Paolo trägt eine unglaubliche Wut in sich, die ihn aufzufressen droht. Immer wieder sucht diese sich neue Ventile, er lässt sich von ihr tragen und von ihr leiten und hat manchmal das Gefühl, dass sie alles ist, was ihm noch bleibt.Er ist zweiundzwanzig und wohnt mit seinem drei Jahre jüngeren Bruder Antonio in einer heruntergekommenen Wohnung in einem italienischen Ort, den der Rest der Welt vergessen zu haben scheint. Er arbeitet auf einer Baustelle und sieht für sich keine Perspektive. Die Mutter hat die beiden mit dem gewalttätigen Vater alleingelassen und seit dessen Unfalltod sind die beiden Brüder auf sich gestellt. Im Gegensatz zu seinem Bruder ist Antonio ein sanfter junger Mann, der sich nach Liebe und Geborgenheit sehnt, die er allerdings nur selten findet. Er, der schon unter dem gewaltbereiten Vater extrem litt, muss nun mitansehen, wie sein Bruder in die gleiche Richtung driftet, zu viel trinkt und in Eskapaden mit seinen zwei Freunden abdriftet.Sehr schnell wird man von der Lebenswelt der beiden ungleichen Brüder gefangen genommen, deren Perspektiven man abwechselnd einnimmt. Paolos rohe, herabwürdigende Sprache, sein Hass auf alles und jeden ist kaum zu ertragen und dennoch kann man sich der Faszination dieses Charakters schwer entziehen. Es ist deutlich, dass er auf einen Abgrund zusteuert, dass er, wie er selbst sagt, zerstören wird, was er liebt. Paolos Hass und Wut treiben ihn zu grausamen Handlungen Tieren und Menschen gegenüber und erst nach und nach wird klar, welche Geheimnisse ihn innerlich zerfressen.Paolos wachsender Gewaltbereitschaft stehen aber auch Momente der Zärtlichkeit gegenüber, die er vor allem für seinen Bruder empfindet, so dass der Charakter nie eindimensional wirkt. Antonio hingegen ist darum bemüht, Beziehungen aufzubauen, das Band zwischen ihm und seinem Bruder zu stärken und fühlt wie er auch selbst immer mehr in dessen Strudel aus Frustration und Selbsthass hineingezogen wird.Insolia zeichnet ein mitreißend realistisches Bild zweier Brüder, die unter den Folgen von Gewalt und Vernachlässigung leiden. Es zeigt sich eine tiefe Hingabe zu den Figuren, die er in ihrer ganzen Vielschichtigkeit ausleuchtet. Auch weitere Charaktere bekommen Perspektive, was der Geschichte eine noch größere Tiefe verleiht. Die Ausweglosigkeit, in der Antonio und Paolo gefangen sind, ist beim Lesen beinahe körperlich spürbar, weil Insolios starke, erbarmungslose Sprache sie einem nahe bringt. Das Buch ist eine Wucht und hat mich von der ersten Seite an gefesselt und tief berührt und ich werde noch sehr lange darüber nachdenken. Ich bewundere es, wenn es Autor*innen gelingt, einen so tief in eine andere Lebenswelt eintauchen zu lassen. Eine große Leseempfehlung.