Die beiden erfahrenen Praktiker und Lehrer für Gestalttherapie legen in diesem Buch eine umfassende, erneuerte Darstellung der Gestalttherapie in sechs Kapiteln vor. Eingearbeitet wird in das Verständnis der „Gestalt“ als Prozess der kreativen Anpassung, nach der der Mensch strebt, das allgemein-psychologische Schema-Konzept – um die dysfunktionale Anpassung versteh- und durch gezieltes therapeutisches Vorgehen veränderbar zu machen. U. a. mit diesem Konzept bieten A.Votsmeier-Röhr und R.Wulf in der Allgemeinen und Speziellen Störungslehre (im Kapitel 3) einen differenzierten Einblick in die gestalttherapeutische Perspektive der Entstehung und Aufrechterhaltung psychischer Störungen. Diese gelungene, „komprimierte Einführung in differentielle Gestalttherapie, wie man sie so bisher nicht lesen konnte“, zählt Prof. Willi Butollo in seiner Rezension für die Fachzeitschrift Gestalttherapie zu den „besonderen Highlights des an sich schon kostbaren Buches“. Die Darstellungen von acht Störungsbildern bieten sehr nützliche Ansatzpunkte und Anregungen zum therapeutischen Vorgehen.Bemerkenswert ist der in der Einleitung angekündigte Verzicht auf die „Theorie des Selbst“ (aus dem Ursprungstext von Perls, Hefferline und Goodman), weil ohnehin kontrovers diskutiert und gestalttherapeutisch inkonsistent: einen Ersatz dafür durch den Begriff Bewusstsein hatte K. Höll auch im 30-Jahre-Jubiläumsheft der Gestalttherapie vorgeschlagen.Das Buch gibt einen Überblick über die Entwicklung der Gestalttherapie, ihre wichtigsten Begriffe, betont die Feld-Orientierung (auch die therapeutische Situation ist als Feld zu betrachten), die existenziell-phänomenologische Orientierung (das gestalttherapeutische Ziel ist das Erhöhen der Bewusstheit des subjektiven Erlebens) und die dialogische Orientierung (Heilung findet in der Begegnung mit dem Therapeuten statt).Weil sehr umfassend, ist das Buch kein leichter Text; man kann es in ausgewählten Abschnitten lesen. Ein ausführliches Sach- und Personenregister dient jederzeit als profundes Nachschlagewerk.Hinweisen möchte ich auf die gelungene Übersetzung von identification and alienation aus dem Kontakt-Zyklus-Modell (S.88); der zweite hier kursiv wiedergebene Begriff wird mit Abgrenzung eingedeutscht, ein Fortschritt, der hoffentlich Verballhornungen früherer veröffentlichter Übersetzungen endgültig vergessen lässt (deswegen seien diese hier auch nicht genannt).Sehr erhellend empfand ich die Therapievignetten in der Besprechung des 5-Phasen-Modells, die Therapieinterventionen in den Kontaktphasen sowie besonders die Voraussetzungen für den therapeutischen Einsatz von „Experimenten“ und dessen genaue Durchführung. Im Forschungskapitel wird dargelegt, dass die Gestalttherapie bezüglich ihrer Wirksamkeit, ihrer Theorienbildung, ihrer Gesundheits- und Krankheitslehre und ihrer Methodologie mit anderen etablierten Verfahren mehr als nur mithalten kann.Wir haben hier ein Grundlagenwerk, das den Auszubildenden, aber auch reflektierenden Praktikern, bei den speziellen Störungsbeschreibungen selbst Betroffenen nützlich und wichtig sein wird.
Spielte bis Mitte der 90er-Jahre des letzten Jahrhunderts die Gestalt-therapie in der Beratungs- und Therapieszene in Deutschland eine sehr bedeutende Rolle hat diese, als Teil der Humanistischen Therapie, aufgrund des Psychotherapeuten Gesetzes und der Anerkennung der Tiefenpsychologie/Psychoanalyse und der Verhaltenstherapie als einzig kassenfinanzierte Verfahren, deutlich abgenommen. So ist es gut, dass mit dieser Veröffentlichung eine Übersicht über diesen psy-chotherapeutischen Ansatz erfolgt. Eingebunden in den Zeit- und Ideengeschichtlichen Kontext werden die beiden Gründer, Fritz und Laura Perls und deren biographischer Hintergrund vorgestellt. Dass Menschenbild der Gestalttherapie sieht den Menschen als nach kreati-ver Anpassung strebend, nach Verwirklichung seiner Fähigkeiten, Potentiale, nach Wachstum. Problematische Verhältnisse in der Le-bensgeschichte, die nicht optimal verarbeitet werden konnten, resultie-ren dann in einer maladaptiven Organisation der Erfahrungen und kommen im psychischen und körperlichen Leid als Störungen, Symp-tome und Krankheiten zum Ausdruck. Um Menschen in dieser Notsitu-ation angemessen zu behandeln, sehen Gestalttherapeuten diesen ganzheitlich, um ihn in seiner einzigartigen Situation gerecht werden zu können.Wie dies geschieht, wird anhand des therapeutischen Prozesses, der Behandlungsziele und Veränderungsstrategien, der therapeutischen Beziehung und der Interventionen gut nachvollziehbar beschrieben. Ein wichtiges Anliegen ist es, die Handlungsoptionen zu erweitern. Wenn etwa Klienten dazu neigen, sehr stark ihr Erleben abzuschwä-chen, indem sie ihre Sprache mit Füllworten spicken wie „ein bisschen“ oder „vielleicht“, dann ist es z.B. möglich diese einzuladen, einmal auf diese Gewohnheit zu verzichten und auszuprobieren, eine Aussage zu wiederholen, ohne diese Wörter zu benutzen. Durch dieses „Experi-ment“ finden sie heraus und erleben, wie es sich damit anfühlt und was dann vielleicht anders ist.In einem Überblick über die allgemeine Störungslehre wird nachvoll-ziehbar, wie Kontaktunterbrechungen zu unabgeschlossenen Gestalten und Fixierungen führen können. In einer speziellen Störungslehre hin-sichtlich der Ansatzpunkte und Ziele wird die Vorgehensweise anhand folgender psychischer Beeinträchtigungen aufgezeigt: Depressive Störungen, Angststörungen, Zwangsstörungen, Posttraumatische Belastungsstörungen, Persönlichkeitsstörung, Strukturelle Störungen, Somatoforme Störungen und Essstörungen.Dr. Rudolf Sanders, partnerschule.eu
Das Buch Gestalttherapie ist das derzeit aktuellste, ganzheitlichste und verständlichste das ich finden konnte. Während meiner Ausbildung in Gestalttherapie habe ich viele verschiedene Bücher gelesen und immer wieder interessante und gewinnbringende Einsichten bekommen. Diese lagen jedoch großteils unzusammenhängend irgendwo in meinem Gehin herum. Das vorliegende Buch ermöglicht eine Integration der vielfältigen und teils bereits in sich sehr anspruchsvollen Ansätze. Ganz gemäß dem Motto "Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile". Dies geschieht durch den eigenen, in sich logischen, Aufbau der gestalttherapeutischen Theorie und die Verknüpfung mit aktuellen und interdisziplinären Erkenntnissen aus Forschung und anderen Therapierichtungen (z.B. Strukturansatz aus der OPD der Tiefenpsychologie, oder dysfunktionale Schemata der Schematherapie, etc.) .Alles in allem also sehr empfehlenswert!