Ich beginne hier ausnahmsweise nicht mit dem Inhalt, sondern der Buchgestaltung. Die ist in jeder Hinsicht außergewöhnlich und hat "Spekulationen, Transformationen" 2017 auch völlig zu Recht einen Platz unter den schönsten Büchern im Wettbewerb der Stiftung Buchkunst eingebracht. Das ist insbesondere vor dem Hintergrund bemerkenswert, da dieser Band ein Projektbericht für das Bundesministerium für Umwelt ist. Die Aufbereitung der Daten ist hochinnovativ, vor allem die Vernetzung der einzelnen Themen über die Kapitelgrenzen hinweg, ist trotz hoher Komplexität nicht nur extrem übersichtlich, sondern auch ästhetisch brillant gelöst. Querverweise 2.0. Die kondensierte Darstellung mehrdimensionaler Datensätze (z. B. quantitative 2-D-Projektion von Immobilienpreisen UND kommunaler Schuldenlast in einer Deutschlandkarte) zeigt auf den ersten Blick unerwartete Zusammenhänge, die man mit Tabellen oder im Text kaum so überzeugend präsentieren könnte. Diese Visualisierungen laden geradezu ein, sich selber Gedanken zu machen über Ursache und Wirkung - mit oft verblüffenden Erkenntnissen. Hier muss man nichts glauben, hier darf man mit eigenen Augen sehen.Aber auch die schnörkel- (und serifen-)lose Typografie strukturiert den Inhalt mustergültig und erinnert eher an einen Kunstband denn an einen Projektbericht. Das wirkt modern, übersichtlich und ausgesprochen elegant.Doch nun zum Inhalt. Projektziel war die Zukunftsprognose verschiedener Stadtentwicklungsmodelle für das Jahr 2050, abgeleitet aus Erkenntnissen und Daten der Gegenwart. Die Zusammenhänge, die sich bereits heute abzeichnen, legen bestimmte Mechanismen nahe, die sich z. B. direkt auf Migrationsbewegungen zwischen Stadt und Land, die Verteilung von Arbeit, die Energieversorgung oder Nahrungsmittelproduktion auswirken. Das Projekt untersuchte, in wieweit sich staatliche Steuerung auswirken, wobei die Modelle unterschiedliche Ansätze verfolgen. Zum einen sind da zentralisierte, an den Bedürfnissen der Großkonzerne orientierte, enge Netzstrukturen ("Netzland"), zum anderen regionale Spezialisierungen auf bestimmte Kernkompetenzen, abhängig von geografischen und ökologischen Randbedingungen ("Integralland") und drittens eine hochgradig verdichtete Ballungsraumstruktur, in der die Verfügbarkeit von Energie zum Selektionsparameter für eine in Klassen zerfallende Gesellschaft wird ("Wattland"). Diese drei Szenarien werden anschließend an Beispielstädten mit sehr unterschiedlichen sozialen Rahmenbedingungen durchdekliniert (Hamburg, Offenbach, Völklingen, Ludwigsburg, Saale-Orla Kreis, Kitzscher). Aus meiner Sicht sind die Modellbetrachtungen nicht neutral, sondern stark sozial-ökologisch geprägt und insgesamt viel zu optimistisch dargestellt. Viele Aspekte sind unzureichend berücksichtigt, wie die öffentliche Sicherheit und die interkulturellen Konflikte durch ungesteuerte Zuwanderung, um nur zwei aktuelle zu nennen. In den folgenden Kapiteln sind die Überlegungen schon kritischer, denn es stellt sich die Frage, ob sich solche großräumigen und zeitlich fernen Entwicklungen überhaupt planen lassen. Letztlich bleiben es eher Denkanstöße und die leider etwas verkopfte Sprache verschleiert die Botschaften eher, als dass sie sie klarstellt. Politisches Wunschdenken und administrative Realisierung sind oft nicht miteinander vereinbar. Im Kapitel "Transformationen" werden die Kernthemen Energie, Wohlstandserhalt und dezentrale Produktion als die für unser Leben in der Zukunft entscheidenden bestimmt, aber auch hier bleiben die konkreten Handlungsanweisungen vage. Die Schlussbetrachtung ist daher auch eher skeptisch, was die Extrapolation der Vergangenheit in die Zukunft angeht. Entscheidende Einflussfaktoren sind kaum vorhersehbar (Stichwort Flüchtlingskrise, Handelskriege, Klimawandel) und führen langfristige Planungen ad absurdum. Die Erkenntnisse, die sich aus den visualisierten Daten im ersten Teil ableiten, sind allerdings auch unter sehr variablen Randbedingungen prinzipiell gültig. Die Frage ist nur, ob sich damit gesellschaftliche Prozesse steuern lassen.