Ich möchte vorausschicken, dass ich die Bücher von Ian McEwan unheimlich gerne lese (geradezu verschlinge), weil sie so gut geschrieben und recherchiert sind und oft auch ein bisschen (schwarzen) Humor zeigen. Ich bevorzuge die Originalversion, weil durch die Übersetzung doch immer wieder einiges verloren geht.Wer etwas mehr als "Schulenglisch" beherrscht, sollte diese Bücher jedenfalls auf Englisch lesen!Kommen wir zu "Enduring Love".Ein sehr schöner, stimmiger Roman in gewohnt hoher schriftstellerischer Qualität, aber auch mit einigen Schwächen. Was besticht? Zuallererst die wundervolle Sprache. Dann der scharfe Blick auf die Spezies Mensch mit all ihren Stärken und Schwächen, Unsicherheiten und Eitelkeiten. Schließlich die durchaus interessanten Charaktere.Der Plot? Joe und Clarissa, ein glückliches Paar, dessen Beziehung durch die Ereignisse enorm strapaziert wird. Die Gründe dafür: Ein schreckliches Ballon-Unglück und Jed, der Stalker. Wie entwickelt sich die Beziehung? Wachsen die beiden zusammen - oder driften sie auseinander???Manko Nr. 1: Meines Erachtens ist die ganze Geschichte ein bisschen zu dick aufgetragen. Wir haben zwei Handlungsstränge, von denen einer völlig gereicht hätte:a) Wie gehen Menschen damit um, in ein Unglück (hier: Einen Ballon-Unfall mit tödlichem Ausgang) verstrickt zu sein – was bewirkt der Schock in ihnen – wie gehen sie mit den Schuldgefühlen um (habe ich genug getan? Etc?)b) Das De-Clérambault-Syndrom (Liebeswahn) – wer sich für Psychologie interessiert, wird diese Schiene des Romans lieben - McEwan liefert eine meisterhafte Charakterstudie: Die Gefühlswelt des Stalkers, fern ab von jeglicher Realität, und die Gefühle des Gestalkten – was empfindet er, wie reagiert er, wie leidet seine Beziehung darunter?Beides für sich wäre eine gute, verfolgenswerte Geschichte. Beides zusammen ist hingegen zu viel. Letztendlich wird zu wenig aufgelöst. Viele Fragen bleiben offen. Zu Vieles bleibt unausgesprochen, ungeprüft, unbewertet.Manko Nr. 2: Die Beziehung von Joe und Clarissa ist angeblich so gut, so problemlos. Umso seltsamer, wie allein Joe mit seinem Problem (dem Stalker) bleibt. Clarissa reagiert höchst seltsam, glaubt ihm nicht, hält ihn eher für „krank“ als seine Story für wahr.Warum das so ist, wird mE nicht ausreichend erklärt – die sehr fadenscheinigen Ansätze sind mir da definitiv zu wenig.Auch die Reaktion der Polizei ist höchst befremdlich. Ich kenne mich im britischen Recht nicht aus, aber würde man jemandem, der von einem Stalker genervt wird (permanente Anrufe/der Kerl steht vor der Haustür/usw.) nicht den Zivilrechtweg empfehlen? Eine einstweilige Verfügung, die dem Stalker verbietet, sich dem Gestalkten auf soundso viele Meter zu nähern? Kontakt mit ihm aufzunehmen? Usw?Die Gleichgültigkeit der Polizei erscheint mir etwas unwahrscheinlich (ja geradezu dilettantisch).Trotzdem ist das Buch empfehlenswert, weil es exzellent geschrieben und spannend zu lesen ist.