Nach langer Zeit mal wieder ein Buch gelesen, das zu DDR-Zeiten Zustände im Land schildert. Was sofort auffiel: es ging natürlich um gesellschaftliche Konflikte aber die Hauptrolle in diesen Konflikten spielten die einfachen Leute, die irgendwo im Produktionsprozess standen. Kein Vergleich mit heute, wo Menschen in Büchern oder Filmen mehr oder weniger aus "gehobenen Kreisen" kommen: Anwälte, Manager, Direktoren, (natürlich alle erfolgreich) und dann nicht zu vergessen die Ärzte. Einfache Leute sind höchstens Garnitur. Schade, dass die Autorin Brigitte Reimann schon so früh starb. Ihr Urteil zur heutigen Zeit hätte mich wirklich interessiert. Na ja, und auffallend an dem Buch war auch, dass nicht gegendert wurde. Schon das macht es wertvoll. Es sei denn, irgendeine noch zu schaffende Instanz verfügt, dass die gesamte Literatur der Menschheit noch nachträglich gendergerecht bearbeitet wird. Und wehe, Thomas Mann sagt Neger oder Indianer. Sofort den Nobelpreis posthum aberkennen.
Die Geschwister Uli und Elisabeth stehen sich sehr nah, doch nun möchte Uli fort, in den Westen, da er in der DDR keine Zukunft für sich sieht. Er hatte sich nach dem Studium an einer Werft an der Grenze zur BRD beworben, wurde trotz gutem Abschluss aber abgelehnt, da die Partei ihn als unzuverlässig eingestuft hat. Für Elisabeth sind Ulis Fluchtgedanken eine Tragödie, da sie dem Staat vertraut und ihre Hoffnungen in den real existierenden Sozialismus legt. Der älteste Bruder der beiden hat bereits „rübergemacht“ und sollte der zweite auch noch gehen, wird es für sie schwer ihre Ideale aufrechtzuerhalten. Elisabeth selbst arbeitet in einem Braunkohlekombinat als Leiterin eines Zirkels von malenden Arbeitern. Natürlich wird auch sie überwacht und als sie eines Tages das Werk eines älteren Kollegen kritisiert erfährt sie gehörigen Gegenwind, hat aber die richtigen Leute auf ihrer Seite. Ob ihr Bruder sich davon überzeugen lässt oder Elisabeth zu anderen Mitteln wird greifen müssen, um ihn an der Flucht zu hindern, muss sich zeigen.Dies ist das erste Buch von Brigitte Reimann, das ich gelesen habe und meine durchaus hohen Erwartungen wurde fast erfüllt. Dafür, dass die Erzählung in diesem Jahr 60 Jahre alt wurde ist sie überraschend modern geschrieben und daher gut lesbar. Die Autorin erzählt zudem mit einer fast entwaffnenden Offenheit von den Zuständen in der DDR zu Beginn der 1960er Jahre, so dass es kaum verwundert, dass dieses Werk erst jetzt, durch einen Zufallsfund im ehemaligen Wohnhaus von Brigitte Reimann, ungekürzt erscheint. Hervorzuheben sind hierbei die Passagen in denen die Geschwister über die verkrusteten Strukturen ihres Landes diskutieren und die Zerrissenheit der Hauptfigur zutage tritt, die grundsätzlich beim Aufbau eines sozialistischen Staates helfen möchte, die überzeugt davon ist, dass das Ziel eines solchen erstrebenswert ist, die aber trotzdem kritisch bleibt und sich auch zu wehren weiß, wenn sie in der Kritik steht. Auf den 188 Seiten beschreibt die Autorin ganz feinfühlig die Befindlichkeit der Figuren und macht deutlich, dass es weitaus mehr Kategorien gab und gibt als „regimetreu“ und „staatsfeindlich“. Der älteste Bruder Konrad, der zu diesem Zeitpunkt noch relativ leicht im Westen besucht werde konnte, ist dabei zum einen personifizierte Sehnsucht für seinen Bruder Uli, zum anderen abschreckendes Beispiel für Elisabeth. Die Leser*innen, die sich vielleicht noch nicht sehr mit der DDR auseinandergesetzt haben erkennen an ihm, wovor die Staatssicherheit so große Angst hat. Auch das Private ist politisch, gerade in einem Staat wie der Deutschen Demokratischen Republik und das zeigt Brigitte Reimann sehr eindringlich in diesem schmalen Buch. Ich vergebe aber nicht die volle Punktzahl, da mir das Ende dann doch ein wenig zu melodramatisch beschrieben wurde.Es findet sich im Anhang noch ein ca. 15 Seiten langer Text, der sich mit dem hier vorliegenden Originalmanuskript und seiner Auffindungsgeschichte beschäftigt. Dies ist weitestgehend interessant, doch eine explizitere Kenntlichmachung der Unterschiede zwischen der ursprünglich verlegten Ausgabe und der Erzählung in heutiger Form hätte dem Ganzen noch etwas Interessantes hinzugefügt. In dem Nachwort werden nur Andeutungen gemacht und wenige kleine Beispiele genannt. Dennoch ist „Die Geschwister“ sehr zu empfehlen in dieser auch optisch sehr schönen Neu-Ausgabe des Aufbau-Verlages mit haptisch erfassbaren Buchstaben auf Cover und Buchrücken.