Das neue Buch von Hans A. Wüthrich - seines Zeichens Professor für Internationales Management an der Bundeswehr-Uni in München sowie Coach und Berater von Führungskräften - ist im Vahlen- und Versus Verlag erschienen. Auf knapp 150 Seiten faltet der Autor, der vor allem durch seine “Musterbrecher-Initiative” auch im nicht-wissenschaftlichen Umfeld bekannt wurde - sein Plädoyer aus, wie Führung heute in einer hochdynamischen und zunehmend komplexer werdenden Welt gelingen kann.Auch in seinem aktuellen Werk bleibt er seiner Linie treu, dass Führung vor allem dann gelingen kann, wenn sie Mut zum Experimentieren zeigt, gerade auch das Unperfekte liebt, souverän mit dem eigenen Unvermögen und Halbwissen umgeht, um dezentrale Intelligenz hervorzurufen, und Andersartigkeit schätzt, um Perspektivenvielfalt, Diversität und damit die Resilienz der Organisation zu erhöhen.Im Grunde faltet der Autor drei sog. Metakompetenzen aus, die er Konturen ver-rückter und experimenteller Führung nennt. Beim ersten Lesen erscheinen manche Begriffe etwas ungewohnt, kantig und akademisch, was jedoch zur Folge hat, dass gerade durch das Stolpern ein genaueres Hinsehen und Reflektieren evoziert wird. Wie oft bei guter Literatur lohnt sich deshalb ein Nochmals-Lesen und darüber Nachdenken.Immer dann, wenn Wüthrich aus eigener (Coaching-) Praxis Einsichten und Beispiele erzählt, wird der Realitätsbezug besonders deutlich und gewährt interessante Perspektiven. So bspw. seine Hypothese, dass es weniger eine von Narzissmus geprägte Persönlichkeit bei Führungskräften ist, die zu Mikromanagement führen, so dass Delegation und Loslassen schwer fallen, sondern oft eine Reihe positiv konnotierter Eigenschaften wie Pflichtgefühl, Verantwortungsbewusstsein und ehrgeiziger Eigenanspruch sind, die diesem Handeln zugrunde liegen (S. 22). Im Ergebnis können diese zu einer permanenten Überlastungssituation führen.Diese Überforderung rührt - so der Autor - aus einem paradoxen Selbstkonstrukt. Denn einerseits befinden wir uns in einer VUCA-Welt, andererseits haben aber immer noch überholte Rollenerwartungen aus der „alten Welt“ bestand, auch wenn diese intellektuell durchaus als solche entlarvt werden. Anstatt also die Unvorhersagbarkeit, die in der VUCA-Welt immanent ist, als Tatsache zu respektieren, kommt es zu einer kollektiven Überforderung, da ein nicht mehr zeitgemäßes Selbstkonstrukt beibehalten wird. Um diese Paradoxie zu durchbrechen, sollten unrealistische Erwartungen an sich selbst oder auch von der Umwelt, auf ein realistisches Maß gesenkt werden. Der Autor schließt den wertvollen Gedankengang ab mit der Idee, dass Arbeit an der Überforderung letztlich eine Arbeit am eigenen Anspruchsdenken ist (S. 23 ff.).Mit konkreten Beispielen anderer Firmen sorgt Wüthrich nicht nur für eine psychologische Erörterung der Sorgen, Nöte und Herausforderungen heutiger Führungskräfte, sondern gibt Empfehlungen und Beispiele, wie Führung sehr konkret gelingen kann. Ein halbjähriger Rollentausch auch bei Senior Leaders (S. 44) oder das bewusste Abschaffen von Potenzialkillern durch detaillierte Stellenbeschreibungen, starre Verantwortlichkeiten, limitierte Kompetenzen, kleinteilige Arbeit oder fehlendes Vertrauen (S. 62). Auch das bewusste Einstellen von Andersdenkenden (S. 102) - Capriccio ist im italienischen die Bezeichnung für einen Wirrkopf, einen eigensinnigen, launischen Menschen - wird die organisationale Resilienz, also Widerstandskraft, genauso verbessern wie die Bereitstellung von Sponsoren, die bewusst gewählt werden, und sich voll der Weiterentwicklung ihrer Sponsees widmen sollen (S. 122).Alles in allem ein sehr gelungenes Buch zum Thema Führung, das zum Nachdenken und Nachahmen anregt, andere Sichtweisen auf Führung aufzeigt und Beispiele gibt, wie Führung auch in anspruchsvollen und von ständiger Veränderung geprägten Zeiten, gelingen kann.
Hans Wüthrich ist einer der wenigen, ja vielleicht sogar der einzige heutige Spitzenakademiker der Wirtschaftswissenschaften im deutschsprachigen Raum, der über die Konventionen von Management hinaus zu denken und zu schreiben versteht. Er tut das bereits seit vielen Jahren, schon allein darum gebührt ihm bereits mein Respekt. Wo andere BWL-Grössen einfach stur den alten Stiefel weiterlehren, ist Wüthrich am Progressiven interessiert. In seinem neuen Buch, dem ersten seit den erfolgreichen "Musterbrecher"-Werken, nutzt Hans Wüthrich einen, wie ich finde, eher essayistischen Stil, um sich der Frage nach dem Vorn in der Unternehmensführung zu widmen. Er tut das sprachgewandt und unter Rückgriff auf Einsichten aus den Musterbrecher-Studien. Man findet hier viele Anregungen für eine BWL des 21. Jahrhunderts, die sich abzugrenzen weiss von der BWL des Industriezeitalters. Ein kleiner Wermutstropfen aus meiner Sicht: An der einen oder anderen Stelle des Bandes hätte ich mir noch mehr "konsequentes Weiterdenken" gewünscht. Vielleicht auch mehr Zutrauen dazu, dass Unternehmen sich durchaus transformieren können - ohne im Klein-Klein der Experimente und Versuche zu verharren.