Die Punktzahl bezieht sich nur auf den Inhalt - die Ausgabe (Design, Format, Präsentation) beurteile ich negativ.Johanna Schopenhauer (1766-1838) unternahm zwei Reisen (1787 und 1803) auf die britische Insel, einmal nur mit ihrem (wohlhabenden, deutlich älteren) Ehemann, das zweite Mal mit Mann und Sohn Arthur. Nach dem Tod ihres Ehemannes (1805) und Verlust ihres Vermögens verdiente sie ihren Lebensunterhalt als Schriftstellerin. 1818 wurde das Buch „Reise durch England und Schottland“ veröffentlicht.Das Buch besteht aus mehr oder weniger zusammenhängenden Kapiteln, allgemeine Betrachtungen zu Land und Leuten wechseln mit Schilderungen der besuchten Sehenswürdigkeiten ab. Erlebnisse in und Erfahrungen mit London (wo sich die Autorin zumindest zu Beginn und Ende der zweiten Reise aufhielt) werden gegen Ende des Buches zusammengefasst. Zielpunkte der Reise sind überwiegend Paläste des Adels auf dem Land, Bäder (sowohl Seebäder an der Küste als auch Heilbäder im Landesinnern) und Industriestädte, wo Fabriken besichtigt werden. Zunächst geht es von London aus nach Nordosten, dann weiter nach Nordwesten - Bedfordshire, Buckinghamshire, Oxfordshire, West Midlands, Peak District, North Yorkshire, Schottland. Die Schilderung des ersten Teils der Reise wirkt unpersönlich, distanziert - wie der Text aus einem Reiseführer. Die schottische Grenze scheint dann eine Art Zäsur darzustellen- die Schilderung wird deutlich lebendiger, engagiert, vor allem die schottische Landschaft (Highlands) begeistert.Zurück nach London geht es über Carlisle, Lancaster, Liverpool, Nottingham, Derby, Stratford-on-Avon, Bristol, Bath, Brighton, wobei die Autorin leider keine Angaben dazu macht, was ihre Route bestimmte. Es wird auch nicht klar, wie lange diese Reise dauerte oder wieviel Zeit die Reisenden dann noch in London verbrauchten.Insgesamt ist der Eindruck von Land und Leuten ein positiver, vor allem die Gasthäuser und (Haupt-) straßen werden gelobt, allerdings klagt Frau Schopenhauer über das englische Essen (Gemüse nur in Salzwasser gekocht), Sonntage, an denen man praktisch zum Nichtstun verurteilt ist und die langweiligen Abende in Gesellschaft - insbesondere die Damen scheinen keine Gesprächsthemen zu finden. (Leider erwähnt die gute Johanna nicht, worüber denn in Deutschland bei entsprechenden Einladungen geplaudert wurde und ich frage mich, ob nicht die Anwesenheit der Ausländerin manche einheimische Damen etwas hemmte.)Johanna Schopenhauer erwähnt es nicht, aber ich könnte mir vorstellen, dass sie das Buch „Reisen eines Deutschen in England“ von Karl Philipp Moritz, der 1782 einige Wochen lang in England unterwegs war, gelesen hat. Beide waren gute Bekannte von Johann Wolfgang Goethe, so könnte sie auf das Buch aufmerksam geworden sein. Es finden sich jedenfalls einige Parallelen in den beiden Werken: Die Reiseroute von London aus führt nach Nordosten, der Peak District ist ein Ziel und die große Tropfsteinhöhle bei Castleton wird besucht. Nachdem Moritz (der von der Höhle begeistert und tief beeindruckt ist) freimütig darüber berichtet, wie schmutzig er bei der Besichtigung wurde und dass seine Schuhe anschließend repariert werden mussten, hätte es mich brennend interessiert, wie eine Dame (die auch kriechen und flach in einem Kahn liegend unter tief hängenden Felsen hindurchfahren musste) diese Exkursion in die Unterwelt meisterte (in welcher Garderobe?), aber Johanna schweigt sich dazu aus, wie sie überhaupt alle Bemerkungen zu ihrer Person und ihren Begleitern unterlässt. Nottingham gefällt Moritz und Frau Schopenhauer, ohne dass sie viel über den Ort zu sagen wissen.In London ist die Straßenbeleuchtung am Abend beeindruckend, und die vielen Tafeln an den Häusern, die anzeigen, welche Läden bzw. Gewerbetreibende dort zu finden sind, erregen Aufsehen. Die St. Paulskirche überwältigt nicht nur durch ihre Größe, sondern auch durch ihre Leere (es ist wohl nur ein kleiner Teil für den Gottesdienst gerüstet), in der Westminster Abbey weckt vor allem die Poets‘ Corner das Interesse der Reisenden (Addison und Pope fehlen!) und ein abendlicher Besuch im Vergnügungspark Vauxhall bietet echte Unterhaltung. Kritisch äußern sich sowohl Moritz als auch Schopenhauer zum britische Unterrichts- und Erziehungswesen.Dieses Buch wurde vom Verlag tredition GmbH eingescannt und digitalisiert. Es wird keine Angabe dazu gemacht, welche Vorlage (Ausgabe? Verlag? Jahr?) dafür verwendet wurde, so geht dem Buch ein Teil seiner Identität verloren. Zur Bearbeitung heißt es: „Dadurch können etwaige Fehler nicht komplett ausgeschlossen werden.“ Mitgezählt habe ich nicht, aber es dürften rund drei Dutzend Schreibfehler (Buchstabe zu viel, fehlender Buchstabe, falscher Buchstabe) gewesen sein, die ich beim Lesen korrigierte. An einer Stelle ist fast eine ganze Zeile doppelt gedruckt (S. 117) und mehrfach sind Absätze merkwürdig auseinandergezogen (auf eine komplette Zeile folgt eine mit nur zwei oder drei Wörtern, dann wieder eine volle Zeile gefolgt von einer unvollständigen, usw.) Einige Seiten im Text sind ganz oder teilweise freigelassen, ohne dass ich einen Grund dafür erkennen kann.Am meisten irritieren mich die sogenannten „Fußnoten“: sie stehen nicht nur mitten im Text, sondern meistens mitten im Satz, sodass es mühsam ist, dem Satz zu folgen. Um mir das Lesen zu erleichtern, habe ich die meisten dieser Hinweise einfach durchgestrichen. Auf S. 227 stehen gleich zwei hintereinander, wobei der zweite zum folgenden Abschnitt gehört. Es werden keine Angaben dazu gemacht, von wem diese Kommentare (manche von geradezu epischer Länge) sind - jedenfalls nicht von der Autorin, deren eigene Fußnoten nur gelegentlich erwähnt werden. (Wurden Fußnoten von ihr ausgelassen?) Unklar ist auch, wann diese Hinweise hinzugefügt wurden, vermutlich sind sie modern - aber dann stolpere ich über eine Aussage wie die folgende zu Birmingham: „Heute einer [sic!] der größten Industriestädte der Welt mit über 1 Million Einwohnern …“ (S. 23). Die Größenangabe ist aktuell, aber in Birmingham ist längst der Dienstleistungssektor bedeutender als die Industrie. George IV. war nicht bis 1850 König (S. 136) sondern starb bereits 1830 und die Behauptung der Autorin, seit Elizabeth I. wären alle britischen Könige/Königinnen in der Westminster Abbey begraben (S. 227) stimmt nicht, wurde aber nicht korrigiert. Was soll „dekadente Gotik“ sein, die in einer „Fußnote“ auf S. 128 erwähnt wird?Der Verlag hat sich Johannes Gutenberg zur Symbolfigur gewählt (Darstellung auf der Titelseite). Von Gutenberg weiß ich nur wenig, aber er gilt als qualitätsbewusster Mann, der Wert auf eine ästhetisch ansprechende Darstellung legte und einen Hang zum Perfektionismus hatte - alles Merkmale, die ich mit der vorliegenden Ausgabe überhaupt nicht in Zusammenhang bringe. Die „Reisen eines Deutschen in England“ habe ich als insel taschenbuch - wesentlich ansprechender.