Wie viele andere Leser auf der ganzen Welt warte ich seit langem (8 years and counting) auf „Winds of Winter“, den nächsten Band der „A Song of Ice and Fire“-Serie. Als „Fire & Blood“ angekündigt wurde, habe ich es einfach bestellt, ohne mich lange damit zu beschäftigen. Dass es um Ereignisse in der Vergangenheit gehen würde, war mir klar, doch als ich das Buch endlich in Händen hielt, musste ich feststellen, dass es sich nicht um einen herkömmlichen Roman handelt, sondern ein Geschichtsbuch. Auch nach der Lektüre dieses dicken Brockens bin ich geteilter Meinung, denn …Dieses Buch ist beeindruckend: Auf über 700 Seiten erzählt George R. R. Martin in der Rolle des Archmaesters Gyldayn die Geschichte der Targaryens, beginnend mit ihrer Invasion und Eroberung von Westeros. Dieses Werk ist auf 2 Bände ausgelegt, wobei „Fire & Blood“ ziemlich genau die Hälfte ihrer 300-jährigen Herrschaft umschreibt, König um König, teilweise Jahr für Jahr. „Maester“ Martin geht dabei chronologisch und sehr systematisch vor und lässt so den Leser am Aufstieg und Fall der verschiedenen Herrscher teilhaben. Jeder Fan der „Ice and Fire“-Serie weiß, dass George R. R. Martin Details liebt, und mit diesem Werk treibt er diese Obsession auf die Spitze. Hunderte von Charakteren begegnen dem Leser auf seiner Reise durch die Jahrzehnte; komplizierte Familienbeziehungen und Handlungsstränge werden elegant und wortgewandt miteinander verwoben; die Herrschaft der Targaryans – mit all ihren Höhen und Tiefen – wird zu meist blutigem Leben erweckt. Ich muss zugeben, dass mir ein Werk dieser Art, welches sich mit ungeahnter Komplexität der Vorgeschichte einer fiktionalen Welt widmet, so noch nicht begegnet ist. Ich glaube nicht, dass es viele Autoren gibt, die überhaupt in der Lage gewesen wären, diese Geschichte so zu erzählen, denn im Gegensatz zu normalen Geschichtsbüchern gibt es ja keine tatsächliche Geschichte, auf die der Autor zurückgreifen könnte. Jedes winzige Detail hat George R. R. Martin aus dem Nichts, bzw. aus den Informationsbrocken geschaffen, die er auf seine früheren Romane verteilte. Die Geschichte der Targaryans wirkt dabei zu keinem Zeitpunkt unrealistisch, sondern ist – trotz herumfliegender Drachen – vollkommen überzeugend, als könne es sich genau so abgespielt haben.Dieses Buch ist enttäuschend: Was die „Ice and Fire“-Serie so gut macht, sind nicht nur die packende Story, die komplexen Charaktere und der unglaubliche Detailreichtum dieser Welt, sondern auch die Art, wie George R. R. Martin seine Geschichte erzählt – immer aus dem Blickwinkel der Charaktere, sodass man mit ihnen fühlt, mit ihnen leidet, mit ihnen blutet und mit ihnen triumphiert. Genau das fehlt in „Fire & Blood“. So wortgewandt der Maester auch sein mag, es bleibt eine Nacherzählung vergangener Ereignisse, ohne dass man den Protagonisten allzu nahe kommen könnte, denn gerade, wenn man das will, sind sie bereits tot und andere nehmen ihren Platz ein. Aus diesem Grund war „Fire & Blood“ für mich nicht so mitreißend wie die „richtigen“ Bücher der Serie. Außerdem waren mir die Targaryans ehrlich gesagt nicht sonderlich sympathisch. Sie lieben und leben Inzest, das haben sie – so die Geschichte – immer getan. Ich kann mit Inzest nichts anfangen, da bin ich wohl erzogen worden wie das „Smallfolk“ von Westeros. Irgendwann ging es mir dann schon auf die Nerven, wenn ständig Brüder und Schwestern und andere Verwandte miteinander verheiratet wurden. Ihren „Exceptionalism“, der besagt, dass Inzest für Targaryans okay ist, weil sie Drachen fliegen und somit etwas Besonderes sind, können die sich in ihre silbernen Haare schmieren. Sieht so aus, als wäre ich wohl dem Aufruf des High Septons gefolgt und gegen die „Abominations in the eyes of gods and men“ in den Krieg gezogen, um dann von einem Drachen verbrannt zu werden. Glück gehabt, dass dieser Konflikt, der selbstverständlich auch in epischer Breite in diesem Buch zur Sprache kommt, längst vorbei ist und die Knochen der Targaryans zu Staub zerfallen sind.Insgesamt bereue ich den Kauf des Buches nicht. Allein schon die vielen Zeichnungen, die den Text begleiten und ausschmücken, sind ihr Geld wert. Für diese Kunstwerke war Doug Wheatley verantwortlich, dessen Artwork ich noch aus der großartigen Star-Wars-Serie „Dark Times“ kenne. Seine Darstellung der Targaryans und ihrer Drachen ist sehr gut gelungen und wertet das Buch zusätzlich auf.„Fire & Blood“ erhält von mir 4 Sterne. George R. R. Martin ist ein Meister des geschriebenen Wortes, und daran kommen auch bei diesem Werk keinerlei Zweifel auf. Dennoch bin ich mir nicht sicher, ob es wirklich Sinn macht, zu einer bisher lediglich 5 Bände umfassenden Fantasy-Serie Geschichtsbücher zu schreiben. Wenn man diese Frage mit „Ja“ beantwortet, sollten sie allerdings exakt so geschrieben werden, wie es im vorliegenden Band geschehen ist. Wer alles über die Herrschaft der Targaryans wissen will, der wird mit „Fire & Blood“ sehr glücklich werden, wer einfach nur einen guten Fantasy-Roman lesen wollte, wird hingegen vielleicht etwas verwundert dreinschauen.The Winds of Winter are coming … hopefully.