Jürg Frick: Gesund bleiben im Lehrberuf. Ein ressourcenorientiertes Handbuch. Huber 2015. 392 Seiten, ca. 30,00 €Es gibt Bücher, die bleiben einfach aktuell. Dazu gehört das Buch „Gesund bleiben im Lehrberuf“ von Jürg Frick, erschienen 2015. In Zeiten von Corona bzw. – hoffentlich! - unmittelbar danach ist es sogar aktueller denn je. Viele Lehrkräfte, im ständigen Wechsel zwischen Präsenzunterricht und Homeoffice mit all den damit verbundenen weitreichenden inhaltlichen wie organisatorischen Problemen, sind am Ende der Pandemie auch am Ende ihrer Kräfte. Das gilt besonders auch für Schulleitungen. Das Buch von Jürg Frick ist gerade in dieser Situation eine große Hilfe – „Hilfe“ durch Ermutigung, Verständnis und jede Menge Anregungen in Bezug auf den achtsamen Umgang mit den eigenen Kräften. Es geht um nicht weniger als darum, gesund zu bleiben, gesund für sich selbst und gesund, um einen anspruchsvollen und manchmal eben auch kraftraubenden Beruf weiterhin verantwortungsvoll ausüben zu können.Wie unter einem Brennglas, das auf den Lehrberuf gerichtet ist, fließt hier Wesentliches zusammen: lebendige Praxis und fachspezifische Reflexion, profunde Erfahrungen aus der Arbeit mit Lehrkräften in Beratung, Coaching, Supervision und Fortbildung sowie die genaue Kenntnis der Licht- und Schattenseiten, der Herausforderungen und Fallstricke dieses Berufs. Jürg Frick, Schweizer Individualpsychologe und Prof. em. an der Pädagogischen Hochschule Zürich, beschreibt die mit dem professionellen Agieren einhergehenden Anstrengungen derart plastisch und realitätsnah, dass nicht nur Lehrkräfte sich darin wiederfinden werden, sondern vermutlich auch Menschen, die mit dem Beruf gar nicht in Berührung kommen, sondern ihn „nur“ aus z. B. der Elternperspektive kennen. So folgt man dem Autor als Leser/in bereitwillig und gespannt, wenn er in seinem Buch eine Vielzahl von Faktoren der Resilienzförderung vorstellt und dabei lebensnahe und in der Praxis bewährte Übungen mitliefert.Der Text des Autors ist nicht nur authentisch – er selbst wird in seiner Haltung für Lesende klar erkennbar -, sondern im wahrsten Sinne des Wortes auch ansprechend, und das ist hilfreich, wenn es darum geht, sich gesundheitserhaltende Maßnahmen zu Herzen zu nehmen. Es ist ein Handbuch, d. h. man muss es nicht „durchlesen“, sondern kann an jeder Stelle beginnen oder aufhören. Es ist weder wissenschaftlich überfrachtet noch die Dinge verharmlosend, weder belehrend noch dramatisierend. Es beruht auf reflektierter Erfahrung und ist von einem aufrichtigen, ruhigen und die Lesenden kompetent begleitenden Ton getragen: Mut machend, aber auch deutlich hinweisend auf Gefahren, die Lehrkräfte manchmal geneigt sind, allzu leicht zu übersehen oder zu unterschätzen.
Ich habe das Buch in erster Linie nicht als tiefenpsychologische (Fach)Literatur mit dem Anspruch wissenschaftlichen Fortschritts oder Erkenntnis, sondern als "Handbuch", meinetwegen als populärwissenschaftliches Werk, gelesen. Ich denke, genau das ist es: ein Buch, das Betroffenen Mut machen soll; aufzeigen soll, dass Betroffene in ihrer Überforderung nicht isoliert und damit auf sich selbst zurückgeworfen sind; motivieren soll, auch eigene Haltungen, Ein- und Vorstellungen zu reflektieren - und mit anderen darüber zu sprechen (Einladungen hierzu finden sich im Buch zuhauf). Dies gelingt Hr. Frick m.M.n.Das Buch von Hr. Frick liest sich einfach. Darunter muss nicht automatisch die Qualität des Texts leiden, im Gegenteil: leider zählen im deutschen Sprachraum nach wie vor jene Werke zu den wissenschaftlich und intellektuell gehaltvollsten, deren Formulierungen kompliziert, verschachtelt und von Fachbegriffen durchsetzt sind, letztlich, so mein Eindruck, häufig jedoch lediglich thematische Unsicherheiten (die der Wissenschaft stets inhärent sind) des Autors kaschieren sollen.Mit der Thematik vertraute Leser werden dem Buch nicht viel Neues entnehmen können. Die zahlreichen "Selbsttests" und Übungen können über die m.M.n. künstlichen "Längen" nicht hinwegtäuschen. Für Neueinsteiger oder gerade in einer (Sinn)Krise steckende Lehrende finden sich jedoch jede Menge Anregungen, Ideen und Hilfestellungen.Bezugnehmend lediglich auf einige Aspekte der ausführlichen Rezension von Hr. Kahl:Hr. Kahls Kritik des Ausklammerns der Perspektive der SchülerInnen: natürlich sind direkte Lehrsituationen immer Begegnungen zwischen Subjekten und damit intersubjektiv zu betrachten, insofern kann - streng wissenschaftlich-analytisch orientiert muss - auch Übertragung und GÜ gedacht und berücksichtigt werden. Aber das war gewiss nicht der Anspruch von Hr. Frick, sonst wäre das Buch (inkl. umfangreicher Übersicht der Studienlage) ganz anders betitelt und aufbereitet (wie Hr. Frick offenbar selbst auch festgehalten hat). Hier ist allerdings Hr. Kahls Kritik am (Fach)Verlag, offenbar aus reinem Interesse an den Verkaufszahlen zu verlegen, ein klein wenig nachvollziehbar.Ich denke nicht, dass die von Hr. Kahl skizzierte Aufteilung in die Extreme "Gesundheit und Wohlbefinden von Lehrenden" vs. "Gesundheit und pädagogische Förderung von SchülerInnen" notwendig und richtig ist. Vielmehr gibt es ein "Sowohl - als auch", wahrscheinlich sogar ein "wenn-dann". Natürlich können (subjektiv) zufriedene, entspannte, gesunde, sichere, optimistische Lehrende mit größerer Wahrscheinlichkeit ein lern- und entwicklungsförderliches Klima schaffen, wovon letztlich die SchülerInnen profitieren.Vielleicht war Hr. Kahl (ein fraglos belesener und kluger Fachmann) von Hr. Fricks Buch einfach nur gelangweilt und hat sich über die investierte Zeit geärgert; anders kann ich eine solch enorm umfassende Kritik, vor allem über eine mediale Plattform wie das Rezensionsforum von Amazon, nicht nachvollziehen.