Das neben den Gesangseinlagen auffälligste Mittel der Verfremdung das Brecht, seinem Konzept vom epischen Theater folgend, in diesem Stück einsetzt, ist das der Verschachtelung, denn es sind eigentlich gleich drei Geschichten, die hier zu einer verwoben werden: die des Küchenmädchens Grusche und des von ihr angenommenen Kindes, die des Richters Azdak, der später in dem Streit zwischen den zwei Müttern ein Urteil fällen muss, und die Rahmenhandlung "Der Streit um das Tal".1) Der Streit um das Tal (Kapitel 1): Die beiden kaukasischen Kolchosen "Galinsk" und "Rosa Luxemburg" konkurrieren nach dem siegreichen Kampf gegen Hitlers Armeen um die Nutzung eines Tals. Galinsk hatte darin vor dem Krieg eine Ziegenzucht betrieben, Rosa Luxemburg hat das Tal nach dem Verschwinden der Ziegen in eine Obstplantage umgewandelt. Zu Ehren der im Streit schlichtenden Abgesandten wird das musikalische Theaterstück "Der Kreidekreis" aufgeführt. Dem Spiel im Spiel sind alle folgenden Kapitel in Brechts Text gewidmet.2) Grusche und Michel (Kapitel 2-4 und 6): Ostersonntag in Grusinien. In den Wirren eines gewaltsamen Umsturzes, dem der Gouverneur der Stadt Nukha zum Opfer fällt, lässt dessen vom Prunk verwöhnte Frau bei der Flucht ihren Sohn Michel zurück. Er gerät, eher aus Versehen und gegen deren erklärten Willen, in die Obhut des Küchenmädchens Grusche Vachnadze. Sie flieht mit dem Kind in die nördlichen Gebirge, verfolgt von den Panzerreitern des Fürsten Arsen Kazbekis, der hinter der Verschwörung steckt und das Kind beseitigen möchte. Grusche versucht Michel bei einer Bäuerin in Pflege zu geben, doch als die Panzerreiter auftauchen, verrät die Frau sie sogleich. Grusche kann einen der Soldaten niederschlagen und mit dem Kind entkommen. Sie überwindet auf einem brüchigen Gletschersteg einen Abgrund und hängt so ihre Verfolger ab. Schließlich findet Grusche in den nördlichen Gebirgen für ein halbes Jahr Unterschlupf bei ihrem Bruder und dessen Frau, die sich aber durch sie gefährdet sehen und sie deshalb in eine Scheinehe mit einem Simulanten und Wehrdienstverweigerer hineinschwatzen, dessen Mutter für den Kuhhandel 400 Piaster bekommt. Um das Kind zu legitimieren und da sie hoffen darf in Kürze verwitwet zu sein, willigt Grusche ein. Der angeblich im Sterben Liegende erholt sich aber auf wundersame Weise, nachdem ihn die Nachricht vom Ende des Krieges und vom Sieg der Reaktion unter dem nun mit dem Kriegsgegner Persien verbündeten Großfürsten erreicht hat. Michel wächst zu einem kleinen Knirps heran. Als Grusches Verlobter auftaucht, der in dem Krieg gekämpft hat, gelingt es ihr nicht, sein Verständnis und Wohlwollen zu erlangen; er verlässt sie. Michel wird von den Panzerreitern ausfindig gemacht. Unterdessen ist Fürst Kazbeki entmachtet worden und die Witwe des Gouverneurs nach Nukha zurückgekehrt. In der neuen politischen Lage wird Grusches Fall vor einem unabhängigen Gericht verhandelt. Garant dieser Unabhängigkeit ist der seltsame Laienrichter Azdak. Er macht die Probe mit dem Kreidekreis: Das umstrittene Kind wird in die Mitte des Kreises gestellt und die beiden Frauen, die behaupten seine Mutter zu sein, sollen versuchen, ihn auf ihre jeweilige Seite zu ziehen. Grusche, die Angst hat, Michel zu "zerreißen", verliert den Zweikampf und gewinnt den Prozess.3) Richter Azdak (Kapitel 5 und 6): Die vor dem Finale mit dem Kreidekreis eingeflochtene Handlung, die zeitlich parallel zu den Kapiteln 2 bis 4 verläuft, hat den Werdegang des ungewöhnlichen Richters zum Gegenstand, der eigentlich ein einfacher Dorfschreiber ist und, ohne diesen zu erkennen, dem flüchtigen Großfürsten nach der von Kazbeki angezettelten Osterrevolte Unterschlupf gewährt hat. Wegen der unsicheren politischen Lage benötigt Fürst Kazbeki nach dem Umsturz die Unterstützung des einfachen Volkes. Daher lässt er einen Mann des Volkes zum Richter ernennen. Die Soldaten entscheiden sich für Azdak. In einem Probe-Schauprozess mit dem Neffen von Kazbeki als Richter stellt sich Azdak als Angeklagter zur Verfügung und mimt den flüchtigen Großfürsten. Er macht Kazbeki und dessen Neffen lächerlich, indem er ihre Habgier und Scheinheiligkeit entlarvt. Kazbeki kann aber nicht verhindern, dass die amüsierten Soldaten Azdak zum Richter ernennen, einem Richter, der fortan auf höchst unorthodoxe Weise - mit Mutterwitz, Instinkt und oftmals einfach nach eigenem Gutdünken - Recht spricht. Die Tage des Volksrichters scheinen jedoch gezählt, als Kazbeki entmachtet und geköpft wird. Aber kurz bevor dem höchst eigenwilligen Azdak selbst kurzer Prozess gemacht wird, setzt ihn der Großfürst wieder in Amt und Würden ein, da Azdak ihm während der Revolution das Leben gerettet hat. Azdak fällt ein allerletztes Urteil im Fall Grusche gegen Gouverneursgattin.Wie immer bei Brecht ist die Figurenzeichnung reichlich plakativ. Die Handlung kippt phasenweise ins Groteske. Brecht legt viel Wert darauf, eine Welt zu zeigen, die durch und durch vom Kapitalismus deformiert und korrumpiert ist. Einfache Soldaten werden ebenso von den Mächtigen ausgebeutet wie Proletarier laut Karl Marx von den Unternehmern: "Von den Oberen können nur die auf einer Seite einen Krieg gewinnen, aber die Soldaten verlieren ihn auf beiden Seiten" (S. 67f.). Aus heutiger Sicht wirkt Brechts Konzept von der Mobilisierung des Publikums zum aktiven politischen Handeln antiquiert, zumal Stücke wie dieses wenig Hoffnung machen auf eine bessere Gesellschaft, gestaltet von besseren Menschen. Denn woher sollten diese plötzlich kommen? "Der kaukasische Kreidekreis" ist gleichwohl unterhaltsam und von zeitlosem Reiz; lediglich die Rahmenhandlung mit den konkurrierenden Kolchosbauern steht etwas weltfremd in der Gegend herum. Die Geschichte der zwei streitenden Mütter basiert auf einer chinesischen Sage; noch älter ist allerdings die verblüffend ähnliche biblische Geschichte, in der König Salomo einen Streit zwischen zwei Prostituierten ebenfalls auf reichlich unorthodoxe Weise schlichtet (1. Könige 3).