★★★★★
Herbert Grießhammer
18.06.2023
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Der schon ältere Heinrich Böll wurde einmal für das Fernsehen von Siegfried Lenz (meine ich mich zu erinnern) interviewt. Böll über seine Arbeit: "Ach, ich klimpere nur noch auf der Schreibmaschine." Sollte meinen: den großen Aufwand, den agile, fleißige, gewissenhafte Schriftsteller treiben, mit ihren Zettelchen, Kalendern, Kladden, auf und in denen alle Ideen landen, sprachliche Wendungen, Rechercheergebnisse, Notizen und auf die Auswertung warten - diese Zeit war für ihn vorbei.John Le Carré schrieb Siverview schon vor einigen Jahren, kann man in diversen Buchbesprechungen nachlesen, und besserte immer wieder daran herum. Es hat aber alle Merkmale eines Alterswerkes. Kein Wunder, ging er doch von uns mit 89.Die Sprache ist flott, verzichtet auf ziselierte Schreibroutinen, erzählt mehr die Handlung, als dass sie uns detailliert in eine Umgebung einführt und sie uns mit allen äußerlichen Umständen und innerlichen Vorgängen erlebbar macht. Dies wird nun in den Besprechungen ein wenig beklagt oder posthum angemahnt. Stattdessen halten wir einen übersichtlich proportionierten Roman in der Hand, der uns immer wieder schmunzeln und grinsen macht. Diese feine Ironie und unvermutet sarkastischen Anspielungen sind bei Le Carré nicht neu, aber nicht in diesen Umfang zu sehen gewesen.So wird also dieser späte Le Carré auf andere Weise zum Lesegenuss. Er klimpert mit gewohnter Meisterschaft, eine Palette von Figuren wird lebendig, aber ohne Schwere und Schwermut. Bekannte Motive aus dem britischen Geheimdienstleben werden ohne viel Federlesens anspielungsreich verwoben. Man beginnt Zusammenhänge zu ahnen, über Verrat, Abrechnung, Unschuld und fliegt mit seinen Vermutungen doch auf die Schnauze. Man wird wieder mal aufs Glatteis geführt. Mehrmals.Ach, das Buch macht einfach Spaß.Aber man sollte schon ein bisschen Fan sein.