Woodleigh Common, ein verschlafenes Dorf, nicht weit von London. Im Haus Apple Trees gibt die Gastgeberin, Rowena Drake, eine Halloween-Party für Kinder. Bei einem der Spiele, bei dem man in einem Bottich schwimmende Äpfel mit den Zähnen herausfischen muss, wird ein Mädchen ertränkt. Kurz zuvor hatte es damit geprahlt, vor einiger Zeit einen Mord beobachtet zu haben. Ein fataler Fehler; offensichtlich, um der anwesenden Krimi-Schriftstellerin Ariadne Oliver zu imponieren. Mrs Oliver ist eine gute Bekannte von Meisterdetektiv Hercule Poirot, den sie alsgleich zur Ermittlung des Falles hinzuzieht.„Halloween Party“ (erschienen 1969) ist der 60. Krimi aus der Feder von Agatha Christie – und wie ich meine, einer ihrer allerbesten. Wenig Tempo, aber viel Dramatik. Ariadne Oliver ist klar als Alter-Ego Christies erkennbar. Poirot, eitel wie immer (diesmal drücken ihn seine eleganten Stadtschuhe am rauen Land), geht bedächtig, doch akribisch bei der Mordermittlung vor.Den Großteil des Romans machen Haus-zu-Haus-Befragungen des Detektivs aus, wobei er alle bei der Party Anwesenden plus interessante Nebencharaktere unter die Lupe nimmt. Natürlich muss er auch Ecken und Winkel der Vergangenheit ausleuchten, um den komplexen Fall zu knacken.Das Opfer, die dreizehnjährige Joyce Reynolds, war ein wenig sympathisches Kind, das zu Prahlerei und Lüge neigte, um Aufmerksamkeit zu erhaschen. Ihre Aussage, sie habe einen Mord gesehen – ob wahr oder nicht – kostete sie das Leben. Doch wer hatte ein Motiv, sie kurzerhand im Apfeleimer zu ertränken?Im krassen Gegensatz zur derben Joyce steht ihre wohl einzige Freundin, Miranda Butler (12), die Poirot als klug, grazil und elfenhaft beschreibt und die sich am liebsten in der freien Natur herumtreibt. Was weiß Miranda? Was weiß ihre Mutter, Judith (35), eine Reisebekanntschaft von Ariadne Oliver, die mi ihrem langen blonden Haar und grünen Augen wie die personifizierte Lorelei aussieht?Die Hausherrin der Party, Rowena Drake (Mitte vierzig), Witwe, die es liebt, stets das Kommando zu übernehmen, ist eine weitere interessante Figur. Dominant wie Lady Macbeth. Ebenso der Landschaftsarchitekt Michael Garfield, ein in die Schönheit verliebter Schönling. Narziss pur.Aus der Vergangenheit spielen die verstorbene steinreiche Mrs Llewelyn-Smythe, ihr verschwundenes Au-pair Olga Seminoff, sowie der erstochene Jurist Lesley Ferrier, ein Schürzenjäger, wichtige Rollen zum Zusammensetzen des Kriminalpuzzles.Mrs Llewelyn-Smythe hatte außerhalb von Woodleigh Common einen alten Steinbruch begrünen und in den märchenhaft wilden Park Quarry Garden umwandeln lassen; eine Art Garten Eden mit unheimlichen Orten, in die der Luzifer in Menschengestalt Einzug gehalten hat. So metaphorisch sieht zumindest Poirot die Sache.Gegen Ende hin nimmt der Roman an Dramatik rasant zu. Es passiert ein weiterer Mord und es gilt, einen nächsten zu verhindern.Mein Tipp ging auf, wer für die Untaten verantwortlich ist, wenngleich ich betreffender Person noch einen weiteren Mord zugeschrieben hätte, der aber im Buch nicht als solcher angesehen wird.„Halloween Party“ erschien im Deutschen unter dem Titel „Die Schneewittchen-Party“ (warum, entzieht sich der Logik).Wie dem auch sei, der Roman ist großartig komponiert. Man braucht Geduld – wie Poirot. Doch am Ende wird man belohnt. Agatha Christie in Hochform.