hallo - ich bin sehr angetan von dem Buch, sehr spannend geschrieben, aber auch sehr traurig! wenn man denkt, so ist es bestimmtvielen jungen Leuten damals gegangen.
Heinrich Maurer: Milchsuppe und MalzkaffeeMilchsuppe und Malzkaffee gab es auch in den späten Nachkriegsjahren noch in vielen Familien auf dem Land zum Frühstück. In seinem danach betitelten Roman erzählt Heinrich Maurer, selbst Dorfkind jener Zeit, in schnörkellos klarem Stil die Geschichte des etwas verträumten Dorfjungen Leonhard Schildweg, genannt Leo, der in den 1950-er Jahren in Süddeutschland in einer armen Handwerkerfamilie mit kleiner Nebenerwerbslandwirtschaft heranwächst. Die Mutter stirbt kurz nach Geburt und Tod ihres sechsten Kindes. Der Vater, ein nicht sehr geschäftstüchtiger Schreiner heiratet später die Schwester eines Großbauern aus dem Nachbardorf. Damit beginnt für den 10-jährigen Leo, seinen älteren Bruder und die ein Jahr jüngere Schwester ein Martyrium, denn die im Haushalt, Stall und auf dem Feld selbst hart zupackende ungeliebte Stiefmutter fordert ihre intensive Mitarbeit in der kleinen Landwirtschaft. Zeit zum Spielen und Lesen, ja selbst für Hausaufgaben bleibt den drei ältesten der fünf Geschwister kaum noch. Während der ältere Bruder nach Abschluss der Volksschule eine Kaufmannslehre absolviert, soll der musikalische Leo nach Meinung und Betreiben seines Lehrers auch einmal Lehrer werden. Um das Abitur nachzuholen, das er für das Studium an einem der Pädagogischen Institute des Landes braucht, besucht er ein Aufbaugymnasium mit Heim in der nahen Kreisstadt. Nach dem Abitur und zweijährigem Pädagogikstudium legt er die Prüfung für das Lehramt an Volksschulen ab und muss kurz darauf seine erste Stelle an einer kleinen Zweiklassenschule in einem abgelegenen Schwarzwalddorf antreten. Dort hat er sehr unter der Willkür und Boshaftigkeit seines Mentors und Schulleiters zu leiden. Später verliebt sich Junglehrer Leo in die hübsche Bauerntochter Christine, die gemeinsam mit Mutter und Bruder einen einsam gelegenen Schwarzwaldhof bewirtschaftet. Als Leo nach zwei Jahren die Mitteilung erhält, dass er an eine weit entfernte Dorfschule ganz im Norden des Landes versetzt werden soll, entscheidet er sich für seine Christine, tritt aus dem Schuldienst aus und erbaut und betreibt mit ihr zusammen auf dem elterlichen Hof ein gut gehendes Touristencafé mit schöner Aussicht.Nach solch unerwartetem Happy End ist man fast geneigt, das Buch mit einem "...und wenn sie nicht gestorben sind...." aus der Hand zu legen. Damit würde man diesem zweiten Bauernroman von Heinrich Maurer jedoch nicht gerecht. Dieser stellt nämlich, zumindest was den ersten Teil anlangt, ein wertvolles Zeitdokument in Romanform dar, in dem das Umfeld und die Lebensumstände beschrieben werden, unter denen in den Dörfern Süddeutschlands viele Kinder aus der ersten Nachkriegsgeneration aufgewachsen sind, ihren Lebensweg gefunden und z.T. auch richtig Karriere gemacht haben. Kinderarbeit in Form harter, oft bis an die Grenzen der Leistungsfähigkeit gehender Mithilfe in der Landwirtschaft war zu dieser Zeit sowohl in den vielen kleinbäuerlichen Haupt- und Nebenerwerbsbetrieben als auch auf manch größerem Hof Gang und Gäbe. Doch war das in der Regel keine rücksichtslose Ausbeutung kindlicher Arbeitskraft, wie man heute meinen könnte. Vielmehr ging es meist ganz einfach nur darum, dass damals eben noch jeder seinen angemessenen Beitrag zum Lebensunterhalt und Fortkommen der Familie zu leisten hatte, auch die Kinder. Das war insbesondere dann nötig, wenn, wie so oft, der Vater als Haupternährer der Familie ausfiel, sei es, weil er im Krieg gefallen, Invalide, Trinker oder eben einfach nicht geschäftstüchtig genug war, wie in dem von Maurer beschriebenen Fall des Gottfried Schildweg.Während man als Leser, der die damalige Zeit voll miterlebt hat, dem ersten Teil des Romans ohne Weiteres volle Authentizität bescheinigen kann, erscheinen manche Schilderungen im zweiten Teil doch etwas vage oder "romanhaft" übertrieben. Manch interessierte/r Leser/in mag auch Schilderungen der damaligen politischen Landschaft oder tiefergehende philosophische Betrachtungen der Handelnden vermissen. Nichtsdestotrotz kann man "Milchsuppe und Malzkaffee" aber allen empfehlen, die sich als "Zeitgenossen Leos" noch einmal an diese eben nicht immer gute alte Zeit auf dem Lande erinnern möchten oder als deren Kinder und Enkel wissen wollen, in welchem Umfeld und unter welchen Umständen ihre Väter und Großväter groß einst geworden sind. Abgesehen davon ist diese Lektüre natürlich auch ein angenehmer Zeitvertreib.H. Erkert