★★★★★
Hans Dirk Schellnack
14.05.2023
amazon.de
Alex-Li Tandem, Sohn eines chinesischen Vaters und einer jüdischen Mutter, verkauft Autogramme. Seine Welt ist die der Sammler, der obskuren Wünsche und Lex eigener sehnlichster Wunsch ist ein rares Autogramm der 50er-Jahre-Hollywood-Diva Kitty Alexander, der er seit 13 Jahren jeden Tag einen Brief schreibt. Alex-Li erwacht in The Autograph Man von einer seltsamen Drogeneskapade, bei der er sein Auto und seine Beziehung geschrottet hat und findet ein Autogramm eben jener Kitty Alexander. Ist es echt? Ein Fake – immerhin ist Alex selbst der Großmeister, wenn es um gefälschte Autogramme geht. Wer sagt, dass er die Unterschrift nicht selbst im Tablettenrausch gefälscht hat? Und so beginnt Alex’ Reise durch die (fiktive) Suburbia von Mountjoy, durch London, bis hin nach New York, wo er schließlich gemeinsam mit der für einen Star-Blowjob berühmten Zen-Prostituierten Honey Smith die echte Kitty Alexander trifft und sie durch Tod und Wiederauferstehung begleitet und reich macht. Begleitet von seinen Freunden –, Rabbi Rubinfine, Adam den kiffenden Zen-Juden, Esther, Alex Freundin, deren Herzschrittmacher-Auswechsel-OP ansteht, an genau dem Tag, an dem Alex doch eigentlich mit ihr nach NY wollte, Boots, mit der Alex ab und zu schläft, Joseph, von dem Alex denkt, er sei ein Konkurrent um Boots und/oder Esther und womit Alex aber mal sowas völlig von daneben liegt –, wirbelt uns Alex durch eine Welt, die von Medienkonsum und der Jagd nach Ruhm, auch nur nach Papierfetzen von Ruhm geprägt ist.Zadie Smith gelingt hier ein Buch, das man wahrscheinlich nur hassen oder lieben kann. Ein kunterbunter Mischmasch aus Popkultur-Anspielungen, Zitaten, lässig hingeworfenen Beobachtungen, ein Buch wie eine CD-Compilation. In einem überbordenden aber stets entspannt wirkenden Mix aus Beobachtungen, Anspielungen, Junk, Tiefgründigem, Witzigem, Ernstem, wirbelt sich Smith durch Buddhismus und Judaismus, sinniert über Flugzeuge und Hotels, über Ruhm und den Tod von Alex Vater, mit dem das Buch beginnt und der wie ein unsichtbarer Schatten über Alex-Li Tandems Leben liegt. Erst gegen Ende kommt das allerwichtigste Autogramm, das Alex je bekam, an den richtigen Ort, aber bis wir dort sind, gehen wir gemeinsam mit Alex durch einen Wirbelsturm der postmodernen Gegenwart. Man mag das Buch als einen sinnlos zusammengepackten Kindergartenkoffer voller unwichtiger Kleinigkeiten und Beobachtungen und Randnotizen halten, zudem mit einem eher diffus unsympathischen ich-fixierten Loser als Helden – aber genau deshalb liebe ich das Buch. Es ist JETZT. Als Generation sind wir doch alle seltsam egozentrisch und schwimmen in einer Suppe aus Popschnipseln, die unserer minimalen Aufmerksamkeitsspanne gerecht werden, verwöhnt, eingelullt, ängstlich auf der Suche nach einem tieferen Sinn, der sich uns immer mehr entzieht, je näher wir ihm kommen. Wir alle sind Alex-Li. Smith schreibt ein hippes, schnelles, kluges Buch, voller kluger Aphorismen, sexy, smart und unglaublich witzig, jedenfalls wenn man über die richtige Art von Humor für dieses Buch verfügt. Leute, die das Buch kritisieren, weil man Alex-Li als Protagonisten zwar gerne mögen MÖCHTE, aber nicht kann, haben den Humor wahrscheinlich einfach nicht. Look into the fucking mirror, guys!So lebendig durcheinander wie das Buch selbst ist auch das Layout. Das englischsprachige Original ist durchsetzt mit Zeichnungen, wildesten typographischen Mischungen, in Kasten abgesetzten Witzen und Informationen. Die erste Hälfte des Buches beginnt jedes Kapitel mit einer Kurzzusammenfassung à la Erich Kästner, die zweite Hälfte bietet uns kleinen Titelvignetten. Der gesamte Look des Buches ist so überbordend und sprudelnd wie Smiths Schreibstil selbst, der atemlos und hyperbeschleunigt durch die Handlung peitscht, uns an allerlei obskuren und witzigen Charakteren vorbeischiebt und niemals enttäuscht. Nick Hornby wäre froh, wenn er nur halb so gut schreiben könnte. Die Dialoge sind smart und pistolero wie bei einer guten Screwball-Comedy oder einer wirklich wirklich guten Sitcom. Die Handlung, postmodern komplex, aber für den normalen Leser sicherlich noch ausreichend linear angelegt, wirkt niemals platt oder eindimensional, gerät nie ins Stocken, verzweigt, atmet, bewegt sich fluide, wartet mit Twists und Überraschungen auf, bezaubert so sehr, dass die teilweise auffälligen Plot-Fehler (prüft niemand Todesanzeigen nach?) im Grunde lächelnd hingenommen werden. Und zugleich gibt es eine tiefere Resonanz hier, eine Auseinandersetzung über Spiritualität und Glauben in der Popgesellschaft, über Freundschaft, Herkunft, Liebe, Gott und – natürlich – den Tod. Denn es gibt ja einen Grund, warum Alex-Li den Tod in Form von Autogrammkarten in kleine Plastiktütchen zu schieben versucht, die Vergangenheit konserviert, warum unsere Gesellschaft mehr und mehr museal wird. Das großartige an Zadie Smiths Buch ist, dass es als «normales» Buch bereits perfekt funktioniert, energiegeladen, mit liebenswerten Figuren und wunderbaren Gags (die Beckhamschen Rabbi Green und Rabbi Darvick) aber darüber hinaus einen Schatz an Interpretationsmöglichkeiten, an Subtext eröffnet und so zu einer hellsichtigen Bestandsaufnahme unserer müden todesängstlichen westlichen Zivilisation wird – einer Welt, die sich längst nur noch indirekt, in Form ihrer symbolischen Repräsentanten und Gesten, erfährt. The Autograph Man ist schnell, witzig und vor allem klug – was willst du von einem Buch noch? Mit seiner Fixierung auf den jüdischen Glauben ist es nicht überraschend, daß es Zadie Smith gelingt, das gesamte Buch zu einer Art von jüdischem Witz zu machen – lustig, aber im Kern lehrreich.Ah, genug geredet. geht einfach hin und kauft es euch.Aber Achtung: In der deutschen Version (Taschenbuch) ist nicht nur die Übersetzung, höflich formuliert, etwas seltsam, es fehlt auch direkt zu Beginn eine absolut wichtige Grafik, das Kabbalah of Alex-Li Tandem, die einen absolut zentralen Schlüssel zu den Kapiteln und zum gesamten Buch darstellt. Die Zeichnung verbindet die einzelnen Kapitel der ersten Buchhälfte, erklärt, warum Lennon, Ali, Bette Davis, Jimmy Stewart, Ludwig Wittgenstein und andere permanent wie ein Running Gag in den Kapiteln vorkommen und – aus meiner Sicht – ist absolut unerlässlich für die finale Auflösung des Buches. Absolut. Mir ist schleierhaft, warum der deutsche Verlag einen Teil eines Gesamtwerkes einfach herausstreicht. Erinnert mich an die deutschen Übersetzungen von Büchern, bei denen dann mal fix ganze Kapitel gestrichen wurden, um auf eine druckereifreundliche Seitenzahl zu kommen. Kauft euch also lieber das Random-House-Original :-D.