Siegfried Krakauer mit einer brillanten Beschreibung sehr anschaulicher Art über die gesellschaftliche Situation zur Zeit Jacques Offenbachs. Frankreich mental tiefenstrukturell im Fokus zweier monarchischer Diktaturen.Eine soziologische Darstellung, die nicht trocken akademisch ist, sondern erzählend anschaulich.Sie bietet tiefe Einblicke über die Entwicklung Offenbachs und seiner Werke im Kontext mit gesellschaftlichen Entwicklungen.Mit den Librettisten Ludovic Halevy undHenry Meilhac bietet Offenbach satirische Werke, die den Zeitgeist der moralisierenden Heuchelei blendend beleuchten. Orpheus und Eurydike und Die schöne Helena, parodieren den Zeitgeist, "alles nur um den schönen Schein zu wahren", setzten kabarettistische Höhepunkte von beissender Satire mit zündender Musik voll von melodischer Delikatesse. Das korrupte, feudalistische System wurde vorgeführt, die Verklitterung von Macht und Finanzen offengelegt, die Wertvorstellungen als pure Heuchelei entlarvt.Diese Form von Ironie und Spott wurde vom System allerdings nicht als subversiv erkannt, obwohl sie bloß stellte. Auch Offenbach sah sich nicht als Gegner des Systems, sondern schwamm in dieser Athmosphäre im Erfolg. Erst spätere Generationen wie etwa Karl Kraus erkannten die Schärfe der Satire.Die Werke Offenbachs setzen sich inhaltlich in ihrer Doppelbödigkeit von der späteren Wiener Schmäh-Opette ab.In einer Analyse des Textes der Offenbach Biographie zeigt Harald Reil (siehe Rezension), wie sich die Entwicklung in Frankreich mit der der späteren nationalsozialistischen Entwicklung bis 1939 vergleichen lässt. Phraseologie, Pomp und Glorie, zentral in nationalistisch diktatorischen Regimen. Dahinter das reale Grauen. Kunst und Musiktheater inhaltlich jeden kritischen Reflexes entleert, nur als Prestige-Pomp-Konstrukte zur Hofierung freigegeben und in Dienst genommen. Die Alt-Bayreuther Geschichte als eklatantes Beispiel.Interessant auch der Vergleich der Mythos Konzepte Halevys/Meilhacs als Librettisten Offenbachs und der Texte Richard Wagners. Hier bei Offenbach Satire subversiv, dort pathetische Erlösungskonzepte mit einer nationalistisch giftigen, zumindest Teilpräsenz, indifferenter Art.Weiterhin interessant, dass sich Gegner des Orpheus Werks dahingehend fixierten, hierin ein Verunglimpfung der Antike sehen zu wollen. Der Kunst-Spießer, der sich entdeckt fühlt, in Reinkultur. Jener Kunstspießer, der später in Alt-Bayreuth die Einvernahme Richard Wagners für das nationalsozialistische Weltbild proklamierte, woran dieser allerdings kräftig vorgearbeitet hatte.Insgesamt ein glänzendes Buch mit Einblick in Zeitgeschichte und vielen, auch aktuellen Verweisungsebenen.
s. kracauer beleuchtet in seinem 1937 erschienen buch jacques offenbachs leben und werke, vor allem aber deren hintergründe: wie und wann sind sie entstanden und warum gerade so und zu diesem zeitpunkt. denn der autor sieht sie untrennbar verwoben mit dem politischen und gesellschaftlichen klima des pariser 19. jahrhunderts, des beginnenden fin de siecle, der revolutionären strömungen und rauschenden feste, des kaiserlichen machtgepränges und der vergnügungen, um zu vergessen.hört sich wahrscheinlich so an, als wäre es wissenschaftliche, schwer-verdauliche lektüre, das ist es aber ganz und gar nicht. das buch hat mir bei meinem studium der theaterwissenschaft große dienste geleistet, aber darüber hinaus bietet es einen spannenden historischen einblick und ein lebendiges gemälde des menschen offenbach.