Ein gefeierter, aber gesundheitlich angeschlagener Autor, der es noch einmal wissen will. Ein liebenswerter Pudel, der „Ftt“ sagen kann, als Reisebegleiter. Ein Truck mit dem gewissen Etwas. Frühe Erkenntnisse über das Unwesen der Jagd, die Umweltzerstörung, das grenzenlose Wachstum. Konfrontation mit dem Rassismus. Die Majestät der Sequoias. Avalon in Neuengland. Eine fast magische Begegnung mit zwei Kojoten der Mojave. Ein Buch der Extraklasse.John Steinbeck – kaum ein Name steht so für amerikanische Literatur mit sozialem Gewissen wie seiner. „Von Mäusen und Menschen“ (1937) oder „Früchte des Zorns“ (1939) – beide über die Schicksale von Wanderarbeitern – legen davon Zeugnis ab. Für zweiteres Werk erhielt er 1940 den Pulitzer Preis. 1962 wurde sein Gesamtwerk mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Im selben Jahr erschien „Travels with Charley: In Search of America“ – mein Favorit aus Steinbecks Feder.1960, im politisch richtungsweisenden Wahljahr JFK vs. Richard Nixon, beschloss Steinbeck sich auf die Reise durch sein riesiges Heimatland zu machen, coast to coast, New York to California and back. Er hatte das Gefühl, als Schriftsteller den Gegenwartsbezug zu den USA verloren zu haben. Steinbeck fühlte sich in seinem künstlerischen Schaffen als „Krimineller“: “I, an American writer, writing about America, was working from memory… I had not felt the country for 25 years. I was writing of something I did not know about, and it seems to me that in a so-called writer this is criminal.“Für sein Vorhaben kaufte Steinbeck einen grün lackierten Pick-up-Truck mit speziellem Camper-Aufsatz in Weiß, ausgestattet mit Bett, Küche, WC und Stauraum. Dieses Vehikel taufte er Rocinante, nach dem Pferd Don Quijotes. Als einzigen Reisebegleiter wählte der gesu8ndheitlich lädierte Literat (Herzschwäche) seinen zehnjährigen französischen Pudel Charley, den er so schön als „Diplomaten mit dem Gebrüll eines Löwen“ charakterisiert.Schon bei der Beschreibung des Hundes hatte er mich als Leser für die Reise an Bord geholt: “He is the only dog I ever knew who could pronounce the consonant F.“ Wenn Charley ein dringendes Bedürfnis zum Ausdruck bringen möchte, artikulierte er dies mit „Ftt!“ Ab hier wäre ich am liebsten sofort zugestiegen.Los ging die US-Rundfahrt für den 58-Jährigen Steinbeck am 23.Sptember (wie es der Zufall so will, mein Geburtstag). Von seiner Hütte in Sag Harbor, auf Long Island, New York, steuerte er Rocinante gegen Nordosten, in die Neu-England-Staaten.Der dort für mich interessanteste Ort: Deer Isle, ein vorgelagertes Inselchen, wo südwestenglische Mundart gesprochen wurde, ganz unamerikanisch. “There is something about it that opens no door to words … This isle is like Avalon; it must disappear when you are not there.“Steinbeck wäre nicht Steinbeck gewesen, hätte er nicht auch Kontakt mit kanadischen Wanderarbeitern (Canucks) gesucht und seine Eindrücke festgehalten.Der Jagd an sich nicht abgeneigt, beschreibt Steinbeck mit Abneigung und Sarkasmus das alljährliche Gemetzel in den Wäldern Neuenglands, wenn die Jagdsaison anbricht: “I know there are (…) good and efficient hunters (…) but many more are over-weight gentlemen, primed with whisky and armed with high-powered rifles. They shoot at everything that moves or looks as though it might, and their success in killing one another may well prevent a population explosion.“Als Tierrechts-affiner Mensch brachte mich seine bitter-amüsante, pointierte Beschreibung zum Schmunzeln. Erneut hatte mich Steinbeck an Bord. Und er treibt den Spott gegen die Hobbykiller noch weiter: “If the casualties were limited to their own kind, there would be no problem, but the slaughter of cows, pigs, farmers, dogs, and highway signs make autumn a dangerous season in which to travel.“ Plus Anekdote: “The radios warned against carrying a white handkerchief. Too many hunters seeing a flash of white have taken it for the tail of a running deer…“Auch zur Umweltverschmutzung macht er sich seine Gedanken – und das 1960 (!): “The mountains of things we throw away are much greater than the things we use. (…) I wonder whether there will come a time when we can no longer afford our wastefulness – chemical wastes in the rivers, metal wastes everywhere, and atomic wastes buried deep in the earth or sunk in the sea.“Ein wenig spooky wird es, wenn er im Nirgendwo von New Hampshire in einem Motel ein- und auscheckt, ohne je eine Menschenseele darin gesehen zu haben: “The empty place disturbed me deeply, and come to think o fit, it still does.“Auf seiner Reise durch den nördlichen Mittelwesten nahm ich wenig mit, bis auf den Trivia-Punkt mit Fargo, North Dakota. Faltet man eine US-Landkarte genau in der Mitte, dann liegt diese Stadt genau im Knickpunkt.Schließlich geht‘s über den Missouri in die Badlands, ein unwirtliches Gebiet, das Steinbeck als landschaftliches „Werk bösartiger Kinder, als Platz gefallener Engel, als idealen Ort für eine Kolonie von Troglodyten oder Trollen“ beschreibt. Er fühlt sich darin unwohl und hat eine Hemmung, viel darüber zu schreiben. Außer, dass es einer der wenigen Orte wäre, wo „die Nacht freundlicher als der Tag“ sei.Angekommen in Montana lässt Steinbeck seiner Euphorie freien Lauf: “Montana has a spell on me (…) Of all the states it is my favorite and my love.“ Er versucht es erst gar nicht rational zu erklären: “It‘s difficult to analyze love when you’re in it.“Im Yellowstone Nationalpark wird der sonst so entspannte Charley zur Furie. Immer, wenn er draußen Bären sieht, bellt und tobt er in Rocinante: “Bears simply brought out the Hyde in my Jekyll-headed dog.“Weiter geht’s gen Westen über die Kontinentalscheide und Rocky Mountains nach Oregon. Charley bereitet große Sorgen wegen seiner Prostatitis. Steinbeck findet Ablenkung in den Sequoias, deren Majestät, Größe und Alter er bewundert: “They are not like any trees we know; they are ambassadors from another time. (…) We are very young and callow in a world that was old when we came into it.“ Mit Geduld bringt er Charley dazu, sein Geschäft an einer dieser Majestäten zu verrichten – und vergleicht ihn ironisch mit Galahad, der den Gral gesehen hatte.Zurück in Nordkalifornien, seiner Heimat (Steinbeck wurde in Salinas geboren), ist er enttäuscht über die fortschreitende Verbauung und die Bevölkerungszunahme und findet wieder Worte, die heute noch zeitgemäßer als 1960 klingen. Sogar die Wachstumsfanatiker müssen “gradually becoming aware that there must be a saturation point and the progress may be a progression toward strangulation“.Los Angeles lässt er links liegen und führt Rocinante Richtung Osten in die Mojave-Wüste. Dort kommt es zu einer Begegnung mit zwei Kojoten, die meine absolute Lieblingsstelle in Steinbecks Reisebericht ist – lediglich drei Seiten lang, aber äußerst einprägsam…In etwa 50 Metern Entfernung sieht er die beiden Tiere und beobachtet sie durch das Zielfernrohr seines Jagdgewehrs. Er ist nah daran, den Abzug zu betätigen, sieht das blutige Ergebnis bereits vor sich. Schließlich war ihm von klein auf eingeimpft worden, dass Kojoten „Ungeziefer“ sind, die getötet werden müssen. Sie zu eliminieren wäre ein „Dienst an der Öffentlichkeit“. Wieder und wieder hörte ich mich stumm schreien „Tu’s nicht!“. Die nächsten Zeilen würden entscheiden, ob ich Steinbeck weiterhin mögen oder ab nun verabscheuen würde…Katharsis! SPOILER! Es bleibt beim Mögen. Er verschont die Kojoten und stellt ihnen sogar zwei Dosen Hundefutter in die Wüste. Denn Steinback erinnert sich an ein ungeschriebenes Gesetz aus China, das besagt: Rettest du jemandem das Leben, bist du für dieses Lebewesen ab nun verantwortlich.Über Arizona und New Mexico geht die Reise weiter ostwärts ins weite und großspurige Texas: “Texas is a state of mind. Texas is an obsession.“ Man liebt oder hasst es, laut Steinbeck. Mittelweg kaum begehbar.Vom Lone Star State führt die Reise in den Tiefen Süden der USA, dort wo der Rassismus anno 1960 sein ekelhaftes Gesicht emporreckte. Steinbeck ist angewidert und entsetzt: “The breath of fear was everywhere.“ und “I knew I was not wanted in the South.“ In New Orleans wird er Augenzeuge, wie ein Mob weißer, mittelständischer Hausfrauen (die sog. Cheerleaders) völlig hysterisch und hasserfüllt demonstrieren. Der Grund: die 6-jährige Ruby Bridges will als Schwarze eine bislang rein weiße Volksschule besuchen. Drei Bundesmarshals müssen die Kleine beschützen.Nach diesem Erlebnis ist Steinbeck mental ausgelaugt, nicht weiter aufnahmefähig. Ab Abingdon, Virginia, verarbeitet er nichts mehr, bis er zurück im Norden ist, in New Jersey und letztlich New York.Und? Hat der Autor John Steinbeck auf seiner 10.000-Meilen-Tour durch die USA das Wesen Amerikas ausfindig machen können. Fand er über Charley des Pudels Kern? Schwierig zu beantworten. Ich möchte meinen, er war selbst im Unklaren.Nur ein Topos kommt bei Steinbeck immer wieder vor, nämlich, dass seine Landsleute von einer Art Wanderlust beseelt sind. Ständig ist in ihnen der Wunsch nach dem Reisen, nach örtlicher Veränderung da: “…a burning desire to go, to move, to get under way, anyplace, away from any Here … I saw this look and heard this yearning everywhere in every state I visited.“ Steinbeck war überzeugt: “We do not take a trip, a trip takes us.“Fazit: Auch ich wurde während der Lektüre vom travel bug gebissen. Die Vorstellung, die USA von Küste zu Küste und von Nord nach Süd zu erkunden, begleitet von einem Hund und Tausenden Impressionen, übt romantische Magie aus. Und dieser Reisebericht Steinbecks ist das Zauberbuch dazu…