Jeder Politiker flicht zur Zeit in seine Statements ein, dass wir in einer Zeit des Umbruchs liegen. Das mag stimmen, aber für das 19. Jahrhundert trifft das auf jeden Fall zu. Und das ist für mich die prägnanteste Erkenntnis, die ich aus der Lektüre von Prof. Evans monumentalem Werk "Das europäische Jahrhundert" gewonnen habe.Das Buch umfasst die Periode von 1815 bis 1915. Napoleons imperialistische Bestrebungen waren grandios gescheitert. Europa begann sich neu zu ordnen, eine Zeit des Umbruchs begann. Vom Amerika war noch nicht die Rede. Der Umbruch fand auf allen Gebieten statt, neue Staaten entstanden, die von Nationalismus geprägt waren. Es war die Zeit der industriellen Revolution und der machtvollen Industrialisierung befeuert durch den technischen Fortschritt und bahnbrechende Erfindungen. Die Auswirkungen forcierten gewaltige soziale Probleme und Verschiebungen in der Gesellschafstruktur. Es war ein Zeitalter der Emanzipation und der Beginn des Sozialstaates.Herausragendes Ereignis war wahrscheinlich die Aufhebung der Leibeigenschaft. Natürlich gingen diese Entwicklungen nicht in allen Ländern gleich schnell von statten. Dies zeigt Prof. Evans sehr detailreich, indem er z.B. die Entwicklung der Stahlproduktion in einzelnen Staaten akribisch aufzählt. Große militärische Auseinandersetzungen gab es mit Ausnahme des deutsch-französischen Krieges von 1870/71 nicht. Mit der Entstehung des "Deutschen Reiches", begann der Aufstieg Deutschland zur vorherrschenden Industrie- und Militärmacht in Europa. Geschickt verbindet Evans jedes Kapitel mit einzelnen oder mehreren Personen, wie z.B. Bismarck als Politiker und von Moltke als Militär. Dabei fokussiert sich Evans nicht auf einen Staat, sondern wählt einen supranationalen Ansatz.Bemerkenswert und wichtig finde ich, dass Evans auch kulturelle Entwicklungen aufzeigt, wie die Entwicklung des Gefühls, Beherrschung der Natur, Erfolge bei der Bekämpfung von Krankheiten usw.Diese Buch breitet ein Kaleidoskop der Entwicklungen aus auf fast allen Gebieten aus. Auch das Kabarett als gesellschaftliche Kraft wird erwähnt. Natürlich bewirken viele Entwicklungen gesellschaftliche Probleme, ja sogar Not. Erwähnt seien nur die sozialen Probleme der neu entstandenen "Arbeiterklasse". Auch die "Wohnungsnot" in den Ballungszentren, wie z.B. Berlin, scheinen nie endgültig gelöst geworden sein.Ein Buch von ca. 1000 Seiten verlangt schon etwas Durchhaltevermögen, aber der nicht "verwissenschaftliche" Schreibstil erleichtert das Lesen ungemein. Diese Buch ist auch für Nichthistoriker(wie mich) hoch interessant, informativ und lesenswert.
Ein umfangreiches Buch über das 19. Jahrhundert. Die Kapital bieten ein grobes Thema wie die soziale Revolution oder Zähmung der Natur. Hier werden dann detaillierte Informationen in einem angenehmen Schreibstil geboten. Da die Kapitel allerdings sehr lange geraten, hätte ich mir eine andere Aufgliederung gewünscht.