Ich bin hässlich, niemand bemerkt mich, ich bin nichts wert, meine Kunst ist minderwertig und interessiert niemanden.Im Wesentlichen stellt sich Chris Kraus in ihrem autobiographischen Roman I love Dick so dem Leser dar. Wer hier eine Liebesgeschichte oder eine Art von Obsession erwartet (Dick bedeutet sowohl den Männernamen als auch Penis), wird sich in die Irre geführt sehen.Um was geht es? Chris Kraus (39; Filmemacherin und Schriftstellerin) und ihr langjähriger Partner Sylvère Lotringer (56; Kulturtheoretiker und Herausgeber) essen mit Dick (Bekannter Sylveres; Kulturwissenschaftler) zu Abend. Chris bildet sich Dicks interessierte Blicke ein. Wie ein Teenager steigert sie sich in eine einseitige behauptete Verliebtheit.Der erste enttäuschende Schlag, der mich bei der Lektüre traf: Chris berichtet Sylvère haarklein alles, was sie sich da zur Person Dick zusammenfantasiert. Sylvère reagiert im Grunde gelassen, was dieser an sich brisanten Wende jeglichen Reiz nimmt.Von nun an schreiben sie zusammen Briefe an Dick, die diese eingebildete Verliebtheit zum Inhalt haben. Die Briefe schicken sie nicht ab. (Vorerst.) Chris Kraus kapriziert dieses gedachte Verliebtsein auf einen Mann, den sie nur einige Stunden in ihrem Leben gesehen hat. Sie zerdenkt diese im Grunde nicht empfundenen Gefühle.Angeregt von den intensiven Gesprächen über Dick haben sie ausnahmsweise wieder Sex zusammen, wofür Sylvère sich brieflich bei Dick bedankt: „Du kannst (...) sogar stolz auf die Heilung sein, die du uns ermöglicht hast. Dafür jedoch, Dick, hättest du in irgendeiner Form Kontakt mit uns aufnehmen müssen...“ (S. 119)Die Texterei in Richtung Dick löst bei Chris unerschöpfliche Gedankenströme aus:„Bevor sie Sylvère traf, war sie ein merkwürdiges und einsames Mädchen gewesen, doch nun war sie niemand mehr. (...) Ganz egal, wie viele Filme sie drehte oder wie viele Bücher sie herausgab – solange sie mit Sylvère zusammenlebte, würde sie immer ein Niemand sein, und zwar für alle, auf die es ankam.“ (S. 124)Mit einem Mal weiß sie sicher, auch Sylvère war nie in sie verliebt (S. 125). Dieser Gedanke impliziert ein Verfügen über Sylvère. Sie denkt, was jemand fühlt, ohne denjenigen zu fragen, wie er es sehe.Dann trennt sich Chris von Sylvère.Sie fährt in ihr Haus in Pasadena und denkt dort weiter an Dick. Notiert auf mehr als 200 Seiten ihre Gedanken zu ihrer Beziehung, die ja de facto keine ist.Die eingebildete Beziehung zu Dick erscheint wie ein Kinderersatz „Chris und Sylvèe hatten keine Kinder, stattdessen drei Abtreibungen...“ (S. 39). Dieses auf sich Fixiertsein lässt Chris im eigenen Gedankensumpf waten und macht sie unsympathisch.Alles findet nur in ihrem Kopf statt.Bis sie Dick anruft und ein Treffen mit ihm vereinbart. Es kommt dann auch zum Sex, der nur marginal geschildert wird. Im Anschluss zerredet sie diese körperliche Begegnung. Dick steht dem allen leidenschaftslos gegenüber und schreibt später an Sylvère, dass er es bereue, dieser obsessiven Aufmerksamkeit nur mit verwirrtem Schweigen begegnet zu sein (vgl. S. 290).Doch Chris braucht Dick als Zuhörer, weil sonst niemand ihr zuhört. „Ich bin vollkommen bedeutungslos.“ (S. 210) Schreibt sie an Dick.Alles wird rationalisiert, wobei Chris Kraus diese Feststellung schätzungsweise auch wieder rationalisieren würde.Einerseits vermittelt der Roman anfänglich den Eindruck, hier packe jemand so richtig über sich aus. Andererseits führt das Zerreden (erst mit Sylvère, dann mit Dick), das Analysieren, Einordnen, Rationalisieren jeglicher Regung und jeglichen Gedankens dazu, dass dies alles verdinglicht erscheint und damit uninteressant (für den Leser). Denn ein fühlender und mitfühlender Mensch, der sein Innerstes aufdeckt, ist Chris Kraus in diesem autofiktionalen Roman nicht.Für ihren Selbsthass [(„... neben der souveränen und glamourösen Rachel (...) fühlte sich Chris wie eine Kakerlake.“ (S. 122)] und ihre beruflichen Misserfolge übernimmt sie nicht die Verantwortung, sondern schiebt dies auf die Verhältnisse und behauptet pauschalisierend, dass dies bei allen Frauen so sei (vgl. S. 231).The Guardian stellt fest: Das wichtigste Buch des 20. Jahrhunderts über Männer und Frauen“. Fragt sich nur, welche Art Männer und Frauen hier gemeint sind. Denn Chris Kraus scheint sich nicht als eigenständigen, selbständigen, verantwortlichen Menschen zu sehen. „Deinetwegen konnte ich nun daran glauben, trotz allem doch noch jenen neuen Lebenszweck zu finden (...).“ (S. 262)Was dann wirklich ein wieherndes Lachen hervorruft, ist der Kommentar auf der Rückseite des Buches von Elke Schmitter, Der Spiegel. „Mitreißend schön.“ (entweder ein anderes Buch gelesen oder nichts verstanden...)
Ein Text der sich verschiedener Erzählformen bedient, überwiegend aus der Ich-Perspektive erzählt und zugleich als Einbahnstraßen-Briefwechsel daherkommt. Das Thema ist dabei nicht eindeutig abzugrenzen, sprechen wir daher vage von heftiger Zuneigung in modernen Zeiten. An Liebe zu glauben, wird ab einem gewissen Alter und oder Bildungsstand beliebäugelt und naiv abgetan und so wurde dem Roman inzwischen bereits mehrfach ein mitunter schwer erträglicher Hang zum Kitsch vorgeworfen. Diese Kontroverse ist jedoch genau die Stärke des Buchs: Wie kann bei aller Reflektion eine Zuneigung sämtliche rationalen Schlüsse außer Kraft setzen und das Leben einer gebildeten und emanzipierten Enddreißigerin so auf den Kopf stellen?Das Buch hat in der Gegenwart, wo die öffentliche Diskussion über das Postfaktische jene über die Postmoderne deutlich überlagert, nichts an seiner Bedeutung eingebüßt: Denn auf die Frage: erfinden wir uns die Liebe, die Projektionsflächen und die Objekte der Zuneigung selbst? antwortet der Text auf seine eigene Art. Er stimmt zu, aber wie freiwillig wir das tun, ist eben die andere Frage. Und so geht Chris, so der Name der Protagonistin (was dem Leser Tür und Tor für jegliche Spekulation über Biographisches öffnet,) ohne Rücksicht auf Verluste ihren scheinbar unfreiwillig eingeschlagenen Weg, nachdem aus einer wenig spektakulären Begegnung ein unkontrollierbares Verlangen erwachsen ist. Und einen Wandel herbeiführt, den sie im Nachhinein womöglich vermisst hätte.Sich dem meistbeschriebenen und zugleich profansten Gegenstand der Literatur - der Liebe - auf eine so differenzierte und mitunter artifiziell anmutende Art anzunähern, beeindruckt durchaus. Gerade weil die erzählerische Briefform in seiner Historie den zeitgenössischen Blick geschickt konterkariert. Der Intellektuelle Zugang erweist sich letztlich als großer Gewinn und erlaubt auch den reflektiertesten unter uns, noch von unerwarteten Begebenheiten und inneren unkontrollierbaren Mechanismen zu träumen.
„Ich war ein sprechender Hund – ohne die Trostlosigkeit, eine Haltung verteidigen zu müssen.“ sagt die Protagonistin in Chris Kraus vermutlich zumindest teils autobiographischem Roman über sich an einer Stelle.Von dieser Position entfernt sie sich jedoch während dieses Buches und erlangt ein deutliches Mehr an Selbstwirksamkeit. Dass sie hierfür jemanden über Monate stalkt, sich in all ihrer Zerknischtheit dem Leser zeigt und mit ihrem ständig aufs Neue präsentierten Frust diesem auch teils gehörig auf den Zeiger geht (zumindest bei mir hatte es diesen Effekt), nimmt sie hierfür – das unterstelle ich ihr mal – bewusst in Kauf.Das Buch funktioniert für mich in den Teilen am besten, in denen diese sehr persönliche Geschichte mit sowohl kulturtheoretischen, als auch politischen Überlegungen und der Rezeption von Kunst verbunden wird. Hier gelingt es ihr hervorragend, einen Sinnzusammenhang zu ihren eigenen Erfahrungen herzustellen und für zumindest für mich schlüssig nachzuweisen, in welchen Formen Sexismus in der Bourgeoisie auftritt und welche Auswirkungen er auf sie als Gestaltende hat.Ich mag auch die Form, diesen so ein wenig an den Ecken ausfranzenden Briefroman.Ich halte das Buch für sehr mutig und bewundere die Autorin: Dieser Text wirkt ehrlich und wenig kompromisslos. Ich als Leser werde hier wenig geschont, jedoch spüre ich auch die ganze Zeit, dass Chris Kraus sich noch deutlich mehr zugemutet hat.