Kurz bevor Harry Graf Kessler im Alter von 12 Jahren in ein Eliteinternat nach England aufbricht, beginnt er mit dem Schreiben seines Tagebuchs, das er von da an bis zu seinem Tod akribisch führen wird. Es ist anzunehmen, dass seine Eltern ihn zu dieser Aktivität animierten, denn das Tagebuch ist anfangs vollständig in englischer Sprache verfasst, wohl als Training für den anstehenden Umzug nach Ascot.Der erste der auf neun Bände ausgelegten Tagebuch-Edition erfasst die Zeit von Juni 1880 bis Ende 1891, also die schulische und universitäre Ausbildung Kesslers, die eine erstaunliche Lernkurve erkennen lässt. Heute würde man mit Sicherheit von einem hochbegabten Kind reden. Anfangs ist Kesslers Englisch noch von französischen und deutschen Grammatizismen durchsetzt, aber selbst da hat mich die Komplexität seiner Gedanken und die Fähigkeit, diese strukturiert (und mit Witz) zu Papier zu bringen, sehr beeindruckt. Man muss sich immer vor Augen führen, dass hier ein Zwölfjähriger schreibt, der aber bereits über eine umfassende multilinguale literarische Bildung verfügt. Dabei ist Kessler keineswegs ein Stubenhocker, sondern er verbringt viel Zeit mit sozialen Kontakten, was sich später noch vertiefen wird. Diese Kontakte sind legendär, wenn auch in der frühen Phase noch nicht mit den großen Namen aus Kunst und Kultur verknüpft. Dennoch wird schon ein Mensch erkennbar, der für die Kultur und in der Kultur lebt. Sexuelle Beziehungen tauchen dagegen im Tagebuch nicht auf, weder in der frühen noch der späten Phase. Begründet hat er seine Abstinenz in seinen Memoiren mit einem abgewiesenen Antrag, der als unerreichbare Messlatte alle zukünftigen weiblichen Verehrerinnen für ihn uninteressant machte. In Wahrheit war Kesslers nicht ausgelebte Homosexualität der Grund. Aber auch das ist kein Thema im Tagebuch.Viel offensichtlicher ist das Tagebuch ein Sammelbecken der Begegnungen, seien sie real oder literarisch. Alleine das akribische Namensregister im Anhang von Band 1 umfasst 220 Seiten! Der ganze Charakter der Einträge ist deutlich persönlicher als in den späteren Jahren, bei denen man zunehmen den Eindruck gewinnt, dass Kessler nicht nur für sich, sondern auch für die Nachwelt schreibt. Wie schon angemerkt, war er ein hochintelligenter Mensch, dem die historische Bedeutung seiner Aufzeichnungen nicht verborgen geblieben sein kann.Was mich ebenfalls sehr beeindruckt hat, ist die Geschwindigkeit, mit der Kessler die für ihn fremde Sprache Englisch lernt. Anfangs noch etwas ungelenk, wird sein Stil zunehmend sicher, das Vokabular erweitert sich und schon bald schreibt er flüssig, ohne Korrekturen. Warum er 10 Jahre lang, also weit über die Internatszeit hinaus, das Englische beibehält und dann 1891 plötzlich ins Deutsche wechselt (und dort bleibt), darüber liefert das Tagebuch keine Hinweise.Der Band ist in Fußnoten annotiert, zumeist werden Personen identifiziert oder historische und gesellschaftliche Hintergründe kurz erklärt. Die englischsprachigen Passagen sind dagegen nicht übersetzt, was es erlaubt, Kesslers sprachliche Entwicklung im Detail nachzuvollziehen. Natürlich ist sein Sprachgebrauch dem 19. Jahrhundert verhaftet, aber zu keinem Zeitpunkt muss der heutige Leser ständig zum Wörterbuch greifen, um dem Geschehen zu folgen.Der erste Band von Kesslers Tagebüchern zeichnet das Bild eines vielseitig interessierten, standesbewussten Menschen, der die ihm zur Verfügung stehenden Mittel und Kontakte der Oberschicht konsequent zu seiner persönlichen Entwicklung nutzt. Dahinter steckt keine berufliche Zielstrebigkeit (eher im Gegenteil), sondern Neigung. Gerade die ersten Jahrgänge seines Tagebuchs sind ungewöhnlich privat und ungezwungen, was tiefere Einsichten in die Person Kesslers erlaubt, als die folgenden Bände.
Ich verwende diese Reihe als Vorbereitung für den Podcast vorHundert. Für meinen Zweck ist das Buch bestens geeignet. Hier handelt es sich um eine originalgetreue Wiedergabe des Tagebuchs von Harry Graf Kessler. Sämtliche Besonderheiten der alten Orthographie sind hier unverändert wiedergegeben. Der Einband und der Druck sind von höchster Qualität. Die Einleitung liefert gute Hintergrundinformationen, welchebei der Lektüre helfen.Warnung 1: Das Buch ist äußerst schwere Kost und nur für Leser mit „Biss“ zu empfehlen.Warnung 2: Harry Graf Kessler spricht und schreibt in mehreren Sprachen (Deutsch, Englisch, Französisch, etc.). In dem Buch werden fremdsprachliche Passagen nicht übersetzt!Fazit: Die unveränderte Orthographie und die nicht übersetzten Sprachpassagen ermöglichen eine ganz besondere Zeitreise. Tolles Projekt und tolles Buch für Harry Graf Kessler Nerds!