige gesehen, daß sie nicht die Violinistin ist, sah ich zuerst an der Bogenführung, die nicht ganz stimmte, während das Greifen der Seiten mit der Linken weitgehend gelungen war.Der Film ist für mich einer der wunderbarsten Liebesfilme (Liebesdrama) überhaupt, da kann keine hochgelobte und oskarprämierte Hollywood-Romanze mithalten.Doc Halliday
Ein sympathischer, sensibler Film mit sympathischen Darstellern, die eine alltägliche Liebesgeschichte mit stiller Eindringlichkeit erzählen. Der Schmerz des unglücklichen Paares, das die Unmöglichkeit seiner Hoffnungen auf Glück und Erfüllung erkennen muss, wird sehr glaubwürdig dargestellt. Aber auch die Atika spielt die bedrohte Ehefrau feinfühlig und echt. Für die geschwätzigen Franzosen scheint der wortkarge Jean untypisch zu sein, aber wie die Gefühle wortlos sprechen und wirken ist schon ein Erlebnis. Die Kiberlain ist trotz ihrer mageren Herbheit sehr anziehend. Wie ich las, waren Kiberlain und Lindon jahrelang auch privat ein Paar. Selten habe ich Einsamkeit (bei Veronique) und brennendes Bedürfnis (bei Jean) so glaubwürdig und authentisch dargestellt gesehen. Aber das vage, halbherzige Ziehen aneinander und die Unfähigkeit, entschlossen für die Liebe zueinander zu gehen, macht das schmerzhafte Finale konsequent und verständlich. Selten wird so plastisch dargestellt, wie Zögern und Versagen (bei Jean) in grauer Resignation mündet. Alles deutet darauf hin, dass er seine Lebendigkeit verraten und verspielt und sein Leben verpfuscht hat. Die Beiden ziehen den Zuschauer unwiderstehlich in ihren Bann und man fühlt sehr tief mit ihnen mit, doch hält sich Bedauern in Grenzen. Wie bekannt ist mir diese Konstellation vorgekommen! Empfehlenswert.