Bevor ich den neuen Roman „Bei euch ist es immer so unheimlich still“ von Alena Schröder rezensiere, habe ich mir nochmal ihren ersten Roman „Junge Frau am Fenster stehend, Abendlicht, blaues Kleid“ vorgenommen, der mich bereits beim ersten Lesen vor 2 Jahren so beeindruckt hat.Es ist die Geschichte mehrerer Generationen von Frauen, ihrer Entscheidungen und den Schwierigkeiten von Mutter-Tochter-Beziehungen.Evelyn, die Großmutter, ehemalige Ärztin, stur, streng, böse und verbittert, lebt in einem Seniorenheim und verdrängt die Erinnerungen an die Vergangenheit am liebsten. Sie möchte oder kann ihre Gefühle nicht zulassen.Hannah, ihre Enkelin, studiert Germanistik in Berlin, ist unglücklich in ihrem Professor verliebt und weiß eigentlich nicht so recht, wie ihre Zukunft aussehen soll. Sie entdeckt beim Besuch der Großmutter im Seniorenheim einen Brief aus Israel, in dem es um Restitution für die Familie geht. Aber Hannah ist sich sicher, dass sie keinerlei jüdische Abstammung hat.Stück um Stück wird nun die geheimnisvolle Geschichte entschlüsselt. Senta, Evelyns Mutter, eine kluge und lebensfrohe junge Frau plant 1922 mit ihrer Freundin Lotte Rostock zu verlassen und nach Berlin zu gehen und dort frei und unabhängig zu leben.Doch dann wird Senta schwanger von Ulrich. Sie heiraten, aber Senta spürt die Einschränkungen der Ehe, der familiären Verpflichtungen und auch der Fürsorge für ihre Tochter als so große, unerträgliche Last, dass sie ihren Mann und ihre Tochter verlässt und nach Berlin zu Lotte geht. Ulrich entscheidet, dass seine Schwester Trude sich um das kleine Mädchen kümmern soll.Trude hat im Krieg als Krankenschwester gearbeitet und betrachtet das Leben als harte Aufgabe. Und nun widmet sie sich der Erziehung ihrer Nichte.Evelyn lernt in Berlin einen Journalisten jüdischer Abstammung kennen, Julius Goldmann, dessen Eltern eine Galerie betreiben. Evelyn und Julius genießen das kulturelle Leben in Berlin, beide sind journalistisch tätig. Senta versucht, den Kontakt zu Evelyn aufrecht zu erhalten, sie finden jedoch emotional nicht zueinander. Und Trude tut alles, um Evelyn für sich allein zu behalten.Das Leben der Familie Goldmann ändert sich mit dem Nationalsozialismus, Julius emigriert, seine Eltern werden deportiert. Als eine der letzten Handlungen hat Senta den Schwiegervater unterstützt, eine Aufstellung seiner wertvollen Kunstschätze anzufertigen, bevor sie in die Hände der Nazis fallen. Ein berühmtes Bild, vermutlich von dem Niederländer Vermeer, das dem Roman den Titel gegeben hat, übergibt er ihr, damit sie und ihr Mann abgesichert sind.Hannah erfährt bei ihren Recherchen Unterstützung durch einem Kommilitonen, Experte für Nationalsozialismus und einer Ermittlerin, die für das israelische Büro arbeitet. Stück für Stück kann sie ihre Familiengeschichte entschlüsseln.Die Geschichte ihrer eigenen Mutter, die bereits verstorben ist, wird nur kurz erwähnt. Silvia, die alternative Kreuzbergerin, symbolisiert ein anderes Mutterbild als ihre Mutter und Großmutter.Dieser Roman ist so unfassbar faszinierend, so intensiv, so berührend, so authentisch. Die Stärke und Härte dieser Frauen, ihr Aufbegehren gegen gesellschaftliche Erwartungen und Rollen, ihre Sprachlosigkeit, die fehlende Liebe, das Schweigen, die Grauen des Krieges, die Unmenschlichkeit der Nationalsozialisten.Die Charaktere sind spannend und überzeugend, wunderbar auch die Beschreibung der Nebenfiguren wie der skurrilen Ermittlerin Marietta Lankvitz.
Eine gute Geschichte, die mich in seinen Bann gezogen hat. Das Thema der Raubkunst wurde in eine Familiengeschichte eingebunden, die bis in die Neuzeit reicht. Es war nicht unbedingt mit einem "Happyend" zu rechnen, aber es gibt für mein Dafürhalten einfach kein richtiges Ende. Die vielen losen Enden der Geschichte könnten ein weiteres Buch füllen.
Die Autorin schafft es mit ihrer Familiengeschichte geradezu beiläufig, wichtige Punkte unserer deutschen Geschichte lebendig werden zu lassen. Mir hat das Buch viel gegeben- vielleicht auch, weil die verschiedenen Protagonisten für ihre jeweiligen Lebensentscheidungen nicht verurteilt werden. Es wird dem Leser ermöglicht, verschiedene Sichtweisen einzunehmen und somit auch zu verstehen, was zu individuellen Lebensdramen führen kann. Manchmal würde man die eine oder andere gerne schütteln, ihr mitteilen, dass wesentliche Verluste vermeidbar wären- würde man nur die eigenen Verletzungen zur Seite schieben und miteinander reden…