Der „Frau, die ihren Mann für einen Doppelgänger hielt“ folgt nun der „Nobelpreisträger, der im Wald einen höflichen Waschbär traf“. Band 2 gewissermaßen, und der ist so aufschlussreich und spannend wie der erste. Der Mann, der mit dem putzigen Tier sprach, war tatsächlich ein Nobelpreisträger. Der sich diese Weltpremiere natürlich nur eingebildet hatte. Aber steif und fest daran glaubte. Er war nicht der einzige Laureat, dem der Ruhm zu Kopfe stieg. Vielleicht erwischte das Syndrom mit dem hübschen Namen „Nobilitis“ den US-amerikanischen Wissenschaftler Linus Pauling gleich doppelt, schließlich erhielt er den besagten Preis zwei Mal (Chemie und Frieden). Bevor er an Krebs starb, verkündete er, diese Krankheit mit hohen Dosen Vitamin C heilen zu können. Einer seiner Jünger zog später durch Deutschland und präsentierte vom Krebs geheilte Menschen, die aus bedauerlichen Gründen dann doch starben. Was beweist, dass man nicht Nobelpreisträger werden muss, um einem Wahn zu verfallen.Manche der in diesem unterhaltsamen Buch – abstrahieren wir einmal von den Leiden der Patienten – präsentierten Syndrome verraten im Namen schon einiges. Man nenne in einer Gesprächsrunde zum Beispiel das Don-Juan-Syndrom, und schon scharen sich die Zuhörer um einen. Möglicherweise sogar die Teenager, die am Hikokomori-Syndrom leiden. Was sie sich in die Abgeschiedenheit ihrer Zimmer verkriechen lässt. Um möglichst nie wieder herauszukommen. Das Berserker-Syndrom – nomen est omen – überfällt mich zum Beispiel immer, wenn ich den Steuerbescheid des Finanzamtes lese. Allerdings fehlt mir zur Vollendung noch der tätliche Angriff in einem nicht mehr zu steigernden Wut- und Zerstörungsanfall. Aber was nicht ist …Jeder kennt im Bekanntenkreis jemanden, der am Dorian-Gray-Syndrom leidet. Sie erinnern sich? Das sind Leute, die wie der literarische Held im Roman nicht altern wollen. Gut 50 Schönheitsoperationen an einem Körper – das ist der Rekord – scheinen 50 zu viel, aber gefühlte 50 Prozent unseres Bruttosozialprodukts verdanken wir den nicht endenden Versuchen, einem biologischen Prozess zu entgehen, dem niemand entkommt. Das führt uns dahin, dass viele dieser Syndrome nicht „objektiv“ sind, sondern teilweise auch Wahnideen ihrer Zeit. Das zeigt Monika Niehaus sehr schön am Beispiel der Drapetomanie: Fluchtwahn. Aus – jedenfalls für Sklavenhalter in den USA – unerklärlichen Gründen herrschte diese Wahnvorstellung nur unter Sklaven. Welche die irre Idee hatten, ihren Besitzern und deren Peitsche davonlaufen zu wollen. Selbstverständlich fand sich sofort ein Psychiater, der diese Krankheit diagnostizierte und eine durchgreifende Therapie fand: die Peitsche, nicht zuletzt um die Sensibilität der Haut zu erhöhen (die bei der Drapetomanie leider litt). Man fragt sich angesichts dessen, welche Syndrome wir unserer Zeit verdanken.Nach der Nobilitis gefielen mir zwei weitere Syndrome am besten. Zuerst natürlich der Vampirismus. Von dem Leute befallen sind, die nach menschlichem Blut gieren. Nach eigenem oder nach fremdem. Also nachts gut aufpassen. Mag sein, dass ich noch zum Vampirismus finde, man soll nie aufgeben. Die Intermetamorphose dagegen bleibt bedauerlicherweise in den meisten wohl ein unerreichbares Syndrom: die Vorstellung, Familienmitglieder hätten sich in andere Personen verwandelt, die mit der Ursprungsidentität nichts mehr gemein hätten. So unter uns: Es bleibt nach Lektüre dieses anregenden Werks die Hoffnung.Monika Niehaus ist ein wunderbares Buch gelungen. Eine Abenteuerreise in die Untiefen der menschlichen Seele. Keine Freud’sche Spinnerei, sondern wissenschaftlich gediegen und sprachlich überzeugend. Sehr zu empfehlen. Auch für Leute, die sich für geistig gesund halten.