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★★★★ Elke Göß 06.05.2024 amazon.de
Wodurch zeichnet sich ein Genie aus, das zwischen dem Mittelalter und der Renaissance gelebt hat? Der Untertitel des Buches "Albrecht Dürer. Genie zwischen Mittelalter und Neuzeit" faßt diese Fragestellung gleich in einen noch weiteren Rahmen, ohne allerdings im Mindesten zu beantworten, worin der Übergang eines Genies des Mittelalters zu einem Genie der Neuzeit bestehen könnte. Möchte man auf die Frage eine wissenschaftlich gesicherte Antwort bekommen, so sieht man sich durch den Klappentext des Buches in die Irre geführt. In der Vorstellung der Reihe "Kleine bayerischen Biographien", in der das Buch "Albrecht Dürer. Genie zwischen Mittelalter und Neuzeit" erschienen ist, heißt es auf dem hinteren Umschlagtext: "Die Autoren sind Fachleute, die wissenschaftlich Fundiertes auch für den verständlich machen, der zwar allgemein interessiert ist, aber nicht speziell vorgebildet ist"(S. 4). Anna Schiener hat Geschichte, Alte Sprachen und Archäologie studiert und arbeitet freiberuflich als Autorin und Historikerin in der Nähe von Nürnberg. Ihre Dissertation, die sie an der Universität Nürnberg-Erlangen eingereicht hat, erschien 2005 als Buch mit dem Titel "Die Städtische Sparkasse Amberg im 19. Jahrhundert". Ihr Buch über Albrecht Dürer kann jedoch einem wissenschaftlichen Anspruch nicht genügen. Man darf der Werbung zur Reihe "Kleine bayerische Biographien" nicht auf den Leim gehen. Durchgängig fehlen Fußnoten, die das Geschriebene belegen würden. Thesen werden zitiert, aber manchmal nicht mit ihrer Herkunft gekennzeichnet. Besonders auffällig ist, was auch eine andere Rezension hervorhebt, dass sich Anna Schiener stark an Anja Grebe anlehnt. Gleich zehn Mal setzt sie die Autorin des 2006 erschienen Buches "Albrecht Dürer. Künstler, Werk und Zeit" in Klammern hinter ihre Zitierungen (vgl. S. 35.43.72.81.82.118.124.128.130.138) Ob dies alle ihre Entlehnungen sind, könnte nur eine Textsynopse ergeben, doch dafür lohnt der Aufwand nicht.Sehr auffällig ist auch, dass Anna Schiener die "Copyright-Problematik" in die Dürerzeit hineinträgt.(vgl. S. 8.33.44.67) Dürer sei schon zu Lebzeiten sehr viel kopiert worden. Nun denn, dies war bei Künstlern am Ende des Mittelalters absolut üblich, wollte man als Künstler einen eigenen Stil, eine große Eloquenz im Umgang mit Themen und mit dem zu bearbeitenden Material gewinnen und zu einem größeren Ruhm gelangen. Auch Dürer selbst hat bei Martin Schongauer (S. 23f), Giovanni Bellini (S. 59), den Bologneser Malerkollegen (S. 60) und anderen gelernt. Genies sind auch im Mittelalter nicht vom Himmel gefallen, sondern mussten sich ihr Können und ihren Ruhm hart durch ständiges Üben und Vervollständigen der eigenen Fähigkeiten erarbeiten. Zum Glück behauptet Anna Schiener nicht auch noch, Dürer hätte sein bekanntes Kürzel "AD" zum Zwecke der Abwehr von Raubkopien in seine Blätter und Bilder hinein genommen. Die um 1494/95 entstandene Graphik "Heilige Familie mit Libelle" sei die erste, die Dürer mit den beiden ineinander gestellten Buchstaben kennzeichnet.(vgl. S. 33) Dass bereits Malergesellen in der Dürer-Werkstatt mit dem Kopieren des Meisters ihren Arbeitslohn verdient hätten, scheint eine Vorstellung zu sein, die von anderen Künstler-Werkstätten auf Albrecht Dürer übertragen wurde.(vgl. S. 30ff) Vielleicht ist es nicht aufgrund der Existenz einer Künstler-Werkstatt, die Dürer selbst geleitet hat, schwierig, Werke dem Meister selbst zuzuschreiben. Vielleicht sind auch nicht die Raubkopien, die es bereits zu Dürers Zeiten gab, das Problem, sondern die fehlende direkte Familientradition nach dem Tod Albrecht Dürers und nach dem Tod seiner Frau Agnes (vgl. S. 133) und die mehrfachen Dürer-Renaissancen seither. Bereits um 1600 wurden die mit dem Kürzel versehenen Bilder und Graphiken in einer ersten "Dürer-Renaissance" hoch gehandelt.(vgl. S. 134) Zu Beginn des 19. Jahrhunderts brachte man in der Romantik dem Mittelalter erneut eine große Begeisterung entgegen und Nürnberg baute erstmals sein touristisches Programm um Albrecht Dürer aus.(vgl. S. 135f) Nicht vergessen werden darf die Zeit des Historismus ab der Mitte des 19. Jahrhunderts und in jenen Jahren die Mittelalter-Euphorie Richard Wagners.Anna Schiener schreibt, Albrecht Dürer sei zwischen 1490 und 1494 auf Wanderschaft gewesen.(vgl. S. 21) 1494 habe er seine Frau Agnes geheiratet, die aus der Familie Rummel, "einer der angesehensten und reichsten Patrizierfamilien Nürnbergs entstammte"(S. 28). Die Heirat mit Agnes habe ihm seine erste Italienreise erst finanziell ermöglicht.(vgl. S. 35) Nach seiner Heirat sei er, vielleicht auf der Flucht vor der Pest, im September 1494 nach Italien aufgebrochen (vgl. S. 35). Fast erinnert diese Passage an die Abenteuerreise, die Siegfried nach seiner Hochzeit mit Brünnhilde in Richard Wagners "Götterdämmerung" antrat (vgl. Loriot erzählt Richard Wagners Ring des Nibelungen am Beispiel der Aufnahme von Herbert von Karajan und den Berliner Philharmonikern (CD), 1993).Vor allem die Aquarelle, die Dürer zugeschrieben werden, würden auf seiner ersten Italienreise einen Weg über den Brenner mit einem Aufenthalt in Innsbruck belegen.(vgl. S. 37f) An dieser Stelle nun übernimmt Anna Schiener ein originäres Forschungsergebnis von Anja Grebe und G. Ulrich Grossmann, ohne dessen Zitierung auch nur annähernd zu kennzeichnen. So muss der Eindruck entstehen, diese Begebenheit sei Anna Schiener selbst aufgefallen und dies ist mehr als wissenschaftlich unredlich. Anna Schiener schreibt: "Er konnte den Blick auf Innsbruck nicht vor Sommer oder Herbst 1496 festgehalten haben, weil der Bau des Turmes frühestens Frühsommer 1496 bis zum obersten Geschoss fortgeschritten war und der eingerüstete Turmhelm auf dem Aquarell erst 1496/97 aufgerichtet worden sein kann."(S. 38) Thomas Eser geht hier korrekt vor, wenn er in einer Aufstellung zu den wichtigsten Daten aus den frühen Jahren Albrecht Dürers Anja Grebe und G. Ulrich Grossmann als diejenige benennt, die für eine späte Datierung des Innsbruckaufenthalts Dürers diesen Beleg in die Diskussion um den realen geschichtlichen Ablauf eingebracht haben.(vgl. Eser Thomas (2012): Materialien für eine Dürer-Matrix von 1471-1505, in: Hess Dieter/Eser Thomas (Hg.): Der frühe Dürer. Ausstellung im Germanischen Nationalmuseum vom 24. Mai bis 2. September 2012, Nürnberg, S. 542).Für einen Aufenthalt Albrecht Dürers in Venedig auf seiner ersten Italienreise gibt es Anna Schiener zufolge keinerlei Belege (vgl. S. 35.36.38). Eingang in seinen Motivvorrat habe Venedig nicht gefunden.(vgl. S. 38)Sozialhistorisch bringt Anna Schiener einige Details, die Verbindungslinien zwischen Italien und Nürnberg bzw. zwischen Dürer und Rom aufzeigen. Hierzu gibt es noch stärkeren Forschungsbedarf als man bisher annehmen durfte. Bereits um 1500, als Nürnberg wirtschaftlich auf dem Höhepunkt angelangt war, sahen sich die ca. 40.000 Einwohner der Stadt als Republikaner im römischen Sinne. Beispielsweise entlehnten sie aus dem antiken Rom die Kennzeichnung "SPQR" ihrer öffentlichen Einrichtungen mit einem Kürzel und markierten ihre wichtigsten Bauten mit "SPQN", übersetzt heißt dies "Senatus Populusque Norimbergensis" ("der Senat und das Volk von Nürnberg").(vgl. S.31) Bereits um 1500 wurden Dürers Graphiken schon in Italien durch Händler verkauft, da er sich beklagt, einer seiner Händler sei in Rom gestorben und er habe dadurch sein Eigentum verloren.(vgl. S. 33) Nicht nur zu Dürers Lebzeiten galt der Nürnberger Künstler der römischen Inquisition als unverdächtig. Auch im 17. Jahrhundert galt er, laut Anna Schiener, im Vatikan als "ehrbar" und "fromm"(S. 134).Wie viel Albrecht Dürer von seinem Vorbild und Lehrer Martin Schongauer gelernt und übernommen hat, scheint ebenso ein Forschungsdesiderat zu sein. Anna Schiener erwähnt, dass Martin Schongauer "der erste bedeutende Kupferstecher"(S. 115) war und dass er bereits Kupferstichserien anfertigte.(S. 33) 1497/98 habe sich Dürer mit der "Haller-Madonna" "im italienischen Stil ... endgültig von den Mariendarstellungen, wie er sie bei Schongauer kennengelernt hatte"(S. 47) gelöst.Sehr verstimmt bleibt man zurück, wenn man bedenkt, dass die Reformationszeit bei Anna Schiener fast gar nicht vorkommt. Auf Seite 88 fehlt somit ein ganzes Kapitel, in dem die Zeit zwischen 1517 und 1520 beschrieben hätte werden müssen. Zwischen 1518 und 1521 war Albrecht Dürer mit der Vorbereitung und Finanzierung seines "Großen Triumphwagens" beschäftigt (vgl. S. 75), den er an die Wand des großen Rathaussaales malen sollte (vgl. S. 105-109). Bei Restaurierungsarbeiten im 19. Jahrhundert wurde dieses Wandgemälde völlig zerstört.(vgl. S. 109) 1518 portraitierte Albrecht Dürer den Erzbischof von Mainz und Magdeburg, Kurfürst und Kardinal Albrecht von Brandenburg.(vgl. S.110) Konkreteres über diese ersten spannenden Jahre der Reformationszeit findet sich bei Anna Schiener nicht. Mehrfach erwähnt sie das gute Verhältnis Friedrichs des Weisen zu Nürnberg und seine Begeisterung für Dürer-Graphiken, die er auch sammelte.(vgl. S. 44.45.69.106.110.111) Mit seinem ersten Gemäldeauftrag soll Albrecht Dürer von Kurfürst Friedrich III. von Sachsen, den man "Friedrich, den Weisen" nannte, betraut worden sein.(vgl. S. 44) Albrecht Dürer habe "schon früh Kontakte zu reformatorischen Kreisen"(S. 102) unterhalten und sich um das Schicksal Martin Luthers gesorgt (vgl. S. 103). Anna Schiener meint, der 1523/1525 entstandene Holzschnitt "Das Abendmahl" zeige ein typisch reformatorisches Abendmahlsverständnis (vgl. S. 104). Tatsächlich schloss sich die Stadt Nürnberg im Jahr 1525 der lutherischen Reformation an.(vgl. S. 123) Martin Luther scheint Albrecht Dürer nicht selbst begegnet zu sein. Doch lernte er 1525/26 Philipp Melanchthon bei dessen Reisestopp in Nürnberg kennen und hielt den Gefährten Luthers in einem Kupferstichportrait fest.(vgl. S.113) Als Albrecht Dürer im Jahr 1528 mit 57 Jahren an einer schweren Krankheit plötzlich verstarb, betrauerten seinen Tod auch Martin Luther, Philipp Melanchthon und Erasmus von Rotterdam.(vgl. S. 131)Versucht man, die Biographie "Albrecht Dürer. Genie zwischen Mittelalter und Neuzeit" von Anna Schiener für sich alleine zu bewerten, ohne je ein anderes Buch über Albrecht Dürer gelesen zu haben, so könnte man versucht sein, vier Sterne zu vergeben. Belletristisch gesehen ist das Buch sehr flüssig geschrieben und liest sich leicht. Würde man mit einem wissenschaftlichen Anspruch an die Biographie herangehen, so würden sich erhebliche Fehlstellen und Lücken zeigen, die in der Bewertung eigentlich gar keinen Punkt ergeben sollten. Da das Buch in der Reihe "Kleine bayerische Biographien" erschienen ist und somit einem wissenschaftlichen Anspruch genügen will, bleibt nur, es mit der niedrigsten Punktzahl zu bewerten und dies ist ein Punkt.

Schiener, Anna: Albrecht Dürer

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Produktfakten auf einen Blick zur EAN 9783791723570

EAN
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Hersteller-Artikelnr.
1198037
Kategorie
Steuerketten, Zahnriemen & Einbausätze
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Produktbeschreibung

Obwohl zahlreiche Quellen vorliegen, blieben viele Rätsel und Geheimnisse um den großen Maler und Graphiker aus Nürnberg. Zudem haben 500 Jahre Dürer-Verehrung einen Schleier aus Vorurteilen und Verklärung hinterlassen, den nur eine neue Sicht auf Leben und Werk lüften kann. Die Dürer-Forschung, die noch immer in vieler Hinsicht Pionierarbeit zu leisten hat, bemüht sich durch veränderte Fragestellungen und genauere Untersuchungsmethoden, dem "Genie der Renaissance" näher zu kommen. Das Buch folgt den neuesten Erkenntnissen und ermöglicht manch überraschenden Blick auf den "Apelles Germaniae".
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