Simon ist ein junger Mann Ende 20, seit knapp acht Jahren befindet er sich im Gefängnis mit mäßigen Aussichten, denn sein Urteil lautet lebenslänglich. Simon hat nicht viel Glück im Leben gehabt. Seine Mutter verließ ihn, dann kamen Heime, Pflegefamilien – nirgends durfte er sesshaft werden, Liebe und Geborgenheit waren Mangelware. Seine ersten Berührungen mit ernsthafter Bildung macht er paradoxerweise erst im Gefängnis. Dort lernt er Lesen und Schreiben, es gelingt ihm sogar, den mittleren Schulabschluss nachzuholen. Verbotenerweise nimmt er schriftlichen Kontakt mit zwei unbekannten Frauen auf, was ihm neben Scherereien auch eine Schreibmaschine einbringt. Erstmalig schreibt er damit seine verfahrene Lebensgeschichte auf, womit dem Gerät eine Art Schlüsselfunktion zukommt. Buchstaben, Worte, das titelgebende Alphabet haben ohnehin eine komplexe Bedeutung für den Protagonisten.Der Gefängnisalltag ist hart, es gilt konsequent das Recht des Stärkeren. Der Umgang ist rüde, Gewalt an der Tagesordnung, der Justizvollzug unterfinanziert und farblos. Der Autorin gelingt es souverän, diese trostlose Atmosphäre während der Regierung Thatcher Ende der 1980er Jahre spürbar zu machen. Man merkt, dass sie persönlich intensive Recherchen in diesem Umfeld durchgeführt hat, wie sie im Nachwort belegt.Die Betreuer der Inhaftierten wirken unmotiviert und überfordert. Bis, ja bis, Bernadette Nightingale als Krankheitsvertretung mit Simon in Kontakt tritt. Ihr gelingt es, die richtigen Saiten anzuschlagen, um den verschlossenen, zwanghaft kontrollierten jungen Mann ein Stückweit zu öffnen und dafür zu sorgen, dass er sich erstmalig mit seiner Tat ernsthaft auseinandersetzt. Den Mord an seiner Freundin Amanda hat er bislang weitgehend verdrängt. In der Kürze der Zeit kann Bernadette nicht alle Hoffnungen Simons erfüllen. Sie sorgt aber dafür, dass er in eine Therapieeinrichtung nach Wendham verlegt wird, in der junge Straftäter gezielt behandelt werden, um ihnen eine spätere Wiedereingliederung in die Gesellschaft zu ermöglichen.Dort herrscht ein freundlicheres Klima in einer förderlichen Umgebung. Viele Sitzungen finden als Gruppentherapie statt. Die Bewohner unterstützen und kritisieren sich gegenseitig. Es fällt Simon auch hier nicht leicht, sich den strengen Regeln zu unterwerfen. Immer wieder eckt er an, weigert sich, sein Innerstes zu offenbaren, sich seiner Tat in aller Konsequenz zu stellen. Schwierigkeiten sind vorprogrammiert.Der Leser wird in eine ihm völlig fremde Umgebung geführt, die durch die dezidierten Beschreibungen und Beobachtungen authentisch und greifbar wird. Simon ist ein überdurchschnittlich intelligenter junger Mann, der aber große Defizite im Zwischenmenschlichen und auf der Gefühlsebene hat. Auf den ersten Blick wirkt Simon wie ein Muster-Gefangener, der die Bibliothek betreut, sich von Drogen und Konflikten fernhält. Man mag ihm seine brutale Tat, deren Umstände nach und nach zutage treten, gar nicht zutrauen. Als Leser taucht man tief in diese Figur ein. Wir erfahren Simons Gedanken auf verschiedene Weisen. Man spürt seine Zerrissenheit, seine Verzweiflung, Hoffnung, seine Sehnsucht nach Zuneigung. Man wird auf eine Achterbahnfahrt geschickt, bei der deutlich wird, dass die Therapie eines Schwerverbrechers kein Spaziergang ist, sondern harte Arbeit. Man lernt verschiedene therapeutische Ansätze kennen. Alle verlangen sie größte Disziplin und Offenheit, wozu nicht jeder gleichermaßen willens und in der Lage ist. In Gruppen- und Einzelstunden werden die Täter mit ihren Taten direkt konfrontiert. Wegtauchen geht nicht, es gilt Aggressivität und unkontrollierte Sexualität in den Griff zu bekommen. Ehrliche Reue steht am Anfang eines langen Veränderungsprozesses.Simon hat selbst Zweifel daran, ob es ihm gelingt, sich so sehr zu verändern, dass er am Ende irgendwann wieder in Freiheit leben darf. Er hat das Glück, Menschen zu begegnen, die ihn ein Stück seines Weges begleiten, ihn ermutigen und inspirieren. Neben Bernadette ist auch Charlotte solch ein Mensch, deren eigener Transformationsprozess ganz anderer Natur ist. Dennoch dient er Simon als Vorbild, bringt ihn persönlich weiter. Die Ausdauer und Willenskraft dieses jungen Mannes ist überhaupt beachtlich. Er ist ein Stehaufmännchen im besten Sinn, wodurch das Buch niemals in Selbstmitleid und Sentimentalität abgleitet, sondern auf ernste Weise positive Attribute setzt.Dieser Roman, an dem Kathy Page über mehrere Jahre gearbeitet hat und der der englischsprachigen Bevölkerung bereits 2004 zugänglich gemacht wurde, zeichnet ein äußerst realistisches Bild vom Gefängnisalltag in Großbritannien. Die Autorin versteht es, den Leser schnell in die Geschichte zu involvieren. Kathy Page beobachtet genau, nutzt einen variantenreichen, der jeweiligen Situation angepassten Sprachstil. Am Ende hat man das Gefühl, den Protagonisten richtig gut zu kennen. Der gesamte Roman ist in sich rund und gelungen. Es gibt überraschende Drehmomente, immer wieder wird man zu eigenen Gedanken aufgefordert. Das Ende des Romans stellt sich ganz anders dar, als ich es erwartet hätte. Aber es ist großartig gelöst, auch da bleibt die Autorin ihrem ernsten, realistischen Kontext treu und driftet nicht in bloßes Wunschdenken ab.Nach „All unsere Jahre“ ist dies mein zweiter Roman von Kathy Page. Ich bewundere Autoren, denen es gelingt, völlig unterschiedliche Themen überzeugend und versiert darzustellen. Kathy Page gehört eindeutig in diese Kategorie, sie kann es einfach. Hoffentlich legt der Wagenbach Verlag nach und veröffentlicht weitere Romane dieser begabten in Kanada lebenden Autorin.Große Lese-Empfehlung!
Der 2004 erschienene, sechste Roman der britischen Schriftstellerin Kathy Page ist nach siebzehn Jahren unter dem Titel «Alphabet» nun auch auf Deutsch erschienen. Wie die Autorin im Nachwort erklärt, war sie ein Jahr lang als «Writer in Residence» in einem britischen Männergefängnis tätig, machte sich eifrig Notizen über ihre Erfahrungen dort und begann mit einer ersten Niederschrift. Sie legte den Entwurf schließlich aber anderer Projekte wegen zur Seite, fand ihn erst zehn Jahre später bei ihrem Umzug nach Kanada wieder und stellte dann dort den Roman fertig. Herausgekommen ist dabei eine tiefgründige, psychologische Studie über einen jugendlichen Mörder und sein schwer nachvollziehbares Tatmotiv.Simon Austen sitzt wegen Mordes lebenslänglich im Hochsicherheits-Trakt eines Gefängnisses. Als Vierjähriger wurde er von seiner Mutter einfach in einem Park allein zurückgelassen, sie nahm sich wenig später das Leben. Der kleine Junge kam in verschiedene Heime und wuchs bei Pflegeeltern auf. Im Knast lernt der ehemalige Teppichleger Lesen und Schreiben, holt seinen Schulabschluss nach und beginnt, verbotener Weise und auf verschlungenen Wegen an der Zensur vorbei, eine heimliche Korrespondenz mit einer kunst-interessierten, verwitweten älteren Frau, die einen Brieffreund sucht. Er verschweigt ihr seine wahre Identität, und als sie ihm schließlich eine gemeinsame Kunstreise vorschlägt, beendet er den Briefkontakt. Der inzwischen 29Jährige findet nun auf offiziellem Weg mit Tasmin eine angeblich 17jährige Brieffreundin, die sich sehr für seine Tat interessiert, nach Einzelheiten fragt und ihm sogar eine Schreibmaschine schickt, die er sich sehnlichst wünscht.Auf ihr tippt er nun die Geschichte, die ihn zum Mörder machte: ‹Im Jahre 1979 lernte er bei der Arbeit die 20jährige Amanda kennen, lud sie spontan zum Essen ein und ging mit ihr anschließend in seine Wohnung. Dort forderte er sie auf, ihr Oberteil abzulegen, und danach, nun ihre Brüste anzufassen. Auf ihre erstaunte Frage, ob er denn nicht mehr von ihr wolle, antwortete er: «Das ist meine Art, es zu machen». Sie ging daraufhin ins Bad und kam splitternackt zurück, hatte sogar ihre Brille abgesetzt und trug stattdessen Kontaktlinsen. Ihr eigenmächtiges Handeln aber machte ihn rasend, er wollte allein bestimmen, was geschah, und so warf er sie wütend zu Boden und erwürgte sie!› Weil dieser ausführliche Brief aber viel zu umfangreich war, wurde er vom Zensor zurückgeschickt, und außerdem beendet Tasmins Vater endgültig ihren Briefkontakt, weil seine Tochter erst 14 Jahre alt ist und unter Depressionen leidet. Als Simons neue Betreuerin ihn nach seiner Tat befragen will, übergibt er ihr dann einfach den Brief, in dem ja alles drinsteht. Es folgen Verlegungen in andere Gefängnisse, er absolviert verschiedene Therapien und beginnt sogar ein geistes-wissenschaftliches Fernstudium.Trotz aller eigenen Bemühungen und seiner manipulativen Fähigkeiten wird es Simon letztendlich wohl nicht gelingen, sich nach dreizehnjähriger Haft psychisch wirklich soweit zu verändern, dass er irgendwann tatsächlich Aussicht auf eine vorzeitige Entlassung hätte. Zu rätselhaft erscheinen seine Motive, zu unabänderlich seine fest verankerten Verhaltensmuster. Dieses psychologische Drama glänzt vordergründig durch die entlarvenden Einblicke in das britische Haftsystem und all die verstörenden Gewaltexzesse, denen seine Insassen ausgesetzt sind, vor allem aber auch durch die seelischen Abgründe, in die der Leser hier zu blicken hat. Äußerst fragwürdig erscheint bei alledem aber der Transgender-Teil am Ende des Romans, bei dem sich Simons grobschlächtiger Zellengenosse Victor mit Hilfe von Medikamenten und durch Operationen nach seiner Entlassung zu einer lieblichen Charlotte umwandeln lässt. Das hat als spezielle Form der Selbstfindung rein gar nichts mit Simons Problemen zu tun, und dass die Zwei auch noch Gefallen aneinander zu finden scheinen, ist dann nur noch peinlich. Schade!