Nach den ersten drei Romanen von Chuck Palahniuk - INVISIBLE MONSTERS, SURVIVOR, FIGHT CLUB - fragte ich mich, warum ich diesen Autor eigentlich immer weiter lese. Ich hatte das Gefühl, mir wäre alles zu viel und ich würde nur die Hälfte verstehen. Dann bekam ich sein viertes Buch CHOKE in die Finger und begriff es. Plötzlich sah ich, was der Autor tat und die anderen Romane öffneten sich mir von Neuem.Es gibt keinen Schriftsteller, der so gnadenlos und entblößend mit unserer Gesellschaft umgeht. Niemand legt den Finger so direkt auf die Wunden und pult darin herum. Nicht nur ist Palahniuk dabei klinisch präzise, er eröffnet dem Leser einen Blickwinkel, der bis dahin scheinbar überhaupt nicht existiert hat. Mit seinem horrenden Wissen von Fakten unterstreicht er dabei seine Story, macht sie realer und fieser, als jede Dokumentation sein könnte.Und dann kommt seiner neuer Roman heraus und führt die bisherige Arbeit nahlos weiter.Es ist nicht nur unheimlich, was hier geschrieben ist, es ist nicht nur beängstigend - es ist sowas von düster und ironisch zugleich und steckt voller Ideen, die für zehn Bücher gereicht hätten. Man liest atemlos, man grinst und greift sich gleichzeitig vor Schreck an den Kopf. Denn hier schreibt jemand nicht nur über Amerika, er redet über die gesamte Weltlage und das Chaos um uns herum. Dabei gelingt es ihm dennoch einen postiven Ton anzuschlagen, so daß man sich immer wieder fragt: Wie schlimm ist es wirklich? Wie schlimm kann es noch werden? und: Was tue ich dagegen?LULLABY ist eine Parabel, die viele zur Seite legen werden, weil sie nicht wissen wollen, was in der Absurdität dieses Lebens möglich ist. Niemand schaut gerne in den Spiegel, um zu checken, wie gemein oder häßlich er seit gestern geworden ist. Niemand will wissen, was die eigenen Gedanken verbergen. Palahniuk kann das. Er bedeckt einen mit Häßlichkei und Schönheit, mit Hoffnung und Ausweglosigkeit und mischt die Phantasie mit der Realität, bis man beide nicht mehr voneinander unterscheiden kann.Chuck Palahniuk geht mit seinem neuen Roman diesen besonderen Schritt weiter, den man sich von der großen, neuen Literatur wünscht. Ein leuchtendes Buch mehr im Regal.