Nick Hornbys "About a Boy" ist eine Geschichte wie aus dem Leben gegriffen. Hornby entwickelt einen tiefgründigen Humor, er schreibt gut lesbar und entwirft sehr differenzierte Beschreibungen seiner Charaktere. Schwer zu entscheiden, ob man die beiden Hauptfiguren Marcus und Will nun mag oder nicht. Je nach Situation steigen oder sinken die Sympathiewerte. Eben wie im richtigen Leben. Auf höchst unterhaltsame Art und Weise greift Hornby Themen auf wie Freundschaft, Wahrheit und Lüge, Altersunterschiede und natürlich Beziehungen. Nie moralisiert er, nie erscheinen die Schilderungen abgehoben.Will, ein Mittdreißiger und ziemlicher Nichtsnutz, entdeckt seine Vorliebe für Single-Mütter und schließt sich einem Verein für alleinerziehende (Single-) Eltern an. Das einzige Problem dabei: Er ist zwar Single, aber kein Vater. So erfindet er einen zweijährigen Sohn namens Ned. Und sein Leben wird bald auf den Kopf gestellt. Denn der zwölfjährige Marcus, Sohn einer (tatsächlich) alleinerziehenden Mutter und ein absoluter Außenseiter unter Gleichaltrigen, entdeckt sein Herz für Will. Eine Freundschaft entsteht, gegen die sich Will nur anfangs erfolgreich wehrt. Bald lernt er, dass es noch anderes im Leben gibt als Faulenzen und schnelles Vergnügen. Er beginnt, sich über sein Verhalten und über andere Menschen Gedanken zu machen.Ein wahres Lesevergnügen, so dass ich das Buch nur jedem ans Herz legen möchte. Es lässt sich auch auf Englisch gut lesen.
Nick Hornby begleitet uns ins London der Jahre 1993/94 und stellt uns mal lustig, mal tragisch, aber immer mit Tiefgang zwei unterschiedliche männliche Wesen vor, die einander beim Erwachsenwerden helfen.Will (36) genießt das sorglose Leben eines Tagediebs: fährt mit dem Sportwagen durch die Gegend, hört Nirvana, sieht Quizshows und Serien, zieht sich Joints rein und überlegt, welche Frau er als nächstes abschleppen will. Arbeiten? No way! Woher das Geld kommt? Vor ewigen Zeiten hatte sein Vater mit “Santa’s Super Sleigh“ einen Weihnachtshit komponiert – von dessen Tantiemen Will nun ein finanziell abgesichertes Auslangen findet.Marcus (12) ist altklug, hört Joni Mitchell, hat keinen Sinn für Mode und glaubt, dass Kirk O’Bane ein Spieler von Manchester United ist (und nicht der Nirvana-Sänger Kurt Cobain). An seiner Schule gilt er als der Uncoolste. Zudem ist seine Mutter, eine Musiktherapeutin, suizidgefährdet. Der Vater lebt mit neuer Partnerin in Cambridge.Wie es das Universum (oder die Komplexität des Zufalls?) so will, laufen die beiden unterschiedlichen Charaktere einander über den Weg. Als Marcus unabsichtlich mit einem Brotlaib eine Ente im Stadtpark erschlägt, und Will ihm redegewandt aus der Patsche hilft, wird er den kleinen Kerl nicht mehr los. Unaufgefordert besucht er ihn fast täglich in seiner Wohnung, sieht mit ihm fern und nervt mit Fragen. Will wird wider Willen zum Mentor und Vaterersatz von Marcus.Nebenbei kocht der charmante Lebemann sein eigenes Süppchen. Er besucht Treffen von SPAT (Single Parents Alone Together), eine Selbsthilfegruppe alleinerziehender Eltern, wo er sich als verlassener Vater eines Baby-Sohnes ausgibt. Alles nur in der Hoffnung, hübsche Mütter verführen zu können. Natürlich kommt ihm Marcus auf die Schliche…An der Schule findet Marcus in der drei Jahre älteren Ellie nicht nur eine Beschützerin, sondern auch seinen ersten Schwarm. Er hält sie für seine schlagfertige „Fernlenkwaffe“, die auf Knopfdruck Mobbingprobleme für ihn aus dem Weg räumt. Später wird er erkennen, dass sie außerhalb der Schule aber eine unguided missile ist...Und Will? Er, der niemals für irgendwas oder irgendwen Verantwortung übernehmen wollte, stößt bei einer Silvesterparty auf Rachel, eine überaus hübsche, kluge, kultivierte Kinderbuchillustratorin. Seine Coolness ist dahin, er spürt das erste Mal in seinem Leben Liebe statt nur Verliebtheit. Wenn sie spricht, möchte er sie einfach nur küssen oder ergeht sich in romantischen (bzw. sexuellen) Tagträumen.Wie die verquickten Entwicklungsgeschichten von Will und Marcus weitergehen? “Can this odd duo teach each other how to finally act their age?“, heißt es am Backcover. Im Buch finden sie ein weit subtileres Ende als im Film „About a Boy“. Dort wird Will (Hugh Grant) zum großen Retter des unmusikalischen Marcus, indem er sich auf offener Schulbühne selbst zum Idioten macht. Im Buch gibt es diese Szene nicht. Marcus findet eigenständig einen Weg, „cool“ zu werden; durch Einsicht, Erkenntnis, Reife, nicht durch Fremdhilfe. Seine Entwicklung hilft wiederum Will. Metamorphose. Symbiose. Im Buch wie im Film die faszinierendste Figur für mich: Rachel (dargestellt von Rachel Weisz).Wer „About a Boy“ aufmerksam liest, auf Kleinigkeiten achtet, weiß sofort, wer der Autor ist. Der Stadtteil Islington kommt vor, Arsenal London, Cambridge, viele Musikverweise – und das Thema Depression und Suizid. All das deutet auf Nick Hornby hin, seines Zeichens hartgesottener Fußballfan und Musikliebhaber, der in Cambridge studierte und lange Jahre unter Depressionen litt. Mit britischem Witz, Empathie und ungekünstelter Sprache versteht er es, schwierige Themen mit einer gewissen Leichtigkeit aufzubereiten. Einer meiner liebsten Gegenwartsautoren.