Toller Roman mit geschichtlichem Hintergrund über William den Eroberer. Wie fast jedes Buch von Rebecca Gable sehr gut recherchiert und so gut wie nicht aus der Hand zu legen
Das Lesejahr 2006 kann eigentlich gar nicht besser anfangen und darf gerne so weitergehen. Ich habe noch einige Bücher der Autorin Rebecca Gablé ungelesen im Regal stehen und so dachte ich mir, ich lese sie jetzt endlich mal vernünftig und zwar in der richtigen zeitlichen Reihenfolge. Ihre Bücher gehören zwar bis auf "Das Lächeln der Fortuna" und deren Fortsetzung "Die Hüter der Rose" inhaltlich nicht zusammen, aber alle Bücher (bis auf "Die Siedler von Catan") spielen in England und ergeben einen wunderbaren geschichtlichen roten Faden, wenn man zeitlich beim frühesten Roman anfängt."Das zweite Königreich" spielt im 11. Jahrhundert und erzählt von der Eroberung Englands durch William, den normannischen Herzog und Bastardsohn des englischen Königs und dessen späterer Regentschaft über England. Erzählt wird die Geschichte anhand von Caedmon of Helmsby, einem englischen Jungen, der durch einen Dänenangriff verkrüppelt und von seinem Vater in die Normandie abgeschoben wird. Da Caedmons Mutter Normannin ist und er die Sprache beherrscht, soll er dort dem normannischen Herzog William als "Mund" (Übersetzer) dienen. Caedmon verbringt seine Jugend von nun an in der Normandie. Er hat es nicht leicht als Engländer, findet jedoch trotzdem einige gute Freunde, die ihn ein ganzes Leben begleiten, aber auch Feinde, auf die er immer wieder treffen wird.Caedmon selbst ist ein sehr liebenswürdiger Charakter. Man könnte ihn vielleicht schon fast zu freundlich und liebevoll und vor allem tollerant (besonders gegenüber der Stellung der Frauen) finden, wäre da nicht seine spitze Zunge, die ihn des öfteren in Schwierigkeiten bringt. Gerade durch seine Offenheit ist er für den König ein wertvoller Untertan, aber gleichzeitig ist Caedmon den Launen des Königs besonders ausgeliefert. Zumal Caedmon in seinem eigenen Land teilweise als Fremder angesehen wird. Er steht eindeutig zwischen den Stühlen, gefangen in der normannischen, aber auch in der angelsächsichen Welt macht er es sich zur Aufgabe beide Völker miteinander zu versöhnen, ohne selbst jemals zu wissen, wo er eigentlich genau steht und wer er ist.Angereichert wird die Geschichte mit jeder Menge wunderbarer Figuren (hier besonders Bruder Oswald, Caedmons Schwester Hyld, etc.), die für mich das große Können der Autorin ausmachen. Sie versteht es wie keine zweite Atmosphäre zu schaffen, historisches Wissen zu vermitteln und dabei lebendige Figuren zu erschaffen. Am Ende des Buches verließ ich eine Menge Freunde und auch ein paar Feinde und es war traurig zu wissen, das ich sie nur wiedersehe, wenn ich das Buch noch einmal lese.Eine große Liebesgeschichte darf natürlich bei so einem Schmöker nicht fehlen und da sind der Autorin ein paar sehr dramatische Szenen gelungen, die einen das Buch kaum aus der Hand legen lassen. Ich persönlich habe auch eine Menge von dem Buch gelernt und bin ganz begierig darauf weitere Romane zu diesem Thema zu lesen und zu erfahren, wie es schließlich auch mit Williams Söhnen weiterging. Zwar habe ich dies bereits in Sachbüchern nachgeschlagen, aber ich hoffe selbstverständlich trotzdem auf die versprochene Fortsetzung der Autorin. Ob William selbst so war, wie Gablé ihn in ihrem Buch schildert, sei natürlich dahin gestellt (dazu möchte ich auch noch ein wenig forschen), aber obwohl der König grausam, tyrannisch, unberechenbar und jähzornig war und nicht mal seinen Kindern seine Gefühle zeigen konnte, war er doch (mit Caemdon) die alles überstrahlende Figur des Romans, die mich fasziniert zurücklässt. Eindeutig packt mich die englische Geschichte mehr, als jede andere auf der Welt.
Bei der Überlegung, was nach den zahlreichen Rezensionen zu diesem Buch noch nützlich sein könnte (vor allem für Leser, die vielleicht bislang keine Gablé-Bücher gelesen haben und auf der Suche nach einem guten historischen Roman sind) kam ich auf die Idee, bei diesem Roman Historie und Fiktion getrennt zu bewerten.Zunächst zum geschichtlichen Hintergrund:Gablé zeichnet ein stimmiges, kraftvolles und faszinierendes Porträt eines der wichtigsten englischen Herrscher: Wilhelm (William im Buch) der Eroberer wird historisch akkurat als ein absoluter Macht- und Tatmensch mit enormen Charisma und eisernem Willen gezeigt - ein "Machertyp", der sich nicht im geringsten um seine Popularität schert (politische Meinungsumfragen gab es damals noch nicht) und mit skrupelloser Präzision seine Pläne durchführt - wobei er so gut wie immer letzlich erfolgreich seine Ziele erreicht. Gablé bleibt dabei in ihrer Darstellung authentisch und beschönigt nichts: William war selbst für damalige Verhältnisse ungewöhnlich grausam gegenüber seinen Gegnern und auch dem Volk. (Kleine Abschweifung: William der Eroberer wird als ein historisches Vorbild für Shakespeares "Macbeth" angenommen.) Der Roman verfolgt Williams Biographie kurz vor der Schlacht nach Hastings bis zu seinem Tod und orientiert sich dabei nicht an Legenden, sondern an schriftlich vorliegenden historischen Quellen (z.B. wird die Geschichte von Hereward the Wake so schlicht erzählt, wie sie nach echter Überlieferung ablief, frei von allen späteren Glorifizierungen). So wurden auch erst nach dem Tod des Eroberers die positiven Auswirkungen seiner Regentschaft deutlich und im Rückblick machte sich auch in England ein patriotischer Stolz auf diesen zu Lebzeiten so verhassten "Usurpator" breit.Liegt das Hauptinteresse also darauf, etwas über eine historische Gestalt, hier eben Wilhelm den Eroberer, zu erfahren, ist der Roman uneingeschränkt empfehlenswert.Zur Fiktion:Eigentlicher Protagonist ist der fiktive Thane of Helmsby Caedmon. Caedmon hat eine normannische Mutter und einen angelsächsischen Vater, ist deswegen zweisprachig aufgewachsen und wird zu Williams Übersetzer und zum Lehrer der Prinzen. Caedmons Abstammung und seine Unfähigkeit, zu erkennen oder zu akzeptieren, dass er den normannischen König eigentlich bewundert und ihm unbewusst uneingeschränkt ergeben ist (egal, welche Ungerechtigkeiten ihm der König auch antut), machen ihn zu einem zerrissenen Menschen (fühle ich mich als Angelsachse oder Normanne?), der erst nach Williams Tod wirklich seinen inneren Frieden findet. Dies ist ein interessanter, spannender Aspekt der Figur.Enttäuschend dagegen: Die Liebesgeschichte zwischen Caedmon und seiner angebetenen Aliesa passt einfach nicht in die geschilderte Zeitepoche und eigentlich besser in eine moderne Seifenoper. Aliesa ist natürlich unglaublich schön und unglaublich intelligent und unglaublich beliebt - da dachte ich schon ein wenig an eine "Mary Sue"... Und natürlich weiß Caedmon, kaum dass er sie einmal kurz gesehen hat, sofort, DAS ist DIE Liebe seines Lebens. Und natürlich erwidert Aliesa diese Lieb in ähnlicher Heftigkeit, warum, das muss man nicht wirklich wissen. Gesagt wird es jedenfalls nicht, nicht einmal die üblichen Schwärmereien fürs Äußerliche wie bei "Bis(s)"...Wie leider so oft in historischen Romanen sind viele Figuren aber auch "Leute von heute in alten Klamotten". Da wird Kindern erlaubt, sich vorlaut gegenüber adligen Besuchern zu verhalten, Caedmon würde natürlich nie etwas tun, ohne seine Frau um Erlaubnis zu fragen, zudem hat er absolutes Verständnis für seinen schwulen Bruder, die Gespräche der positiv dargestellten Charaktere klingen teils wie nach Anleitung aus einem Buch für Kommunikationstraining, man hat auch Nachsicht für die übelsten Gestalten, wenn man ein "Gutmensch" ist und der Wunsch aller "Guten" ist natürlich, dass man doch bitte allgemein etwas toleranter und netter miteinander umgehe (z.B. dass neue Knappen freundlich erklärt bekommen, warum sie eine Übung so und so machen müssen statt barscher, knapper Befehle, die ohne Widerrede befolgt werden - das erinnert doch sehr an moderne Pädagogik).Triviale und gelungenere Elemente stehen sich also gegenüber.Stilistisch ist das Buch in einem lebhaften, bildreichen Stil und durchgehend in moderner Sprache ohne künstliche Nachahmung möglicher mittelalterlicher Ausdrucksformen geschrieben (siehe "Ritter aus Leidenschaft" - Gablé fügt auch immer mal wieder ähnliche humorvolle Szenen oder Dialoge ein.)