Wer zeitgenössische, lebenskluge chicklit mag, die im neoliberalen New Yorke der twenty- bis thyrtiesomethings angesiedelt ist, wird dieses Buch lieben. Coming of age aus Sicht einer weiblichen Protagonistin wurde so aktuell, schön und schmerzhaft realistisch seit der Jahrtausendwende wohl nicht geschrieben. Literatur für junge Kosmopoliten und Brooklyn-Liebhaber, auch, und vielleicht besonders, für männliche Leser (es werden Geheimnisse ausgeplaudert).
„What do you think happiness is? It’s a mode of consumption. It’s not a fixed state, somewhere you can take a cab to.”Der Roman “Sweetbitter” von Stephanie Danler war in Amerika ein Bestseller, wurde von der Presse bejubelt und als TV-Serie verfilmt. Nachdem die ersten Sätze mich sofort begeistert haben („You will develope a palate. A palate is a spot on your tongue where you remember. Where you assign words to the textures of taste. Eating becomes a discipline, language-obsessed. You will never simply eat food again.”), wollte ich unbedingt mehr lesen … und bin nun zwiegespalten. (Betonen möchte ich, so das nicht schon klar genug ist, dass ich nicht die deutsche Ausgabe gelesen habe, sondern das Original; ich vermag nicht zu beurteilen, wie der ganz eigene Erzählton ins Deutsche übertragen wurde.)Zum einen kann man sagen, dass Stephanie Danler ihr Handwerk versteht, die Sprache hat eine ganz eigene Opulenz, und die Autorin versteht es hervorragend, den Mikrokosmos, den ein Restaurant darstellen kann, zu zeichnen: die Hektik hinter den Kulissen, wenn der Küchenchef brüllt, die luxuriöse Entspanntheit, mit denen Gästen die besten Weine angeboten werden, der Verfall, der unaufhaltsam hinter den Wänden des alten Gebäudes vor sich geht. Wir tauchen tief ein in diese Welt, erleben Brutalität und Kameradschaft zwischen den Angestellten, sind dabei, wenn sie nach Feierabend an der Bar sitzen, trinken, koksen und manchmal auch vögeln. Das alles beleuchtet Danler eher schlaglichtartig, was mir einerseits gefallen hat, andererseits aber auch zunehmend auf die Nerven ging: Zwei Drittel des Buchs lang fragt man sich, wann zwischen Beobachtungen hier und Empfindsamkeiten da denn endlich die Geschichte losgeht.Der Wendepunkt kommt, als die bis dahin namenlose Hauptfigur zum ersten Mal mit Namen angesprochen wird; ab dann wird das Buch schnell eine recht klassische Dreiecksgeschichte zwischen der Hauptfigur auf der einen Seite, der Kellnerin, die sie bewundert, auf der anderen, und dem Barkeeper dazwischen, den sie beide … nun, nennen wir es mal lieben, auch wenn ich es eher als Besitzen-wollen definieren würde. Hinzu kommt die bereits lobend erwähnte Sprache: Irgendwann verliert sie meiner Meinung nach ihren Reiz, zumal man den Eindruck bekommen kann, dass die Autorin sich an ihrer eigenen Kunst zu sehr berauscht – man kann auch einfach einmal etwas schildern, ohne ein Bild malen zu müssen.Es gibt unendlich starke Momente und Szenen in diesem Buch, an die ich mich hoffentlich lange erinnern werde, aber letztendlich war ich doch froh, als die Geschichte vorbei war. Ich frage mich, ob Danlers die Unsicherheit einer jungen, egozentrischen Frau vorführen wollte, die beim Versuch, erwachsen zu werden, jene Überspanntheit zeigt, die sicher jeder von uns selbst einmal empfunden hat, die aber auf andere höchstwahrscheinlich eher nervtötend wirken muss … oder ob sie ihre Figur vielleicht doch als positive Heldin der Geschichte sieht, die am Ende alles auf eine Karte setzt und … natürlich verrate ich hier nicht, ob sie gewinnt oder verliert. Zumal das eine und das andere nicht zwangsläufig unvereinbare Gegenpole sein müssen – und ich deswegen sagen kann: Nein, dieses Buch hat mir nicht gefallen, aber ich finde es trotzdem gut, es gelesen zu haben.