„Wer bloß an meiner Pflanze riecht, der kennt sie nicht, und wer sie pflückt, bloß, um daran zu lernen, kennt sie auch nicht.“ Friedrich Hölderlin, HyperionEiner bestimmten Art von Dasein wird hier zu ihrem Recht verholfen. Dieses Buch liefert konkrete Antworten, vielmehr gibt einen Zuspruch – wohlwollend, ja – liebevoll – zu einer der (in einem selbst) herrschenden Moral entgegengesetzten Willensäußerung. Manch einer der Menschen wird bisweilen mit den Worten Martin Luthers geklagt haben: „Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen.“ (Wikipedia: „[Da] … mein Gewissen in den Worten Gottes gefangen ist, ich kann und will nichts widerrufen, weil es gefährlich und unmöglich ist, etwas gegen das Gewissen zu tun. Gott helfe mir. Amen.“) Eine Rückbesinnung auf einen Gott, namentlich einen Gott, der Gott genannt wird, wird bei Nietzsche –tja - findet nicht statt. Dieses „asketische Ideal“ (Ist es eins?) verhilft nun Nietzsche gerade, das Hilferufen und nichts anderes als Klagen zu verwandeln in eine Selbstbehauptung, Selbstrechtfertigung und einen beherzten „Willen zur Macht“ (Ist es so?). Da Nietzsche in seinen Betrachtungen verhältnismäßig weit zu den Ursprüngen und den Begründungen menschlichen Seins (im kognitiven Bereich) zurückgegangen ist – und er ist tatsächlich dort hin gegangen, sein Forschen gleichsam als Ausdruck seines Lebens – kann nunmehr von einer schlichten, unbewussten, naiven Rechtfertigung seines Willens zur Macht nicht mehr die Rede sein. Sein Nicht-anders-können verbleibt eben nicht in hilflosem (aussichtslosen?) Klagegeschrei. Dieser Mensch weiß sich zu helfen… Er erkennt die Forderungen seiner (und überhaupt) Instinkte, die Zusammenhänge und die Entwicklung, die ein Individuum notwendig erleidet, sobald eine äußere Macht auf dieses einwirkt und somit dessen Machtanspruch und Machtbewusstsein notwendig schwindet. Nach der Explikation einer solchen Evolution der Moral steht folglich die Explikation des Explizierten an. Nietzsche spricht hier immer wieder von einem Kraftakt, der das menschliche Ermessen zu überschreiten scheint und der damit auf eine post-menschliche Existenz hinweist.„Die drei Abhandlungen, aus denen diese Genealogie besteht, sind vielleicht in Hinsicht auf Ausdruck, Absicht und Kunst der Überraschung, das Unheimlichste, was bisher geschrieben worden ist.“ Friedrich Nietzsche, Ecce homoWem ist nun mit einer solchen Genealogie der Moral geholfen? Wer zieht sich sowas rein? Freilich setzt der Autor auch gewisse Hoffnungen darauf, dass einer – freilich die wenigsten – „ihn verstehen“. Aber was soll das heißen? Bedient nicht alles, was je geschrieben, ja – gesagt worden ist das Instrument des Geäußerten, nämlich einer mehr oder weniger zufälligen Rezipientenschaft den Genuss der Lektüre und Unterhaltung zu verschaffen? Die Forderungen der Urheber nach einem Verständnis ihrer Schriften, nach Gefälligkeit und nach der Zustimmung einer Meinung werden doch wohl auf einer breiten Skala von Verstehe-ich-sehr bis Verstehe-ich-null – ja, wer wollte einer solchen Skala einen Namen geben? – bis zur Unkenntlichkeit, bis eine einheitliche Eigenschaft des Angesprochenen nicht mehr relevant scheint und notwendig ausgeschlossen werden kann, gestreckt. Das Mehr-oder-weniger kommt zu seinem vollen Recht. Die Entscheidung der Relevanz verbleibt ausschließlich im Subjektiven, bleibt individuell…Mit derselben Konsequenz bleibt es für mich darüber zu sprechen, wie mir persönlich eine solche Schrift gefällt und auf welche Weise ich über eine allgemeine Gefälligkeit und eine Gefälligkeit im Besonderen urteile. Wer wird nun eine solche Schrift lesen? Wer wird nun (mehr oder weniger) nicht anders können, als dass ihm diese (mehr oder weniger) gefällt?
Für mich eines seiner besten Bücher. Sehr gewagte Aussagen, die Zeit erfordern um sie im Leben zu erproben. Leider jedoch stimmt das meiste hier angeführte. Wer Nietzsche mag kommt hier auf seine Kosten. Einzig und allein die Qualität des Buches ist eher mau. Dafür aber gut zum mitnehmen.Inhalt topVerarbeitung geht so