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Karlheinz Schmiedel - Buchliebhaber
02.06.2023
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Es führt ein weiter Weg von Dädalus, der die Freiheitmit eigener Erfindung des Fliegens suchte und dabei kläglich scheiterte, bis hin zu den Flüchtlingsströmen unserer Tage, oft ebenso traurig endend.Die Zeit der Romantik, anschließend an die Freiheitskriege der frühen 1800er Jahre, ist in diesem Zusammenhang von besonderer Bedeutung. Russland und Deutschland, geeint, getrennt und wieder geeint, weisen überraschende und beeindruckende Gemeinsamkeiten auf.Diesem Phänomen ist eine außergewöhnliche Ausstellung gewidmet, die 2021 in der Tretjakow- Galerie in Moskau zu sehen war und noch bis zum 06.02.2022 im Albertinum in Dresden zu bewundern ist.Kunsthistorikerinnen und –historiker aus beiden Häusern und Ländern haben ihr immenses Wissen zusammengetragen und führen uns in diese oft verkannte Kunstepoche ein. Manches, früher für kitschig gehaltene Werk, wie z. B. Ludwig Richters „Überfahrt am Schreckenstein“, wird durch ihre Deutung zu einem künstlerischen Erlebnis mit neuen Erkenntnissen.Vertraute Namen tauchen auf, allen voran Caspar David Friedrich, sein Nachfolger Carl Gustav Carus, E.T.H. Hoffmann, Philipp Otto Runge, Carl Blechen und die Dichter Theodor Körner und Novalis. Dann wieder freut man sich über Hinweise auf Künstler wie Ernst Ferdinand Oehme und Alexander Andrejewitsch Iwanow, dessen „Zweig“ von 1850 auch von Matisse sein könnte. Seine „Berge“ aus den 1840ern weisen voraus auf Ferdinand Hodler.Bildnisse, vor allem Selbstbildnisse, sind in der Romantik wichtige Motive, sowohl bedeutender Persönlichkeiten wie einfacher Menschen. Die Dargestellten zeigen selbstbewusste Haltung und individuelle Züge.Durch den glücklichen Ausgang der Befreiungskriege wuchs unter den Künstlern aus beiden Ländern eine starke Sehnsucht nach Freiheit in und durch Kunst. Sie orientierte sich vornehmlich nach Italien, der Wiege antiker Kultur. Hier bildeten sich russische und deutsche Künstlerkolonien, die sich deutlich erkennbar gegenseitig beeinflussten.Der Weg nach Italien führte für die Russen über Dresden, wo sie neue Eindrücke erfuhren. Zahlreiche Bilder der Ausstellung belegen die gleichgearteten Auffassungen.Ein kleines Apercu am Rande: Raffaels „Sixtinische Madonna“ wurde zweimal nach Russland entführt – im Zuge der Befreiungskriege und im 2. Weltkrieg – und wieder zurückgegeben. Dieses gegenseitige freiwillige und unfreiwillige Geben und Nehmen wird von den Ausstellungsmacher*innen beider Länder wiederholt eindringlich beschworen. Dies macht Mut und lässt hoffen, dass der künstlerische Geschmack von Herrschenden nicht wieder richtungsweisend wird.Der brillant gedruckte Katalog lässt uns alle 214 Objekte in Muße mit Gewinn studieren. Eine großartige Leistung von Kennern für alle Kunstliebhaber!Karlheinz Schmiedel