„Bewegung“ ist schon seit über 30 Jahre das von mir als Arzt am häufigsten empfohlene bzw. verordnete Medikament. Umso mehr haben mich die von Erik Scherder zusammengestellten aktuellen Daten erschüttert. In seinem informationsreichen Buch „Lass dein Hirn nicht sitzen“ weist der Autor darauf hin, dass „Sitzen“ das „neue Rauchen“ ist (was die Zahl der damit zusammenhängenden Todesfälle betrifft). Die Botschaft von der „Heilkraft der Bewegung“ hat sich offenbar alles andere als durchgesetzt. In dem besonders nachdenklich stimmenden Kapiteln über den Mangel an Bewegung in Pflegeheimen und Krankenhäusern verdeutlicht Scherder eine fast absurde Praxis: Oft wird dort besonders gesündigt, wo Menschen bereits schwach und / oder krank sind und daher durch unnötige, ja unsinnige „Bettruhe“ nicht weiter geschädigt werden sollten. Einzelnen Untersuchungen zufolge verbringen Krankenhauspatienten 80 Prozent der Zeit im Bett, obwohl keinerlei Grund dafür besteht. In den acht Kapiteln seines Buches beschreibt der Autor die Vorteile ausreichender Bewegung für die unterschiedlichsten Lebensaufgaben (z.B. Lernen) sowie die Vorbeugung und Behandlung zahlreicher Erkrankungen (insbesondere Depressionen und Demenz). Vehement setzt er sich dafür ein, dass man sich möglichst täglich (also auch am Wochenende) mindestens 30 Minuten bewegt und zwar so intensiv, dass die Bewegung als „anstrengend“ erlebt wird. Im Schlusskapitel des Buches steckt dann auch noch eine Überraschung: Offenbar scheint kräftiges Kauen, also ein Sonderfall von Bewegung, die Hirndurchblutung zu fördern. Im Tierversuch erholten sich nach einem künstlichen Schlaganfall die Gehirne von Ratten besser, wenn die Tiere härteres Futter zum Kauen erhielten. In einer Untersuchung an Mäusen, die nur Flüssignahrung erhielten (also nicht kauen mussten), verschlechterte sich das Gedächtnis der Tiere. Auch bei Menschen, die keine Zähne mehr hatten und daher nicht mehr kauen konnten, scheint sich ein solcher „Bewegungsmangel“ ungünstig auf Gehirnfunktionen auszuwirken. Nach Ansicht des Autors sollten die von ihm skizzierten Erkenntnisse auch in das Ernährungsangebot von Pflegeheimen Eingang finden. Fazit: Das gut lesbare Buch stellt eine Fülle meist sehr aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse zu den unterschiedlichsten Effekten von Bewegung vor. Als Professor für Neuropsychologie bemüht sich der Autor immer wieder darum, auch biologische und psychologische Zusammenhänge zu erläutern, die sicher nicht für jeden Leser gleichermaßen interessant oder nachvollziehbar sind. Gelegentlich streut Erik Scherder eigene Lebenserfahrungen ein. Ich habe das Buch, das mitunter wie ein Sammelsurium und daher nicht immer stringent wirkt, als am Thema sehr interessierter jedenfalls gerne gelesen.
Bewegung tut not, dass weiß man inzwischen zur Genüge. Braucht es also ein weiteres (populärwissenschaftliches) Buch, um diesen Aspekt des Lebens auch hirnphysiologisch zu belegen?Nicht unbedingt, wenn man sich die Aussagen dieses Buches anschaut. Sollte man versucht sein, das Resultat der vorgestellten Studien in zwei, drei Sätzen wiederzugeben, so würde dieses lauten:(1) Gehen in einer stimulierenden Umgebung ist am wirksamsten für die Stärkung kognitiver Hirnfunktionen – und wenn man das Ganze noch mit einem Gespräch verbindet, kommt auch die intellektuelle Komponente nicht zu kurz.(2) Dabei sollten Senioren sich jeden Tag mindestens dreißig Minuten am Stück anstrengend bewegen, damit (im Verbund mit kognitivem Training) auch die Neurogenese im Bereich des Hippocampus nicht zu kurz kommt.(3) Und wenn man bei alldem (Vorsicht leicht ironisch!) noch Kaugummi kaut, kann man auch bei Prüfungen besser abschneiden – allerdings muss man mindestens zwanzig Minuten vor Prüfungsbeginn damit anfangen.Dennoch ist es begrüßenswert, wenn sich jemand die Mühe macht, aus einem Wust von Studien und Fachartikeln, diejenigen herauszufiltern, die dem Thema gerecht werden. Und dabei auch nicht verschweigt, wie dürftig teilweise die Studienlage ist und wie mangelhaft demzufolge die dazugehörigen Aussagen.Letztlich ging es dem Autor wohl auch nicht darum, eine Art Metastudie über dieses Themenfeld zu verfassen, sondern um möglichst viele Menschen in Bewegung zu bringen. Er berücksichtigt dabei die neuen Erkenntnisse aus der Hirnforschung und zusammen mit zahlreichen Beispielen und Hinweisen, auch wenn sie teilweise banal sind („Die Menschen mit dem schlechtesten Gesundheitszustand saßen am meisten.“ Oder: „Je mehr Zeit ein Kind vor einem Bildschirm verbringt, desto inaktiver ist es auch.“), erreicht der Autor durchaus sein Ziel.