Ich möchte diese Rezension mit dem Eingeständnis beginnen, dass ich gar nicht vor hatte eine Rezension zu schreiben. Auf Empfehlung einer Freundin habe ich mir das Buch gekauft und hab es unschuldig wie die Jungfrau, die zum Kind kam gelesen. Was so auch wieder nicht stimmt, denn zuvor hatte ich einige Amazon Rezensionen überflogen. Als ich es wieder aus der Hand gelegt habe, hatte ich gemischte Gefühle und ich werde mein Fazit – oh, wie unüblich – direkt vorweggeben. Ich war sehr froh, dass das Buch ‚Nichts, was im Leben wichtig ist‘ sich die Mühe macht, tatsächlich etwas zu erzählen, etwas zu vermitteln; das im 21. Jhd. ja kaum mehr üblich und schon gar nicht selbstverständlich. Gut. Literarisch habe ich einige Schwächen gesehen, zudem haben sich einige Fehler in die Übersetzung eingeschlichen, die ich als negativ empfunden habe. Der Mund ist mir jedoch wie ein Scheunentor aufgeklappt, als ich mir noch einmal die Rezensionen zu dem Buch angesehen habe, physischer Schmerz hat sich in mir breitgemacht und obwohl ich sonst ein Mensch bin, der nie jemand sagen würde, wie er ein Buch zu lesen hat, sehe ich mich nun dazu genötigt dem Starrsinn und dem purem Unwillen sich mit dem Buch und dem Text darin zu beschäftigen entgegenzutreten. Einige Rezensenten können sich an dieser Stelle persönlich angesprochen fühlen!Was wird dem Buch im Allgemeinen vorgeworfen? Fassen wir zusammen. Die Hauptkritikpunkte sind, dass es a.) gewalttätig ist, b.) dass nichts übrig bleibt, wenn man dem Buch die Gewalt nehmen würde, dass c.) der Begriff der ‚Bedeutung‘ nicht erklärt wird und dass d.) sich die Autorin selber nicht einmal klar darüber war, was sie geschrieben hat und e.) es unrealistisch ist und aus philosophischer Sicht flach und unhaltbar.Gehen wir auf die einzelnen Punkte ein. Aber vorher gehört es sich wohl den Inhalt kurz zu umreißen, auch wenn das hier schon reichlich geschehen ist. Das Buch ist die Geschichte von einer Schulklasse in der Dänischen Provinz. Pierre Anthon, ein Schüler dieser Klasse, verlässt eines schönen Tages den Klassenraum und sitzt fortan auf einem Pflaumenbaum. Und warum macht er das? Ganz einfach: Er hat begriffen, dass nichts von Bedeutung ist. Man Lebt, man arbeitet, man stirbt. Man liebt, man wird geliebt, man verlässt, man wird verlassen. Man lacht, man erschafft – es zerfällt. Man müht sich am Leben ab und das, obwohl man das Ende kennt. Tot. Die Schlussfolgerung ist offensichtlich. Hören wir auf so zu tun als ob. So zu tun als was? So zu tun, als hätte irgendetwas eine Bedeutung. Diese beunruhigenden Erkenntnisse verwirren Piere Anthons Klasse in dem Maße, dass sie sich entschließen, ihm – und damit sich selbst – zu beweisen, dass es doch Bedeutung gibt! Der Plan einen ‚Berg aus Bedeutung‘ zu erschaffen und Dinge anzuhäufen, die von unanfechtbarer Bedeutung sind, wird geboren und hier setzt die Geschichte an. Es kommen die skurrilsten Dinge auf diesen Berg. Ein Kindersarg, ein Finger, mit dem noch vor kurzen Songs der Beatles gespielt wurden, der Kopf eines Hundes etc.Bei der Geschichte handelt es sich ganz offensichtlich um eine Parabel und sie setzt damit keinen direkten Wirklichkeitsbezug voraus. Wer solche Bücher nicht mag und wem das abstrahieren zu anstrengend ist, der ist mit diesem Buch wirklich falsch beraten und ich denke, nur so lassen sich die makaberen Rezensionen erklären.Gucken wir uns die Grundfrage an, die dieses Buch stellt und ziehen dafür das Sujet heran. Die Kinder tun sich zusammen, um Bedeutung zu finden und anzuhäufen, und was wählen sie dafür? Dinge die beim Verlust Schmerz bereiten. Schreckliches; Leid und Trauer, Scham und Angst. Dinge, die sie Überwindung kosten, die sie hart erkämpfen mussten.Die Bedeutung entspringt also aus Leid und Schmerz, Besitz und Verlust. Schöne Dinge werden gar nicht genannt. Immerhin hätten sie sich auch dazu entschließen können, Bedeutung in Liebe zu finden - zum nächsten und zu sich selbst. Dass sie das nicht tun, wirkt auf den ein oder anderen Leser verstörend und das ist verständlich, aber hier kommt die oben erwähnte Frage zum Tragen: Wenn Kinder die Welt unschuldig und wahr spiegeln sollen, und das wird ihnen häufig unterstellt, was heißt es dann führ uns, wenn sie Bedeutung nur aus Leid und Schmerz ableiten können? Verstört uns das so sehr, weil wir evtl. befürchten, dass es das ist, was wir unseren eigenen Kindern beibringen?Ich persönlich empfinde diese These als gerechtfertigt. Sie löst einen Denkanstoß aus.Die Gewalt ist das nächste Thema, da es ein sehr gewalttätiges Buch ist. Meine Vorrezensenten beschäftigen sich hauptsächlich mit der Frage, wie sie die Gewalt empfinden und nicht, wozu sie in diesem Buch gebraucht wird. Hier möchte ich gerne das Beispiel von Krieg aufgreifen. Eine ganz reale Begebenheit im alltäglichen Leben. Schalten wir den Fernseher an, dann sehen wir es jeden Tag. Krieg gibt es ständig. Und die Existenz JEDES Landes dieser Erde ist auf Krieg begründet und so ist Gewalt ein wesentlicher Bestandteil davon, warum heutzutage Demokratien funktionieren. Unsere Freiheit – ich gehe sogar weiter, die Bedeutung, die unsere demokratische Freiheit hat, haben wir mit Leid, Schmerz und Tod erkauft. Gewalt. Wir brauchen sie auch, um Bedeutung zu schaffen. Ob wir es wollen oder nicht; unsere alltägliche Auffassung von Bedeutung ist sehr eng verbunden mit den Begriffen Schmerz und Leid und findet sich auch in alltäglichen Floskeln wie: „Wenn du nicht hart für dein Geld gearbeitet hast, ist es nichts wert“ wieder. Warum sollte es also falsch sein, wenn Frau Teller genau diesen Gedanken überspitzt, um etwas klar zu machen. Wir selbst entscheiden, welchen Dingen wir Bedeutung beimessen. Die Gewalt wird also gebraucht, um genau das zu zeigen und um erneut zu der Frage zurückzukommen, warum die Kinder ihren sadistischen Trieben auf der Suche nach Bedeutung nachgeben: Da muss doch vielleicht etwas falsch laufen. Versteifen wir uns selbst in unserer Wahrnehmen von ‚Bedeutung‘ auf Gewalt und Leid? Für diese Fragen ist die Gewalt in dem Buch ZWINGEND notwendig!Als ich in einer Rezension gelesen habe, dass nichts von dem Buch übrigbleiben würde, nähme man ihm die Gewalt, musste ich Schmunzeln, denn sind wir doch mal ehrlich: Wenn das Buch seine gesamte Bedeutung aus der Gewalt in ihm bezieht, hat es dann nicht irgendwie genau das erreicht, was es wollte?Explizit eingehen möchte ich am Ende dieser langen Rezension noch einmal auf einen Absatz einer viel beachteten Rezension von Andreas Reich: „das Buch war zuerst Gegenstand der Kritik, Vorwürfe waren die darin vorkommende Gewalt und die deprimierende Botschaft, und man verbannte das Werk aus dem Schulunterricht. Die Stimmung schlug um, als das Werk mit mehreren Buchpreisen ausgezeichnet wurde, was es in den Augen mancher Kritiker ironischerweise rehabilitierte, und ist nun auch als Stoff an Schulen zu finden. - Wer diese Spiegelfechterei verschiedener Positionen, Kritiken und Preisvergaben noch immer für das Merkmal des Kampfes eines sich Gehör verschaffenden, "mutigen, tabubrechenden Buches" hält, hat den Rummel, der zwischen Verlagshäusern und Kritikern läuft, um einen potentiellen Bestseller ins Gespräch zu bringen, noch immer nicht durchschaut.“Sorry, jetzt wird es evtl. ein wenig persönlich. Aber hier hätte der Rezensent ein wenig mehr Zeit in das Buch investieren können und weniger in seine Rezension, dann wäre im selbst klar geworden, dass er sich hier, ohne es zu wollen, direkt auf das Buch bezieht. Passiert mit dem ‚Berg aus Bedeutung‘ nicht genau dasselbe wie mit diesem Buch? Etwas, dass für den Rezensenten keine große Bedeutung hat (das Buch) wird plötzlich von Kritikern in den Himmel und wieder zurück gelobt. Es wird propagiert, das Buch hätte eine riesige Bedeutung und der Autor der Rezension ist nun auf einmal ein Schüler aus Pierre Anthons Klasse, der die Welt nicht versteht, in der etwas eine Bedeutung für andere hat, dass ihm nichts gibt. Er steht vor der Frage - vor dem Dilemma -, welches das Buch aufzeigt. Und genau daran sollte nun auch ersichtlich werden, wie wenig hier auf den Text eingegangen wird. Wenn der Inhalt schon Relevanz für seine Rezension hat und ihm einige der Probleme, die er hat aufzeigt, wie kann das Buch dann völlig gehaltlos sein?Vorhin habe ich hier absichtlich das Wort aufzeigen benutzt, denn das Buch ist keine Lösung. Es ist ein Roman. Ein Roman, der eine Problemstellung aufzeigt, sie aber nicht löst. Dieser Lösungsanspruch ist sowieso völlig unrealistisch. Der Erzähler ist ein 14-jähriges Mädchen! Warum sollte es philosophisch also flach sein. Gibt das dem Buch nicht ein wenig Glaubwürdigkeit?Am abschließenden Ende, soll noch darauf hingewiesen werden, dass es sich bei dem Buch keineswegs um ein perfektes Buch handelt. Aber die bisher geäußerte Kritik ist im höchsten Maße eindimensional und wirkt, als wäre sie von erzkonservativen Dinosauriern geschrieben, die nach dem Satz ‚Nicht ist von Bedeutung‘ schon den Kopf zugemacht haben. Dieses Lamentieren über das, was die Autorin jetzt sagen wollte, ist doch furchtbar. Manchmal da gibt es eben nur den Text und das, was gesagt werden wollte, steht hinter dem, was tatsächlich gesagt wird.