Wie heißt es doch so schön im Text des Covers : "Manch düsteres Geheimnis aus vergangenen Jahrhunderten haben sich die Gebäude auf dem weitläufigen Gelände von Wolverden Hall in Kent erhalten." Nun, ist das wirklich so ? Egal ! Die junge Maisie Llewelyn erhält von der Millionärin Mrs. West eine Einladung dorthin. In eines der besterhaltensten und schönsten Herrenhäuser soll es gehen. Hey, junge Frau, was willst Du mehr ......Und ich als Hörer bringe mich in Stimmung : Grant Allen (1848- 1899) ist der Autor des Romans. Seinen Namen habe ich nie zuvor vernommen. So wurde ich neugierig und googelte herum : Er war Freund und Nachbar von Arthur Conan Doyle, dem Schöpfer Sherlock Holmes. Nanu, haben sich die beiden Schriftsteller möglicherweise gegenseitig beeinflusst ? Denn auch Grant Allen sagt man nach, Geschichten mit kriminalistischem Einschlag verfasst zu haben. Das ist schon mal ein guter Ausblick ........... auf den "WOLVERDEN- TURM".Auch wenn er, der "Wolverden- Turm", wie ein Fremdkörper aus dem sonstigen Herrenhaus herausragt. Das wird schon seine Gründe haben. 43 Minuten ist besagtes Hörspiel lang. Neun Sprecher sind im Einsatz. Schaut man sich das wie immer illustre Cover von Ertugrul Edirne an, so könnten es zwei Elfen sein, welche die junge Maisie in das Gutshaus führen wollen. Die junge Dame selbst scheint noch zu zögern. Ein tiefdunkler Blaustich liegt in der Luft und in der Landschaft.Mit einer sehr positiven Bewertung brauche ich dieses Mal nicht zu zögern. Ein Markenzeichen von Titania Medien ist es ja, interessante gespensterhafte Werke, die vorwiegend aus dem späten 19. Jahrhundert stammen, möglichst original zu vertonen. In diesem Falle ist die zugrundeliegende Geschichte dafür absolut geeignet. So darf und muss ich wirklich schwärmen wegen all der Fragezeichen, die im Umfeld jenes Turms entstehen. Ein Jeder wird sich sofort fragen : Kann man der Gastgeberin, der Millionärin, wirklich trauen ? Oder fühlt sie sich in der Einöde lediglich gelangweilt und lädt einfach gerne nette Leute ein ?Erinnern wir uns doch mal an zurückliegende Hörspiele, in denen es ähnliche Ausgangspunkte gab : "Das violette Automobil" (GK 59), "Gesellschafterin gesucht" (GK 65) etc. Aber jetzt und hier kann alles völlig anders verlaufen, denn ausgerechnet in einer Kirche wird ein weiteres auffälliges Frauenzimmer mit ins Spiel kommen : die ominöse alte Bessie, die an einer Stelle sogar als Hexe, als Vampir, sogar als Ghoul bezichtigt wird. Ob jene Verdächtigungen berechtigt sind oder eben nicht, wird sich sicherlich herausstellen.Doch bei diesem Spannungsverhältnis wird es gar nicht bleiben, denn zwei weitere Damen tauchen unerwartet auf. Jawohl, es sind die beiden weiß gekleideten Wesen von dem Cover. Sie tragen spätantike Kleider, aber modernere Frisuren. Die eingeladene Maisie wird sie sofort intensiv in ihr Herz schließen. Ist es aber umgekehrt genauso ? Kommen die beiden aufgeschlossenen Damen aus eigenen Motiven -- wenn ja, meinen sie es böse oder gut ? -- oder wurden sie beauftragt ? Alles davon erscheint sehr lange möglich.Überhaupt stellt sich die Frage : In welche Richtung läuft das Hörspiel weiter ? Es gibt erotische Schwärmereien, die etwas an "Carmilla, der Vampir" (GK 1) erinnern. Aber, keine Sorge : Ausufernd wie bei "Der Rabe" (GK 139) wird es nicht. Welche überraschende Rolle könnten möglicherweise die Männer spielen, die nur Kurzauftritte haben ? Und wieso ist das Selbstwertgefühl von Maisie so gering ausgeprägt, dass sie sich ohne jegliches Zweifeln auf eine Aktion einlassen wird, die sie sehr leicht das Leben kosten kann ? Hat dies mit dem Tode ihrer Eltern noch zu tun oder steht sie plötzlich unter völlig fremdem Einfluss ? Wie gesagt, es gibt Fragen über Fragen und der Schluss lässt sich erfreulicherweise nicht erahnen. Versucht es erst gar nicht, liebe Gruselfreunde.Weil die Geschichte von Anfang bis Ende offen ist und derart fesselt, sollte man über Kleinigkeiten hinwegsehen, die ich persönlich als störend empfinde : Obwohl Maisie und die Millionärin sich anfangs draußen im Freien treffen, ist die Hintergrundmusik, speziell das Klavier, so derart laut, als befänden sich die Beiden in einer geschlossenen Late Night Lounge. Auch die fulminante Schlussmusik, so schön sie ist, würde besser zu einer Action- Geschichte passen. Gegen Ende kommt auch der Erzähler -- Peter Weis, wie immer knuffig- knarzig -- zwar jeweils kurz, aber doch etwas zu häufig zum Hineinquaken und reißt uns somit aus dem konzentrierten Geschehen wieder raus.Soundtechnisch zeigt sich das Label inzwischen wieder großzügig. Bei "Krieg der Welten" (GK 124,125) hatte man beispielsweise an marschierenden wie kämpfenden Soldaten eingespart, "Das Königreich der Ameisen" (GK 136) musste sogar ohne Ameisen auskommen. Aber schon das parallel veröffentlichte "Zeichen der Bestie" führte uns u.a. in eine authentisch lärmende Kneipe. Der "Wolverden- Turm" führt uns nicht nur in das Gutshaus, sondern auch in eine lebhaft besuchte Kunstausstellung mit tosendem Applaus. Das Gewitter gegen Ende ist gewiss nicht minder schaurig- schön.Schön finde ich es übrigens auch, dass Annina Braunmiller- Jest mal wieder im "Gruselkabinett" Platz genommen hat. Dieses Mal darf sie uns auch endlich mit einer Hauptrolle beehren. In "Verhext" war sie mir beispielsweise aufgefallen, einer sehr, sehr guten Folge (GK 47). Ein Wort aber auch noch zu Beate Gerlach. In einer sehr bekannten Zeichentrick- Serie hatte sie ein auffälliges Wesen vertont. Und zwar ein Tier, vor dem wir uns vielleicht nicht ausgesprochen fürchteten, das aber doch ein großes Unbehagen in uns hervorrief, wann immer es erschien : Gemeint ist die Spinne Thekla aus der Serie "Biene Maja". Ähnlich düster und bedrohlich kann Beate Gerlach unverändert im Jahr 2018 wirken. Ich würde es daher begrüßen, wenn sie in die "Riege der großen Damen" -- gemeint sind Dagmar von Kurmin (hier als Millionärin) und Reinhilt Schneider (als Wesen Hedda) -- zukünftig mitaufgenommen werden würde.Einige Titan`sche Abgründe hatte es für mich auch dieses Jahr gegeben, aber "Der Wolverden- Turm" ist als 2018- Abschluss gut geglückt. Auch "Das Zeichen der Bestie" sollte man positiv miteinbeziehen. Und schauen wir auf die zukünftigen Titel inkl. stets anspringenden, Appetit anregenden Zeichnungen von Ertugrul Edirne, so werden wir 2019 nicht zu fürchten brauchen. Selbst den "Grusel" nicht.
Die Geschichte reißt den Hörer mit, denn sie handelt von der uralten Sage, dass zum Schutz eines Bauwerks die Seele einer Jungfrau geopfert werden muss. Die herumgebaute Handlung ist spannend und lässt einen in eine vergangene, prunkvolle Zeit eintauchen. Es ist lobenswert, für kritische Hörspieler solche Perlen der Schauerliteratur auszugraben, doch an Kunst grenzt es, diese ins Hörspiel umzusetzen. Die Jungs von Titania Medien haben die Geschichte mit ihren dramaturgischen Fähigkeiten aufpoliert, und die Länge von 43 Minuten reicht völlig aus, um den Hörer danach bezaubert zurück zu lassen.