Die europäische Kunst war um 1800 wie die gesellschaftliche Entwicklung von enormen Umbrüchen betroffen. Die Hamburger Kunsthalle macht mit der bemerkenswerten Ausstellung „Die Freiheit der Malerei“ (13. Dezember 2019 - 13. April 2020) diesen Wandel sichtbar. Sie spannt einen Bogen vom italienischen Barock (Giovanni Batista Tiepolo) zum bedeutendsten spanischen Maler zwischen Aufklärung und Romantik, Francisco de Goya, und Jean-Honoré Fragonard, dem bedeutendsten Vertreter des französischen Rokoko. Alle drei Künstler waren erfolgreich, ihre Auftraggeber waren die Kirche, der Adel und das aufstrebende Bürgertum. Obwohl sehr unterschiedlich, schufen sie mit ihren innovativen Malweisen eine neue Freiheit der Kunst.Im Hirmer Verlag ist der umfangreiche und reich illustrierte Begleitkatalog zu dieser Ausstellung erschienen. Zunächst wird in zehn Essays die europäische Malerei des 18. Jahrhunderts sowie die unterschiedlichen Bildsprachen der drei Künstler näher beleuchtet. So gründet sich die Eindringlichkeit von Goyas Bildern und seiner druckgraphischen Werkzyklen auf einer intensiven Beobachtung der Natur und des menschlichen Verhaltens. Mit seiner Kunst eröffnete er eine Welt voller verschlüsselter Motive und Phantasien. Fragonard dagegen galt lange als sinnlich-koloristischer Vertreter des späten Rokoko. Seine Werke begleiten die Entwicklung der Liebeskunst im Frankreich des 18. Jahrhunderts. Auch als feinsinniger Illustrator von klassischer Literatur konnte er überzeugen. Die Ausstellung macht seine künstlerischen Besonderheiten und unabhängigen Züge sichtbar.Giovanni Battista Tiepolo dagegen gilt als bedeutendster Vertreter des goldenen Zeitalters venezianischer Malerei im 18. Jahrhundert. In seinen Gemälden und Fresken erreichte der europäische Spätbarock einen glanzvollen Höhe- und End-punkt, dabei zeichneten sich seine Werke durch eine erstaunliche Experimentierfreude aus, mit der er weit über seine Zeit hinaustrat.Der Katalogteil unterteilt die vorgestellten Werke der drei Künstler in verschiedene Kunstobjekte: u.a. Skizzenhaftes, Figurenbildnisse, Gesellschaftsbilder, Karikaturen und graphische Folgen. Ein umfangreicher Anhang mit Künstlerbiografien, Verzeichnis der ausgestellten Werke, Bibliographie und Autorenverzeichnis komplettiert den informativen Begleitkatalog.
★★★★★
Karlheinz Schmiedel - Buchliebhaber
02.06.2023
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Welch ein weitgespannter Bogen: Vater und Sohn Tiepolo aus Italien, Altmeister Goya aus Spanien und der Franzose Fragonard.Der bedeutendste dieser hochrangigen Künstler ist gewiss Francisco de Goya (1746-1828). Den meisten Kunstfreunden ist er wohl wegen seiner „Nackten Maja“ bekannt, für die er sich vor der Inquisition verantworten musste. Großen Ruhm errang er als führender Porträtmaler Spaniens. Den nachhaltigsten Eindruck hinterließ er jedoch mit den Schilderungen der französischen Kriegsgreuel in den „Desasters de la Guerra“ und der „Erschießung der Aufständischen“.Giovanni Battista Tiepolo (1696-1770) und sein Sohn Giovanni Domenico Tiepolo (1727-1804) sind uns vertraut durch ihre Deckengemälde in der Würzburger Fürstbischöflichen Residenz. Der Vater errang hohen Ruhm als Präsident der 1750 gegründeten Akademie Venedigs. Sohn Domenico pflegte – wie Goya – intensiv die grafischen Techniken und gab mehrere politische Serien heraus. Sein Zyklus zu Pulcinella ist ein Spiegelbild der Gesellschaft,- vorweggenommene Comics.Jean Honoré Fragonard (1732-1806) schließlich hat in erster Linie Berühmtheit durch seine leicht frivolen Genreszenen erlangt. Eines der reizvollsten Gemälde des Rokoko ist „Die Schaukel“, voll subtiler Erotik. Die neuere Forschung ist allerdings bemüht, seine Sonderstellung im Kunstgeschehen seiner Zeit herauszuarbeiten.Zahlreiche KunstwissenschaftlerInnen analysieren eingehend Lebenswege und Werke der hier angesprochenen Künstler anlässlich einer Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle (bis zum 13.4.2020). Wir lernen vier Meister kennen die sich von den Konventionen ihrer Zeit gelöst haben und zum Vorbild wurden. Es ist ein sehr lohnendes Unterfangen, diesen Analysen und Deutungen zu folgen!Karlheinz Schmiedel
Dre opulente Band besticht durch bestes Fotomaterial und zahlreiche Fachpublikationen, die sich thematisch sowohl ergänzen wie auch überschneiden. Die - schwierige - Zuordnung von Text und Bild macht es notwendig, aus dem Text heraus umfangreich zurück- und vorzublättern: überlebbar. Wer daran gedacht hatte, den Ausstellungskatalog zur Vorbereitung auf einen Ausstellungsbesuch nutzen zu wollen, hätte reichlich Zeit aufzuwenden gehabt und ein wenig Stringenz wäre dann besser gewesen. Zur Nachbereitung allerdings - je nach Beitrag und da gibt es Unterschiede - gut geeignet. Blöd übrigens, dass die Tiepoloanteile in der Ausstellung nicht auch für Stuttgart zur Verfügung standen - und umgekehrt. Mitbewerbeeitelkeiten statt Kooperation??