Remo Largos neues Buch über Schulkinder und Jugendliche ist lehrreich und leicht leserlich, der Autor ist sympathisch, das Wohl des Kindes und dessen möglichst freie Entwicklung hin zu seinem wahren Wesen stehen für ihn im Mittelpunkt. Ich habe einzig zwei Kritikpunkte, bei denen ich persönlich eine andere Meinung habe:Ich denke nicht, dass Kinder am besten lernen, wenn sie dies freiwillig und selbst entdeckend tun können. Zwar ist dies eine schöne, freiheitliche Vorstellung, doch in der Realität utopisch, da kaum ein Kind freiwillig den Dreisatz oder die Rechtschreibung so lange üben würde, bis es diese wirklich beherrscht. Ich wäre sofort mit Largo einverstanden, wenn unsere Gesellschaft eine andere wäre, ohne das heutige Bildungssystem, den enormen Leistungsdruck und hochgeschraubte Ausbildungsanforderungen. So lange es diese jedoch gibt, funktioniert das freiwillige Lernen meiner Meinung nach nicht, weil der Stoff viel weniger sitzen würde und man beruflich kaum Chancen hätte.Largo plädiert auch dafür, dass mehr Gewicht auf das Verstehen des Stoffes gelegt werden sollte statt auf langweiliges Üben, das sowieso wenig bringe. Dies entspricht meiner Erfahrung gar nicht: Wenn ein Kind den Dreisatz einmal verstanden hat und "ja, genau!" ausruft, kann es diesen danach noch lange nicht. Das Verstehen nützt herzlich wenig ohne das gleichzeitige intensive Einüben der Durchführung der Rechnung. Fragt man ein Kind kurze Zeit später, nachdem es sein Aha-Erlebnis hatte, wie nun der Dreisatz gehe, hat es das "Verstandene" meist bereits wieder vergessen. Dies bedeutet: Auch einmal Verstandenes wird rasch wieder vergessen, wenn es nicht über längere Zeit eingeübt wird, damit sich bleibende Synapsen im Hirn bilden, die das Vergessen verhindern. Verstehen ist nicht wertvoller als Üben, denn diese beiden Teile können gar nicht voneinander getrennt werden. Sie wechseln sich ständig ab im Prozess des Verinnerliches eines neuen Lerninhaltes. Wenn ein Kind die schriftliche Addition bereits gut beherrscht, geht ihm z.B. plötzlich wieder ein Licht auf, wofür eigentlich die "Behalte" stehen. Bei der Durchführung der Rechnung ist es gar nicht nötig, dass es sich ständig bewusst ist, welche Bedeutung dies hat. Im Gegenteil: Durch ständiges Reflektieren wird das begrenzte Kurzzeitgedächtnis eher überlastet. Auch Erwachsene führen Operationen mechanisch aus, ohne sich deren Bedeutung ständig bewusst zu sein - es genügt zu wissen, dass man sie so und nicht anders machen muss. Je besser ein Kind Rechnungen mechanisch ausführen kann, desto tiefer begreift es, was es tut und weshalb es so ist. Dieses Verstehen wäre gar nicht möglich, wenn es den Ablauf nicht bereits automatisiert durchführen könnte, d.h. wenn es diesen nicht über längere Zeit eingeübt hätte, um ihn irgendwann nicht mehr zu vergessen. Verstehen liegt also gar nicht nur notwenigerweise (wie oft behauptet) am Anfang des Lernens, wo man mit dem Lernen dann auch schon wieder aufhören könnte, weil weiteres Üben angeblich so nervtötend ist.Ich denke, das Problem ist eher umgekehrt: Es wird mit den Kindern zu wenig gezielt geübt und auswendig gelernt, so dass viele schulische Fertigkeiten nie wirklich sitzen und deshalb ständig Probleme verursachen. Man übt kurzfristig für die nächste Prüfung, um dann rasch alles wieder zu vergessen, statt dieselben Inhalte über längere Zeit, was dann als Wissen fürs Leben erhalten bleibt. Dies schafft viel eher Schulfrust als zu langes Üben, das von Kindern als durchaus befriedigend erlebt wird, weil sie spüren, wie gut sie nun geworden sind, wo sie sich vorher unfähig fühlten. Weil die Pensen in der Schule (z.B. durch zwei Fremdsprachen) immer voller werden, bleibt für das Üben viel weniger Zeit als früher. Man lernt viele Themen oberflächlich, kann aber nichts mehr wirklich, was mangelnde Fähigkeiten und Schulfrust verursacht.Meine zweite Kritik bezieht sich auf Largos uneingeschränktes Lob für Kindertagesstätten, die Kindern gemäss ihm nachweislich bessere Entwicklungschancen eröffneten, die Sprachentwicklung förderten und gar bewirkten, dass diese eher ins Gymi kämen.Ich finde, dass er hier zu wenig differenziert und z.B. sagt: Kitas sind besser als zu Hause meist ohne oder mit stets gestresster Mama vor dem Fernseher zu verbringen. Das ist sicher so. Doch unterscheidet er nicht, ob Eltern viel Zeit mit dem Kind verbringen, es viele Anregungen und Kontaktmöglichkeiten zu Hause hat und in welchem Alter/Umfang das Kind in die Kita geht. Er spricht nicht über mögliche Nachteile: wechselnde Bezugspersonen, zu wenig persönliche Betreuung, zu viele Kinder, Reizüberflutung, Nachteile für die frühkindliche Sprachentwicklung und Bindungsfähigkeit, Trennungstraumatas, Gefahr des Hospitalismus (in Abstufungen), Zerfall der Familie (Beispiel Schweden). Das sind komplexe Themen, bei denen es sich lohnt, in die Tiefe zu gehen. Auch wenn viele Familien auf Kitas angewiesen sind, sollte man diesen Trend zur ausserfamiliären Betreuung dennoch kritisch betrachten und überlegen, ob da nicht Optimierungsmöglichkeiten bestünden, z.B. durch Betreuung in kleiner Gruppe, konstante Bezugspersonen durch Tagesmütter/Omas, nicht zu frühe ausserfamiliäre Betreuung (Bindungsfähigkeit). Zu diesen Themen haben sich die Autoren René A. Spitz, Prof. Theodor Hellbrügge und Johannes Pechstein ausführlich geäussert.