Es gibt diesen irrwitzíg abgenutzten Spruch von jenen Schauspielenden, denen man auch zuhören würde, wenn sie das Telefonbuch vorläsen (würde übrigens ein kaum erträgliche Lesung, da bin ich sicher) – so geht es mir mit Livia Gerster.Livia Gerster kann über alles schreiben, ich werde es ihr (oder jedweden Verkaufenden) sofort aus den Händen reissen.Frau Gerster, die mir zum ersten Mal ziemlich abrupt mit dem nicht laut auftrumpfenden, vollkommen brillanten Artikel „Was ist bloß los mit mir?“ über Philipp Amtor auffiel (Untertitel „Philipp Amthor ist der jüngste CDU-Politiker im Bundestag und längst Kult. Ich wollte ihn auch toll finden. Die Geschichte einer Enttäuschung.“), schreibt in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und ist mit jenem Text sofort unumkehrbar der Grund geworden, warum ich dieses Blatt, welche durchaus nicht überall zu haben ist – was ist bloß los mit ihr – ab dem Sonnabend regelrecht jage. Die FAS, vielleicht kurz vor ZEIT und SZ die am besten abgefasste regelmäßige Publikation des Landes, hat viele grandiose Schreibende, allen voran noch der superentspannt hochemotionale Bertram Eisenhauer, aber Gersters völlig einzigartiger, total subtiler Stil ist mein Koks, mein Häagen-Dasz, mein Roero Arneis.Denn ja, Livia Gerster könnte über wortwörtlich alles schreiben – ich würde es lesen, und ich interessiere mich bei Göttin nicht für alles, eigentlich nicht mal für viel.Versuch eines Beispiels: Wenn sie die in Kevin Kühnerts Wahlkreis maßgebliche Generation Wirtschaftswunder in einem italienischen Café skizziert und wahrnimmt, „in unauffälliges Beige gekleidet, bestellen sie auffällig bunte Eisbecher“, dann ist das maliziös genug, um politisch zu wirken – aber andererseits Literatur genug, um mehrdeutig zu bleiben. Die Welt sind wir, und damit nicht fassbar.Wer jetzt denken könnte, Gerster sei eine wandelnde Konfettibombe im Sinne von Pointenkatapult, der mutmaßt fehl. Livia Gerster schreibt superpointiert – aber kaum fassbar uneitel. Ihr Stil ist federnd, wehend, auf eine geheimnisvolle Art lächelnd. Damit meine ich nicht charmant – das sowieso – sondern seltsam weise: als wäre sie sich allen Grauens in der Welt völlig bewusst... und habe dennoch immer auch einen Blick für deren Schönheit, für Hoffnung, für unvermutet blühende Komik verborgen in Chaos und Tragik.Und das ist alles andere als naiv, Livia Gerster hat sich schon in Kriegsgebiete begeben und hält über lange Zeiten Kontakte zu den Bedrängtesten. Im Geschlechterkriegsgebiet hat sie einmal versucht, eine Nacht unbeschadet durch einen deutschen Park zu kommen. Und mehr als einmal hat sie mich bei der Auswahl ihrer Themen überrascht, da ist von der Metapher mit dem Fächer bis zum Strauß echt alles drin, auch wenn das jetzt ein bißchen trutschig klingt, aber ich bin nun mal nicht Livia Gerster, die hätte das eleganter skizziert.Wenn man Gerster liest - kann man nicht anders, als Gerster gut leiden zu können.Und das kann eines der größten Geschenke beim Lesen sein – wohlgemerkt bei jeder Lektüre. Natürlich gibt es die großen Hassenden, Polemisierenden, die Unversöhnlichen und Ewig Angreifenden. Aber wie es im Film nicht nur Martin Scorsese gibt, sondern auch Lawrence Kasdan, so gibt es in der Literatur die großen, oh je, wie gendert man jetzt Zeitgenossen – Zeitgenießenden?, meinethalben – es gibt die großen Welt- und Menschenliebenden.In der journalistisch-essayistischen Literatur sind das neben dem erwähnten unterschätzten Bertram Eisenhauer die unerreichbare Barbara Sichtermann, der relaxt fechtende Stefan Niggemeier, die verliebtmachende Ursula März, der fläzend geniale Volker Weidermann, die melancholisch frotzelnde Elisabeth Raether (die sich gerade verändert und immer noch besser wird), die angeschmutzt feenhafte Johanna Adorján und, eben, man ahnt es vielleicht, räusper, trommelwirbel, irgendwie hätte das überraschender kommen müssen: die irgendwie noch am Anfang stehende, leise, wenig ironische, nie sarkastische, sowieso nicht zynische, unglaublich sympathische und angesichts ihrer Jugend nicht ermesslich vielversprechende Livia Gerster, die an einer unaufhaltsamen Karriere sowohl im Zeitungs- wie im Buchwesen nicht mehr vorbeikommt.Wohlgemerkt, bitte: das klingt alles viel pompöser und aufdringlicher, als Gerster schreibt.Livia Gerster, Menschenliebende und Gesellschaftszweiflerin, beobachtet lang, genau und empfindsam... und dann schreibt sie – ich habe keine Ahnung, ich kenne sie nicht, so liest es sich – schnell, freudvoll, tanzend.Und dann geht sie wahrscheinlich noch zehnmal drüber, denn alles liest sich windgleich, aber nicht flüchtig.Sie ist ganz genau.Und es ist ihr wichtig.Ja, das hier ist eine Liebeserklärung, schon klar, der Blick des Lesenden ist durch Dauerbegeisterung rauschgetrübt.Aber in diesen ekelerregenden Zeiten, wo kaum ein Mensch noch einen relativ gesund gebauten Satz zusammenkriegt (ich spreche von Moderierenden und Talkshowteilnehmenden, nicht von Leuten auf der Straße), wo Anglizismen eine befremdliche Ersatzreligion darstellen und Menschen es sich angewöhnt haben, „Eigenhumor“ statt Selbstironie zu sagen oder, wow, das muss man erstmal über die Lippen kriegen, „ehrlicherweise“ (mein Unwort des Jahres, ehrlicherweise), da kann man vor einer Autorin wie Livia Gerster nur selbstentflammt lang hinschlagen.Sie wird schon behutsam mit einem umgehen.„Die Neuen“.Nicht nur eines der schönsten Bücher über die gegenwärtige Politik.Eines der schönsten Bücher.
Sie wollen wissen, wie Deutschlands politische Zukunft aussieht? Dann müssen Sie sich die ansehen, die diese Zukunft gestalten werden, also die jüngsten Abgeordneten des Deutschen Bundestags, die noch kaum jemand kennt im Land. In Gersters Buch kann man sie kennenlernen. Vielleicht ist ja der/die übernächste Bundeskanzler*in dabei?Wie ticken die Jungen? Wie unterscheiden sie sich von den Alten? Wie unterscheiden sie sich untereinander? Was ist ihnen gemeinsam? Was können wir von ihnen erwarten?Was bei der Lektüre rasch klar wird: Die Angst manch Älterer, dass die Jungen im Bundestag die Macht übernehmen, hat sich rasch verflüchtigt. Dazu sind die Neuen individuell doch zu sehr verschieden. Nicht einmal die Befürchtung älterer SPDler, dass die Jusos die Fraktion dominieren, hat sich bestätigt. Außer ihrer Jugend scheinen die individualistischen Neuen kaum etwas gemeinsam zu haben.Aber: Eine Gemeinsamkeit, die einen schmunzeln lässt, haben die Neuen dann doch. Sie sind allesamt mit „Harry Potter“ aufgewachsen, haben wohl die ersten Bände noch von ihren Eltern vorgelesen bekommen und die weiteren selbst gelesen. Und so liest man in Gersters Buch: Das Paul-Loebe-Haus, in dem die Abgeordneten ihre Büros haben, heißt bei den Jusos das „Haus Gryffindor“. Zum Runterkommen schauen sie «Die Kammer des Schreckens», zum Aufmuntern schicken sie sich den Kitzelzauber («Rictusempra!»), und wenn sie wissen wollen, ob Karl Lauterbach Gesundheitsminister wird, fragen sie einfach den «Sprechenden Hut».Diese Harry-Potter-Generation war im Herbst 2021 voller Fröhlichkeit, Optimismus und jugendlicher Unbeschwertheit in den Bundestag eingezogen und hatte sich fast parteiübergreifend vorgenommen, die Klimawende herbeizuführen, das Land zu digitalisieren und frischen Wind in die Politik zu bringen. Aber wenige Monate später überfiel Putin die Ukraine, und alles war plötzlich ganz anders und bekam einen tödlichen Ernst.Eben noch twitterte der „lauteste Krawall-Juli“ Max Mordhorst provozierend, sich auf sein neues Auto zu freuen, mit er „mit 200 über die Autobahn kacheln werde“. Kurze Zeit später - nach Putins Überfall auf die Ukraine - twittert er geradezu verzweifelt: «Habe mich selten so machtlos gefühlt.»Sie sind über Nacht in einer Realität angekommen, die nicht einmal ihre älteren Kolleg*innen bisher kannten. Gemeinsam mit ihnen müssen sie nun über Krieg und Frieden entscheiden. Und alles andere, was ihnen auch wichtig war oder noch ist – das Klima, soziale Gerechtigkeit, Bildung, Frauen, Jugend … ist auf die hinteren Plätze gerückt.Noch eine Gemeinsamkeit haben die Jungen, eine, mit der sie sich deutlich von den Alten unterscheiden. Sie kommunizieren anders, nämlich digital. Verbrachten die „Alten“ ihr halbes Leben in den Vereinen ihrer Wahlkreise, verbringen die Jungen ihr Leben im Netz. Wenn sie in den Bundestag radeln, über ein wichtiges Gesetz abstimmen, ihre Meinung zu wichtigen gesellschaftlichen Debatten sagen oder auch mal aus dem Nähkästchen plaudern, dann tun sie das via Twitter, Instagram, TikTok. Sie müssen nicht mehr, um sich bekannt zu machen, Grußworte sprechen, Kaninchenzüchtervereine besuchen, Bäumchen pflanzen, Turnhallen einweihen, erste Spatenstiche machen und dergleichen. Sie teilen sich einfach übers Netz mit, und das aber wesentlich individueller als es die „Alten“ mit ihren Politikerreden tun. Das kann den Nachteil mit sich bringen, dass sie lokal und regional nicht mehr so verankert sind, wie die Alten, und den Vorteil, dass sie sich gleich von Anfang an bundesweit bekannt machen können. Und vor allem: Dass sie die erreichen, die von den Alten kaum mehr erreicht werden: die Jugend, also ihresgleichen.Was die Lektüre dieses Buches besonders angenehm und auch unterhaltsam macht, ist der neue Ton, den die Autorin in die Politikberichterstattung bringt. Sie bekennt sich zu ihrer Subjektivität, fühlt sich mit den Porträtierten solidarisch, hält trotzdem professionelle Distanz, beschreibt sie meist mit kritischer Sympathie, und wenn sie die Porträtierten mal ironisiert oder karikiert, bezieht sie sich oft in die Kritik mit ein, was sehr sympathisch wirkt.Ein Beispiel: Es ist Krieg, und wie reagiert ihre Generation? Eine Influencerin tanzt auf Instagram ihre Verzweiflung mit kreisenden Hüften in die Kamera hinein. Ihre Botschaft: «Wohin mit all den Sorgen, Ängsten und der Trauer … lass die Energie irgendwie raus!» Eine Podcasterin empfiehlt für alle, «die gerade psychisch strugglen», Achtsamkeitsübungen. „Digitale Selbsthilfegruppen im Angesicht des Krieges“ - das sei so typisch für unsere Generation, schreibt Gerster mit leisem Spott und zugleich Selbstkritik.Über den schon genannten Mordhorst schreibt sie, dass er öffentlich postet, sich jetzt mal eine Weile zurückhalten zu wollen, solange er keine konkrete Hilfe leisten könne. „Kurze Zeit später folgt der nächste Tweet. Es ist die Tragik unserer Generation, dass wir aus der Social-Media-Logik einfach nicht ausbrechen können, egal ob wir uns Pausen verordnen und sie mit großem Trara auf allen Kanälen ankündigen oder das Konto löschen und es dann doch wieder aktivieren. Jeder Anspannung muss mit sofortiger Online-Aktivität begegnet werden.“Junge Leser*innen werden sich in solchen Beschreibungen wiederfinden. Älteren winkt das Vergnügen, die Jugend, wie sie leibt und lebt, beschrieben zu bekommen von einer, die selbst so leibt und lebt.