"Es herrschte allgemein der Eindruck, dass die Suche sich dem Ende zuneigte, dass das St. Jude keine weiteren Überraschungen mehr bereithielt. Ich hätte es besser wissen sollen." (S. 287)Dies ist der 6. Teil der Hunter-Reihe und im Grunde ist jeder Band in sich abgeschlossen und kann daher eigenständig gelesen werden. Als Reihen-Junkie möchte ich jedoch die Empfehlung abgeben, diese Serie der Reihe nach zu lesen, um in den vollständigen Genuss von David Hunter zu kommen. Immerhin schweift der Autor doch hin und wieder in die Vergangenheit und gibt einen Einblick in frühere Fälle. Man kann dann so manche Zusammenhänge besser verstehen.David Hunter ist ein forensischer Anthropologe und eher ein stiller Typ, der mit beiden Beinen fest im Leben steht. Manchmal scheint es als könne er mit den Toten besser umgehen als mit den Lebenden, aber hin und wieder blitzt sein von Sarkasmus geprägter schwarzer Humor auf - Engländer eben. Meistens versucht er Konfrontationen aus dem Weg zu gehen und entgleisende Situationen mit Worten zu entschärfen. Man sollte ihn jedoch nicht zu sehr reizen. Er ist einfach eine coole Socke und natürlich einer der besten in seinem Fach.Dieses Mal führt ihn ein Fall in ein altes leerstehendes Krankenhaus im Norden Londons. Normalerweise treiben sich nur noch Junkies und Obdachlose im St. Judes herum, diesmal wurde jedoch kein Besoffener oder zugedröhnter Drogenabhängiger gefunden, sondern eine Leiche. Die scheint schon länger auf dem Dachboden zu liegen, denn sie ist bereits mumifiziert. Doch diese Mumie bleibt nicht die einzige Leiche. Als der morsche Boden nachgibt, werden im Raum darunter weitere Leichen entdeckt und diese sehen auch nicht mehr allzu frisch aus. Was jedoch den Ermittlern und auch David Hunter die Gänsehaut auffahren lässt ist, dass diese beiden Leichen augenscheinlich lebendig eingemauert wurden.Was ging in diesem Krankenhaus vor sich und was erwartet sie noch in diesen dunklen Gängen? David Hunter macht seinem Namen wieder einmal alle Ehre, denn für ihn bedeutet es nur eins - Die Jagd ist eröffnet.Ich bin ja immer auf der Suche nach Büchern aus dem Genre Thriller und Horror mit Krankenhaus- oder Psychiatrie-Setting. Bezüglich Horrorromane gibt es leider nicht viel und noch weniger Gutes auf dem Buchmarkt. Im Genre Thriller hingegen findet man schon das ein oder andere Schmankerl und dieses Buch steht hierbei ganz oben auf der "Best-of"-Liste. "Das T-Shirt war hochgezogen und unter der Brust gerafft, sodass der Bauch frei lag. Oder was davon übrig war. Die Bauchhöhle war von unterhalb der Rippen bis zum Schambein aufgerissen. Die inneren Organe waren so geschrumpft und zersetzt, dass sie nicht zu erkennen waren." (S. 31)Simon Beckett hat die Gabe eine wunderbar unheimliche Atmosphäre zu schaffen, mit den richtigen Worten beim Lesen Bilder im Kopf entstehen zu lassen und dies vor allem die Settings betreffend. Egal ob weitläufige Heide oder kaltes und verregnetes Sumpfland, wie z.B. in den vorherigen Bänden der Hunter-Reihe, man fühlt sich jedes Mal in dieses Setting regelrecht hineingepflanzt. So natürlich auch hier.Man sah die staubigen und zum Teil verfallenen dunklen Gänge des verlassenen Krankenhauses vor sich, riecht den abgestandenen Moder und fühlt vor allem diese bedrückende und auch unheimliche Atmosphäre eines alten Spitals, welches noch aus der viktorianischen Ära stammt.Während David Hunter dieses verfallene Krankenhaus nach kurzer Zeit überhaupt nicht mehr betreten möchte, wollte ich am liebsten gar nicht mehr raus. "Offene Türen lenkten den Blick in düstere Räume, leer bis auf einen umgefallenen Stuhl hier oder einen kaputten Tisch da. Wenn dies je ein Ort der Genesung und Heilung gewesen sein sollte, war davon nichts mehr zu spüren. Jetzt lag Verzweiflung über allem." (S. 83)Doch nicht nur die Atmosphäre ist ein Highlight, sondern natürlich auch die Story selbst. Spannend von Anfang bis Ende und die vielen überraschenden Wendungen sind bei Simon Beckett ebenso legendär wie das Erschaffen eines atmosphärischen Settings. Langeweile sucht man hier vergebens.Auch die Charaktere, wie üblich, authentisch, ausgefeilt und facettenreich gezeichnet und nicht jeder wird überleben und nicht jeder ist einem sympathisch. Dies alles wird durch einen flüssigen Schreib- und packenden Erzähl-Stil ergänzt und wurde so zu einem Page-Turner der Extraklasse, der einem wieder auf spannende Weise in die Welt des beliebtesten forensischen Anthropologen David Hunter entführt.Nur das Ende war mir dann doch etwas too much was den Verlauf des privaten Bereichs von David Hunter betrifft. Das ist jedoch Meckern auf hohem Niveau. "Hexanal, ein Gas, das in den frühen wie den späteren Verwesungsstufen auftritt, ähnelt frisch gemähtem Gras, und Butanol durftet nach herbstlichen Blättern. Der Geruch von Verwesung kann all diese Noten enthalten, er ist komplex wie edler Wein. Und da der Tod voller Überraschungen ist, kann er sich mitunter auch auf ganz andere Weise ankündigen." (S. 8)Fazit:Nach jahrelanger Hunter-Abstinenz ist Simon Beckett mit diesem Band zurückgekehrt und das besser wie schon lange nicht mehr. Möglich das meine Begeisterung durch mein Faible für unheimliche Krankenhäuser etwas beeinflusst wurde, doch dieser 6. Teil zählt zu einem der besten. Ich habe dieses Buch regelrecht inhaliert und daher war regelmässig ein "Ohhh" und "Ahhh" von mir zu hören.Simon Beckett dürfte zu seiner alten Form zurückgefunden haben und nun hoffe ich, dass ncoh einige Bände folgen werden. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.© Pink Anemone
Wer die Reihe rund um David Hunter kennt und mag, wird auch mit diesem Teil glücklich werden. Wie immer macht David einfach das, was er am besten kann: Sich ungefragt in Dinge einmischen, die eigentlich nicht mehr zu seinem Aufgabenbereich gehören. Dieses Mal führt uns sein Auftrag in ein altes stillgelegtes Krankenhaus, welches nicht so leer ist wie man eigentlich nach einer Schließung annehmen sollte. Doch nicht nur eine Leiche eingewickelt in Plastikhülle beschäftigt die Ermittler, bei der Bergung dieser stoßen sie auf ein dunkles Geheimnis, welches hinter Mauern versteckt gehalten wurde.Rund ca. 2/3 der Geschichte beschäftigen sich mit dem Krankenhaus selbst, der Bergung und Autopsie der Leichen, sowie den Hintergründen rund um das St. Jude. Das kann man langweilig oder langatmig finden, aber ich hatte solche Empfindungen noch nie bei einem der Teile. Es werden zu jederzeit nähere Hintergrundinfos mitgeliefert im Zusammenhang mit dem Tod, Verwesung, Insekten und rund um die Ermittlungsarbeiten. Außerdem gibt es wie immer kleinere Nebengeschichten und viele neue Charaktere, die ebenfalls mit den Ermittlungen beschäftigt sind. Insbesondere ein Charakter ist mir sehr negativ ins Auge gestochen, diesen fand ich derart unsympathisch, dass er mich regelrecht gestört hat und zwar Mears. Dabei handelt es sich um einen jüngeren Kollegen, mit dem sich David leider herum schlagen muss. Doch nicht nur dieser war mir ein Dorn im Auge, ich kann mich an keinen anderen Teil erinnern, wo so viele derart unsympathische Charaktere auf einmal vorgekommen sind. Ich hoffe das bessert sich wieder im nächsten Teil. Mir gefiel nicht wie die anderen mit David Hunter umgegangen sind und auch ihre Hintergründe, Handlungen und Persönlichkeiten an sich waren für mich nicht stimmig. Andererseits hat genau diese Taktik zu sehr vielen spannenden Szenen geführt und mich mitgerissen, da ich wissen wollte wie es weiter geht und ob nicht doch die Gerechtigkeit siegt.Im letzten Drittel des Buches überschlagen sich die Ereignisse und man weiß kaum, wo einem der Kopf steht. Das hätte man für meinen Geschmack etwas besser über das Buch verteilen können, da es mir fast zu viel des Guten war. Darüber hinaus war das Ende wirklich sehr deprimierend und das Gefühl mit welchem das Buch geendet hat, hat mich persönlich sehr unbefriedigt zurück gelassen. David ist nicht perfekt, das ist schon klar, doch ihm die Schuld für Sachen zu geben die er nicht beeinflussen konnte und das dann auch noch einfach so hinzunehmen, dass kann ich leider überhaupt nicht verstehen (z.B. Mears). Das Ergebnis rund um Rachel fand ich auch total überzogen und konnte ich nicht nachvollziehen. Wenn David eine Depression hat, soll er sich gefälligst zusammen reißen und sich nicht gehen lassen, aber kaum kriegt Rachel mal etwas ab, geht die Welt unter? Ich will euch nicht spoilern darum behalte ich die Details für mich, aber die Geschichte um die beiden war für mich leider nicht stimmig und ich hätte mir ein anderes Ende für sie gewünscht.Fazit: Alles in allem wieder ein sehr gelungener Teil, welcher spannend und wie immer voller Gräueltaten war. Mir persönlich waren es zuviele unsympathische Charaktere und das Ende war zu vollgestopft und deprimierend für meinen Geschmack. Ich kann das Buch aber auf jeden Fall weiterempfehlen und freue mich schon auf den nächsten Teil.