Der Name ist Musikliebhabern ein Begriff. Wie ein Monument steht er gewissermaßen stellvertretend für die deutsche Musikkritik der vergangenen Jahrzehnte: Joachim Kaiser. Nun ja, das ist eben eine Tatsache, aber es sollte keinesfalls den Blick dafür verstellen, daß dieser Joachim Kaiser ein sympathischer Mann ist, dessen Begeisterung für Musik den Leser oder Hörer regelrecht überwältigen und mitreißen kann. Das Buch "Leben mit Wagner" ist ein guter Beweis dafür.---"Ich will es nicht leugnen: Manchmal erfüllt mich ein Überdruss gegenüber Wagner-Inszenierungen..."Kaiser nimmt den Leser mit auf seine offenherzige Entdeckungsreise in den Wagner-Kosmos. Dabei verbindet er die zahlreichen persönlichen Eindrücke und Erfahrungen mit einem schier unerschöpflichen Fundus an Wissen und würzt das Ganze mit dem einen oder anderen Blick über den Tellerrand. Und das macht den Reiz des Buches einerseits aus: Hier erzählt jemand, der auch wirklich etwas zu sagen hat. Anderseits ist es Kaisers Stil, der mich begeistert.Und wie kann es eigentlich sein, daß ein Kritiker einen Überdruß an Operninszenierungen verspürt? Woran mag das wohl liegen? So provokativ die Frage, so verlockend wie schlüssig Kaisers Antwort.---"[Der Steuermann im Holländer] schläft zum Schluss ein – zu Tode entkräftet (in einer Bayreuther Inszenierung einst, zu allem Überfluss auch noch sinnlos besoffen)."Der Autor beherrscht das Professorale, wo angemessen, genauso wie einen fein pointierten Stil, der mich hin und wieder an Kaisers leider bereits verstorbenen Freund Vicco von Bülow - Loriot – erinnert: Kann man sich denn überhaupt sinnvoll betrinken?Hinzu kommt die Frische des Stils, das gelegentlich Plauderhafte, das seine Ursache in der Begeisterung für den Stoff findet.---"Umso mehr verübelte diese Weltöffentlichkeit es Richard Wagner, der sechs Jahre vor Hitlers Geburt gestorben war, dass Hitler für ihn schwärmte und sich auf ihn berief.""Leben mit Wagner" beginnt mit einem Exkurs zum Leben und Wirken Wagners, in dem sich Kaiser zum Beispiel zur Antisemitismus- und Rezeptionsthematik äußert. Seine Sicht ist wirklich sehr erhellend und nachvollziehbar bei diesem schwierigen Aspekt in Wagners Biographie. Mehr will ich hier aber nicht verraten.---"...mit drei zwar nicht vollendeten, aber doch aufregenden, schönen und ergiebigen Opern. Es ist erfrischend und manchmal sogar beglückend, Wagners Frühwerk ernst zu nehmen."Es folgt ein bewegendes und fundiertes Plädoyer für "Das verfehmte Frühwerk". Die Begeisterung des Autors ist hierbei so groß, aber nicht unreflektiert, daß ich beim Lesen direkt Lust verspürte, die Opern wieder zu hören. Danach schließen sich Kapitel zu Lohengrin, Tristan, Meistersingern, drei zum Ring und ein letztes zum Parsifal an. Thomas Mann, dessen Name so oft in Verbindung mit Wagner genannt wird, hat sein eigenes, interessantes Ring-Kapital.---Es ist erstaunlich, wie wunderbar Kaiser Bekanntes neu verknüpft, tiefer durchdringt oder Unbekanntes aufdeckt, weil es schlicht übersehen wurde. Zwar frischt er die notwendigen Grundkenntnisse stets auf, doch meist sind sie die Grundlage für weiterführende Erörterungen. Und wenn es dann einmal zu sehr in die Tiefe ging, war ich offen gestanden froh, über ein gewisses Maß an Vorwissen zu verfügen.Sicherlich ist das Buch nicht zum thematischen Entstieg in das Werk oder die Person Wagners geeignet. Denn es sollten schon ein paar Grundkenntnisse vorhanden sein. So schadet es nicht, das Opernwerk in seiner Breite und zumindest ein wenig in seiner Tiefe zu kennen. Gleiches gilt für die Biographie des Komponisten. Doch sind diese groben Orientierungspunkte vorhanden, dann kann man "Leben mit Wagner" genüßlich verschlingen."Leben mit Wagner" bietet insgesamt eine willkommene Abwechslung im Wagner-Bücherdschungel und den etwas anderen Blick auf den großen Komponisten - interessant, bereichernd, unterhaltsam, kurzum: ein großes Lesevergnügen.