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Dr. Rudolf Sanders
24.04.2024
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Auch die psychosoziale Beratung ist weitgehend noch von einem medizinischen Modell der Interaktions- und Kommunikationsstörungen geprägt. Wie bei einer Maschine ist bei dem Einzelnen etwas nicht in Ordnung, es liegt eine Störung oder eine psychische Krankheit vor, und diese gilt es zu „reparieren“. Die Positive Psychotherapie weitet diesen Blick, versteht sich als eine Ergänzung, um den Spielraum in der Arbeit mit Menschen zu weiten, die unter Einschränkungen im weitesten Sinne leiden, ein Leben in Fülle leben zu können. Die entscheidende Blickrichtung ist dabei: Was macht eigentlich Wohlbefinden aus? Wie schaffen manche Menschen es, trotz großer äußerer und persönlicher Belastungen dieses zu erhalten?Ein Schlüssel dazu ist der Zugang zu den eigenen Stärken, die als Puffer gegen Auswirkungen negativer Lebensereignisse fungieren und auf diese Weise sogar die Entwicklung psychischer Störungen potentiell verhindern können. So sind die stärkenbasierten Interventionen Kennzeichen positiver Psychotherapie. Kulturübergreifend können diese für Klienten aus bestimmten Kulturkreisen sogar effizienter und leichter zu akzeptieren sein. Ähnliches erfahre ich seit über 30 Jahren mit der Partnerschule, der Paartherapie im Integrativen Verfahren (Sanders 2022). Für nicht wenige Paare ist das Aufsuchen einer Eheberatung oder einer Paartherapie beschämend, so dass sie auch viel zu lange warten, sich Hilfe zu suchen. Einen viel leichteren Zugang haben sie zur Partnerschule, denn es ist etwas Normales und unabhängig vom Lebensalter, noch dazulernen zu können. Motiviert für einen damit verbundenen herausfordernden Lernprozess sind sie durch das zentrale Ziel, in Verbundenheit mit dem Partner, der Partnerin sich persönlich zu entwickeln, aufzublühen. Das lässt sie Fähigkeiten entwickeln, die Ursachen der Störungen im Miteinander, i.d.R. die „erlernte Hilflosigkeit“ (Seligman 2010), liebevoll anzunehmen, um sich dann den eigenen Stärken zuwenden zu können. Mit diesen sind sie dann bei ihrer Kompetenz, mit der sie dann zum Gelingen ihrer einmaligen Partnerschaft beitragen (Krause & Storch 2018).Die theoretischen Fundierungen lieferten humanistische Psychologen wie Carl Rogers, Abraham Maslow, Henry Murray, Gordon Allport und Rollo May. Sie versuchten, das gute Leben zu beschreiben und benannten Wege, wie die inhärente Neigung zum Wachstum das Leben bereichern kann. So wies Abraham Maslow (1970) auf folgendes Problem in der Psychologie hin:„Die Wissenschaft der Psychologie ist auf der negativen Seite weit erfolgreicher, als auf der positiven. Sie offenbart uns unendlich viel über die Unzulänglichkeiten des Menschen, seine Krankheiten, seine Sünden, aber herzlich wenig über seine Potenziale, seine Tugenden, seine erreichbaren Anstrengungen oder seine volle geistige Größe. Es ist, als hätte die Psychologie sich freiwillig nur auf die Hälfte ihres rechtmäßigen Zuständigkeitsbereiches beschränkt, und zwar auf die dunklere, armseligere Hälfte“ (S. 354).So werden z.B. in der Partnerschule bereits in der ersten Sitzung die Ratsuchenden – nicht selten zu deren Verwunderung – gefragt, was in ihrem Leben so alles gut läuft, was ihnen trotz aller Schwierigkeiten im Miteinander gelingt. Denn die Positive Psychotherapie konzentriert sich von Beginn an auf echte positive Emotionen, Charakterstärken; diese gilt es zu erkennen und gezielt zu fördern. Auch Klaus Grawe (1998, 2004), der in Vergessenheit zu geraten droht, weist auf die Induktion positiver Emotionen und Erfahrungen von den eigenen Selbstwert erhöhenden Erfahrungen bereits in der ersten Sitzung als Schlüssel zum Erfolg hin.In diesem Manual wird an vielen Fallbeispielen deutlich, dass Klienten, auch wenn sie traurig, gestresst, ängstlich, unsicher oder wütend sind, durchaus in der Lage sein können, ihre Freundlichkeit ihre Dankbarkeit, ihren Tatendrang, ihre Selbstregulation und vor allen Dingen ihre Hoffnung und ihren Optimismus zu entdecken und für sich einzusetzen.Da die Charakterstärken genauso wichtig sind wie die Symptome, spielt deren Identifizierung und Stärkung in diesem Manual eine zentrale Rolle. In 15 Sitzungen wird der Ablauf des therapeutischen Prozesses einschließlich der dazugehörigen Arbeitsblätter sehr plausibel und nachvollziehbar beschrieben. Dank der hohen empirisch nachgewiesen Wirksamkeit der Führung eines Dankbarkeitstagebuches (Freund & Lehr 2020, S.59) führen ab der ersten Sitzung die Ratsuchenden ein solches. An jedem Abend gilt es, drei Erlebnisse aufzuzeigen, für die sie an diesem Tag dankbar sein konnten.Die Überschriften über einzelne Sitzungen machen deutlich, wie ein Paradigmenwechsel für die Ehe-, Partnerschafts-, Familien- und Lebensberatung aussehen könnte, wenn man, statt um die Probleme zu kreisen, solche Fähigkeiten stärkt, die das Leben gelingen lassen. Dazu gehören etwa die Förderung praktischer Weisheit, die Kunst der Vergebung, bestmögliche versus ausreichend gute Entscheidungen treffen zu können, Entschleunigung im Getriebensein des Alltags, genießen zu können und die eigene Nabelschau um Altruismus zu erweitern. So kann ich dieses Therapiemanual nur allen Kolleginnen und Kollegen wärmstens ans Herz legen. Die Arbeit mit den Ratsuchenden wird sich verändern, sie werden ihnen dadurch Perspektiven für ein gelingendes Leben aufzeigen können. Aber nicht nur das, auch die eigene Zufriedenheit mit der Arbeit wird dadurch in hohem Maße zunehmen.Freund, H. & Lehr, D. (2020). Dankbarkeit in der Psychotherapie. Ressource und Herausforderung. Göttingen: Hogrefe.Krause, F. & Storch, M. (2018): Ressourcen aktivieren mit dem Unbewussten. Manual und ZRM–Bildkartei. Bildformat DIN A4. Göttingen: Hogrefe.Maslow, A.H. (1970). Motivation and personality (2nd ed.) New York: Harper and Row.Sanders R. (2022). Partnerschule - Paartherapie im Integrativen Verfahren. Paderborn: Junfermann.Seligman, M.E.P. (2010). Erlernte Hilflosigkeit. Weinheim: Beltz.Dr. Rudolf Sanders