Das Buch beginnt mit einem relativ umfangreichen Teil über die polnische Früh- bis Teilungsgeschichte. Dies habe ich bei einem Buch über die zweite Republik nicht unbedingt erwartet, hilft jedoch die Handlungs- und Denkweisen der politischen Akteure zu verstehen und ist daher postiv anzusehen.Anschließend folgt der umfangreiche Hauptteil über die zweite Republik. Dieser Teil ist ziemlich vollständig und beleuchtet die Geschehnisse aus Sicht der verschiedenen Akteure. Eventuell etwas negativ zu bewerten ist, dass Templin teilweise die Vorgeschichte von Rand- oder erst später wichtigen Figuren in "Nebenabsätzen" beschreibt und es so zu vielen Wiederholungen kommt. Im Großen und Ganzen hat man jedoch lust am Lesen und bekommt einen umfangreichen Einblick in die Faktenlage.Im Epilog wird noch die Geschichte von 1939 bis heute skizziert, was mir auch sehr gut gefallen hat. Schön wäre noch gewesen, wenn hier die durch Ukrainer initiierten Massaker von Wolyn sowie der Vertreibung nach dem Krieg beschrieben worden wären (da Templin vorher einen sehr großen Wert auf die polnisch-ukrainischen Beziehungen gelegt hat). Auch, dass Stalin die Hilfe für den Warschauer Aufstand aktiv verweigerte und es positiv sah, dass Warschau und seine Bevölkerung ausgelöscht wurden wäre für den westlichen Leser interessant gewesen.Die ein Sterne Bewertung kann ich nicht nachvollziehen. Die Bemerkung über Polannen und August I. mag seine Berechtigung haben, ist jedoch eigentlich nicht Thema des Buches und soll nur das spätere Verständnis verbessern. Beim Leser bleibt hier auch der Einfluss der Sachsenkönige hängen, ob es nun August I., II. oder III. war dürfte nicht die höchste Relevanz haben. Jemandem dem hier 100% Richtigkeit wichtig sind wird auch eher ein Buch über diese spezifische Geschichtsepoche in die Hand nehmen.
Der Autor hat meines Erachtens die Prioritäten nicht richtig gesetzt. Er ist für mich zu sehr auf die Ursachen und Folgen der zwei polnischen Aufstände in der Zeit der polnischen Teilungen eingegangen. Außerdem und vor allen hat er sich zu sehr mit der Person von Pilsudski, insbesondere mit seinen Charaktereigenschaften auseinandergesetzt - vor allem um dann dessen Fehler zu beschönigen. Dabei sind aber wesentliche Aspekte und Inhalte der polnischen Innenpolitik erheblich zu kurz gekommen. Der Autor geht zum Teil überhaupt nicht im Detail auf die innenpolitischen Auseinandersetzungen in Polen ein. Das gilt erstens für eine detaillierte Beschreibung des dritten schlesischen Aufstandes, für die paralell dazu durchgeführte Volksabstimmung und schließlich für die Teilung. Weiter fehlt eine genaue Beschreibung der wichtigsten Auseinandersetzungen in der Zeit vor dem Maiputsch (einschließlich der Minderheitenfrage). Es wurde zwar die Position der Nationaldemekraten aufgeführt, aber nicht analysiert wie diese Auseinadersetzungen verlaufen sind und wie die jeweiligen Ergebnisse waren. Schließlich fehlt jeglicher Hinweis vor allem hinsichtlich der Machtkämpfe innerhalb des Sanacja Regimes nach dem Tod Pilsudskis. Hierbei wären insbesondere genaue Ausführungen über die Entwicklungen und die Abläufe der Auseinandersetzungen zwischen der Gruppe Schloß und der Gruppe der Obisten sehr ineressant gewesen. Auch über die dadurch begünstigten und seit 1937 verabschiedeten Antijudengestze findet man nichts in dem Buch. Verharmlost und das ist bezeichnend werden die Judenprogrome in den damaligen polnischen "Ostgebieten" seitens der ukrainischen Bevölkerung. Insgesamt kann dieses Buch keinerlei Anspruch erheben eine Geschichte der Zweiten Polnischen Republik zu vermitteln.
Das Buch Templins ist eine Zumutung - es wimmelt nur so von Fehlern. Ich will nur drei benennen: So schreibt er, Tschernow sei der Führer der konstitutionellen Demokraten (Kadetten) gewesen. (S. 9) In Wirklichkeit war er aber Sozialrevolutionär, gehörte also auf die Gegenseite des politischen Spektrums in Russland vom März bis November 1917. Die Polanen galten früher als der Gründerstamm des polnischen Staates. Schon seit geraumer Zeit aber geht die Fachwelt davon aus, dass ihr Name eine spätere Abwandlung der lateinischen Bezeichnung „poloni“ ist, das aber scheint Templin völlig unbekannt zu sein. (S. 14) Und August der Starke war nicht – wie er behauptet - August III. (S. 19), sondern in Sachsen Kurfürst Friedrich August I. und in Polen König August II. Auch Verwechslungen historischer Personen kommen bei ihm mehrfach vor, so z. B. bei Kazimierz/Władysław Jagiełło. Templin breitet sein Halbwissen in einer Veröffentlichung des renommierten Schöningh-Verlags aus, das auch von der Bundeszentrale für politische Bildung übernommen wurde. Wenigstens bei einem dieser beiden Editoren hätte man etwas historischen Sachverstand statt offenbar blindem Vertrauen vermutet!