Ich finde, Wolfgang Hohlbein ist ein Autor, der sehr viel Trash, einiges an Mittelmaß, aber auch wenige wirkliche Glanzlichter verfaßt hat. Zu letzteren gehören "Die Moorhexe" und vor allem "Der Greif". Das ist meines Erachtens das Beste, was Hohlbein jemals geschrieben hat.Nun, was kann man zu "Das Siegel" sagen? Handwerklich solide, ohne größere Plotholes, einige historische Persönlichkeiten tauchen in korrekten Zusammenhängen auf. Waffengeklirr, große Landschaften, Kreuzritter, Sarazenen, Assassinen. Alles da für ein zünftiges Ritterabenteuer. (Achtung Spoileralarm ab hier)Im ersten Drittel funktioniert das auch ganz gut. Das Buch wirkt, als hätte Hohlbein es als Starter einer Trilogie angelegt. Langsam entwickelt sich die Handlung, werden dafür essentielle Personen eingeführt und wirklich gut und differenziert angelegt. Atmosphärisch dicht kann man die Schiffsreise und die Tage danach verfolgen, bis sich schließlich einige interessante Wendungen ergeben, in denen der Autor aber nie den Überblick verliert und der Leser auch nicht.Danach jedoch geht alles zu schnell. Plötzlich wird Übersinnliches eingeführt, nachdem das erste Drittel völlig ohne auskam. Zu viel Dios ex machina. Einfach so wird Ulrich mal eben zum Kreuzritter, bloß um das Heiligste des Ordens nach Jerusalem zu bringen. Hätte das nicht in der Tarnung eines einfachen Jungen nicht viel besser funktioniert? So erscheint es mir als sehr schlechte Wahl, einer der erfahrenen Ritter hätte das doch viel besser erledigen können.Und der allmächtige Alte vom Berge? Anfangs einfach hervorragend von Hohlbein beschrieben, wird er mit ein bisl Anstarren schließlich einfach überrannt, Ulrich wirft das Siegel in der Kirche ab. Buch Ende. Sehr unbefriedigend. Vllt. gibt es ja irgendwann mal Teil 2. So jedenfalls hinterläßt es einen schalen Eindruck. Zum Glück habe ich nichts dafür bezahlt …Einen Stern gibt es für das Setting und einen weiteren für die guten Personenbeschreibungen und die toll und atmosphärisch wiedergegebenen Szenerien im ersten Drittel. Mehr hat dieses Machwerk nicht verdient.
Im Jahr 1187 wird der junge Ulrich von Wolfenstein, der sich mit anderen Kreuzfahrern ins Heilige Land begibt, von einem Sklavenhändler gefangengenommen und an den furchteinflößenden Hasan as-Sabbah verkauft. Dennoch behandeln ihn die Heiden gut, denn sie haben Pläne mit ihm - aber nicht nur sie, auch die Tempelritter werden aktiv, als Saladin sein Heer zusammenzieht, um Jerusalem zurückzuerobern...Die Geschichte ist flüssig zu lesen und hält immer eine gewisse Spannung aufrecht, ist aber ein typisches Hohlbein-Buch: einfache, teils eher schlechte Sprache, kein Tiefgang, oberflächliche Charaktere und nur vage angekratzte Historizität (Belagerung von Tiberias, Schlacht von Hattin, Fall Askalons kurz vor der Eroberung Jerusalems).Die Sprache ist nicht metaphorisch und bietet keine Schmankerl. Die vor allem zu Beginn ellenlangen Beschreibungen ohne Personenrede grenzen fast an Langeweile, werden aber immer noch rechtzeitig von einem neuen Ereignis oder flachen Dialogen unterbrochen. Trotz langer Beschreibungen wird aber nicht eine einzige Landschaft oder ein einziger Ort faszinierend oder wiedererkennend geschildert, und das bei Städten wie Alexandria, Kairo, Tiberias oder Jerusalem. Ebenso fehlen interessante Darstellungen der Personen; ob historisch (Balian von Ibelin, Bohemund III. von Antiochia, Gerhard von Ridefort, Guido von Lusignan, Hasan as-Sabbah, Raimund III. von Tripolis, Reinold von Sidon, Saladin) oder nicht, sie bleiben alle farblos. Ganz wie die Städte scheint jede Person beliebig austauschbar. Die Verschwörung um Ulrich ist genauso flach wie der Rest der Geschichte, obwohl man aus der Idee sicher mehr hätte machen können.Die sprachlichen Unzulänglichkeiten äußern sich bereits in den einfachsten Ausdrücken. Es nervt z.B. sehr, wenn man auf nur wenigen Seiten ständig die Ausdrücke "(blitz)schnell", "rasch" oder "staubfeiner Sand" oder in drei Sätzen zweimal das Wort "häßlich" liest; als Autor sollte man das Talent haben, Synonyme zu finden oder, wenn diese fehlen (aber selbst mir wären an den meisten Stellen spontan gleich mehrere eingefallen), eine Sache zu umschreiben oder von einer anderen Perspektive aus zu betrachten. An anderer Stelle meint Ulrich, in seinen vielen Verbänden "wie eine Mumie aus[zusehen]" (S. 30). Mal davon abgesehen, daß mir diese Redensart eher moderner erscheint, weiß ein armer Junge aus dem Deutschland des 12. Jh.s wohl kaum, wie eine Mumie aussieht, und sollte er mal davon gehört haben, werden die Verbände wohl eher nicht gleich diese Assoziation in ihm hervorrufen. Daneben tauchen weitere moderne Ausdrücke auf, die man nicht zur Zeit der Kreuzzüge erwartet.Noch mehr als die Sprache sticht aber die Flachheit der ganzen Geschichte hervor. Alles ist von Zufällen und dem Superhero Ulrich geprägt, der innerhalb weniger Wochen zu einem herausragenden Schwertkämpfer und Vertrauten der Templer wird. Dazu sollte man erwähnen: Ulrich ist noch nicht einmal volljährig, kann bei seiner Ankunft im Mittelmeer genauso wie ich keinen Dolch von einem Schwert unterscheiden, hat zwar Mitleid im Krieg, nimmt aber die Toten und das Gemetzel recht locker auf, und weiß am Ende auch zielstrebig die Lösung herbeizuführen - wozu nachdenken und tun, wenn sich einem alles von selbst vor die Füße schmeißt? Mensch, das muß ich mir mal für mein eigenes Leben merken, irgendwas scheine ich in der Vergangenheit falsch gemacht zu haben.Schließlich fragt man sich auch, warum das Buch "Das Siegel" heißt. Okay, es kommt ein Siegel darin vor, aber daß es überhaupt existiert, wird dem Leser erst auf S. 276 (d.h. im letzten Viertel) offenbart, also im Moment der Übergabe an Ulrich. Vorher kein Wort, so daß die Geschichte irgendwie zweigeteilt wirkt, in den ersten drei Vierteln die Verschwörung um Ulrich und schließlich die fast wie eine eigene Episode angehängte Siegelgeschichte. Was ist das Siegel? "Unser [der Templer] wertvollster Besitz [...]. Wertvoller noch als das wahre Kreuz Christi [... und] kostbarer als alle Schätze des Heiligen Landes, ja sogar der ganzen Welt" (S. 277) - logisch, daß man solch ein Prunkstück einem Jungen zur Verwahrung gibt, den man erst kurz zuvor kennengelernt hat und der von Tuten und Blasen keine Ahnung hat. Viel mehr erfährt man von dem Siegel nicht, wer es hergestellt hat, seine Geschichte, wieso es so wertvoll ist... aber "Wer es besitzt und vorzeigt, dem werden alle Türen offenstehen. Für seinen Träger gibt es keine Geheimnisse, keine Verbote" (S. 277). So eins will ich auch haben!! Natürlich gibt Ulli gut darauf acht, und natürlich nutzt er auch seine "uneingeschränkte[] Macht" (S. 383), die selbstverständlich nur er allein spürt, nicht für egoistische Zwecke. Ganz Schwiegermamas Liebling.Das Titelbild (Heyne 1998) gefällt mir zwar, ist aber eigentlich auch unpassend, denn es zeigt den Siegelträger, also scheinbar Ulrich. Der abgebildete Mann ist aber bereits um die 30-40 und nicht unmündig wie Ulrich.Fazit: Zwei Sterne nur, weil man das Buch trotz allem flüssig lesen kann und man zwischendurch ja auch mal leichtere Kost braucht, aber wer auch nur halbe Ansprüche an Sprache, Komplexität und Tiefe stellt, sollte sich etwas anderes suchen.