Als im Jerusalem des Jahres 30 ein Mann am Kreuz starb, ahnte wirklich noch niemand, dass das, was man ihm später unterstellte, nach vierhundert Jahren zur römischen Staatsreligion erklärt würde.Der Weg dahin war mit theologischen und politischen Problemen gepflastert, die im Zusammenhang mit Fanatismus und Gewalt, und im Zusammenhang mit den Bemühungen, das immer wieder in geregelte Bahnen zu lenken, das Römische Reich oft bis an seine Grundfesten erschütterte.Clauss beginnt zwar mit dem, was seitens der christlichen Kirche, gestützt auf die Schriften des Neuen Testamentes und deren Parallelschriften sanktioniert ist, setzt mit seiner historisch gesicherten Darstellung allerdings erst mit dem 2. Jahrhundert ein, und führt uns bis ans Ende der antiken Geschichte des Christentums in der Mitte des 6. Jahrhunderts, von wo es dann in den Bereich der mittelalterlichen Kirchengeschichte des Abendlandes übergeht.Es ist eine sehr interessante, vor allem polemikfreie Darstellung dessen, was in dieser ungefähr vier Jahrhunderte umfassenden Zeit alles an Problemen im Zusammenhang mit dem Christentum, begründet durch die Spezifik seiner exklusiven theologischen Basis im Zusammenhang mit den Interessen des Römischen Imperiums, vertreten durch das zentrale Kaisertum und dessen Staatskult, ergab. Gerade dadurch, dass Clauss die Entwicklung dem Leser zur Bewertung überlässt, mag das manchem als etwas zu trocken erscheinen, aber aus der Gesamtsicht, aus welcher hervorgeht, dass diesen ganzen Verwicklungen, Meinungen und Richtungen keine Objektivität im Sinne eines rationellen Zieles zugrunde gelegt werden kann, ist diese Zurückhaltung angeraten. Die von ihm manchmal aufgeführten Fakten und Aktionen zur Veranschaulichung der oft seltsam anmutenden Ereignisse sind dabei aber wirklich unverzichtbar.Clauss fasst es am Ende so zusammen: „Die meisten Entscheidungen, von denen in diesem Buch die Rede ist, wurden von einer Mehrheit der jeweiligen Gruppierungen getragen, wohingegen eine Minderheit resignierte, sich anpasste oder den eigenen Weg fortsetzte. Zu den zahlreichen Auseinandersetzungen innerhalb der christlichen Kulte kam es nicht zuletzt deshalb, weil alle ihre Mitglieder es sich zur Regel gemacht hatten, die Welt zu kategorisieren: hier die Anhänger der eigenen Gruppe, die Guten, dort die anderen, die Bösen.“ Wie aktuell diese Feststellung gerade für uns in der Zeit ist, in der dieses Buch erscheint, wird er wohl kaum geahnt haben.Sein wirklich nüchterner Blick auf das, was tatsächlich war, ist unter Berücksichtigung, dass er die von den Kirchen verbreitete Basislegenden des Christentums nicht ebenso hinterfragte, wie er das hinterfragt und analysiert, was dann ab dem 2. Jahrhundert seitens der Kirchenväter damit erneut angestellt wurde, deshalb etwas gehemmt. Claus beraubte sich so vieler Möglichkeit einer noch tieferen Analyse der Entstehung des Christentums.Weil man kirchlicherseits die Erforschung der Basis und der Hintergründe und Zwänge dessen, was im Laufe des 1. Jahrhunderts zur Entstehung und Herausbildung des Christentums führte, weitgehend abgebrochen und es dem Wildwuchs überlassen hat, wuchs sich das inzwischen bekanntlich zum Tummelplatz von Sekten, Esoterikern und Scharlatanen aus.Nur christliche Radikalkritik ( z.B.: Hermann Detering, „Der gefälschte Paulus – Das Urchristentum im Zwielicht“) und jüdische Religionsforschung (z.B.: Israel Knohl, „Der vergessene Messias – Der Mann, der Jesu Vorbild war“) arbeiten noch ernsthaft an der Erforschung der Wurzeln, aus denen das entstand, was nie als neue Religion geplant war, sie aber zwangsläufig hervorbrachte.Die neuere wissenschaftliche Arbeit an den Schriften des Flavius Josephus (Siebert/Schreckenberg/Vogel, „Flavius Josephus – Aus meinem Leben“) brachte beispielsweise, indem man nicht nacherzählte, sondern exakt übersetzte, Texte hervor, aus denen sich direkte personelle Brücken zur Apostelgeschichte des Neuen Testamentes ergeben. Daraus erschließen sich dann für uns noch heute politische Konstellationen der damaligen Zeit und Lebensläufe des Ensembles der Jünger Jesu und auch deren verwandtschaftlichen Verbindungen untereinander und ihre Identität, die dann über die jüdische Geschichtsschreibung personell nachverfolgbar werden, und damit auch die Hintergründe erhellt werden, die zur Entstehung des Christentums führten.Verarbeitet und in den Rahmen der Tagespolitik des Römischen Reiches des 1. Jahrhunderts gestellt findet das dann aufbauend auf den o.g. Erkenntnissen in den Büchern Georg Naundorfers ihren Niederschlag: „Die Geburt des Christentums“, bzw.: „Der Jesus von Nazareth des Judas Iskariot.“ Dort wird ohne jede Polemik mit dem aufgeräumt, was Claus auf den ersten 80 Seiten seines Buches aus den Schriften des Neuen Testamentes noch gestützt darauf, dass es die Kirche als Basis ihrer Existenz als gesetzt annimmt, erzählt.Wer wirklich Klartext zur Entstehung und Entwicklung des Christentums lesen will, dem sei dieses Buch von Manfred Clauss in Verbindung mit den vorgenannten Veröffentlichungen empfohlen.
Die überwiegend positiven Rezensionen veranlassen mich, auch meine gravierend andere Sicht der Dinge darzulegen. Der Titel täuscht, wenn man davon ausgeht, dass dem Leser hier ein christentumskritisches bzw. um Objektivität bemühtes Buch vorgelegt wird. Es handelt sich tatsächlich lediglich um ein bieder-christliches Werk, in dem selbst Wunder als Tatsachen übernommen werden. Auch das, was Kirchenväter oder nachweislich spätere Schreiber unter dem Namen Paulus oder insbesondere als ein Johannes der Apokalypse so geschrieben haben, wird für bare Münze genommen, obwohl schon an deren Charakter und Motiven einige Zweifel angebracht wären.Für mich beginnt die Kritik schon bei der Literaturauswahl. Autoren, die ganz wesentliche Gedanken zum Christentum entfaltet haben, fehlen einfach. Aus Sicht eines christlich orientierten Autors nur zu verständlich. Sicherlich kann niemand mehr alle Literatur anführen, die zum Thema „Jesus“ oder „Entstehung des Christentums“ geschrieben worden sind. Wenn man jedoch im Erscheinungsjahr weder einen Joseph Atwill, weder einen Hermann Detering, weder einen Gerd Lüdemann, weder einen Harald Specht, weder einen Francesco Carotta, weder einen Rudolf Augstein, weder einen Hyam Maccoby, weder einen Earl Doherty, weder eine Uta Ranke-Heinemann, nicht einmal einen John Domenic Crossan etc. etc. findet, die zahlreiche interessante und entlarvende Aspekte mit unterschiedlichsten Schlussfolgerungen zusammengetragen haben, erkennt man, dass es wohl mit einer objektiven oder kritischen Betrachtung sicherlich nicht allzu weit her sein kann. Die Bücher dieser z.T. sogar dennoch christlich orientierten Autoren lassen sich ohne weiteres auch bei Amazon finden.Ich räume ein, dass ich hier als äußerst befangener Autor schreibe und muss es dem Leser überlassen, sich auf meine Darlegungen seinen eigenen Vers zu machen. Nach meiner Forschung und Meinung gibt es eben für die durchgehend romfreundliche Darstellung und vor allem dem dargestellten Ende eines Messias nur eine überzeugende Erklärung: Die Evangelien wurden im Interesse des Besatzungsmacht Rom geschrieben. Leider lassen nahezu auch alle christentumskritischen Autoren die historische Situation außer Acht. Die historische Situation ist durch die römische Besetzung Palästinas geprägt. Wir haben mit den Evangelien keinen zeitlosen Rahmen, sondern ganz bewusst eine in eine historische Zeit verlegte literarische Erfindung vor uns: Die Juden sollten von ihrem Messias-Glauben abgebracht und für die Besatzungsmacht Rom domestiziert werden. Ohne historisches Wissen oder Verständnis kommt man nicht weiter. Zitat S.10: „..bis etwa 250 kann die Geschichte des (Anm.: römischen) Reiches allerdings vernachlässigt werden“, ist so ziemlich das Falscheste, was man zur Entstehung feststellen kann. Nichts ist wichtiger als der historische Hintergrund und das historische Motiv der römischen Schreiber nach dem römischen Sieg 70 im sogenannten Jüdischen Krieg. Erst mit diesem 70 begann die angesetzte „Umerziehung“ von einem kämpferischen Messias zu einem friedvollen Christus. Rückwärts: Militärischer Sieg 70 – eine unbelehrbare Generation (siehe Texte) von 40 Jahren, damit bei 30 und damit der Zeitpunkt, in dem ein Mahner, eine Messiashoffnung grandios scheitert – Kreuzigung und theologische Umwandlung eines Messiasses in einen Christus. Schon der Unterschied wird so gut wie nie aufgegriffen. Ein Messias ist ein Mensch, ein Anführer, ein Kämpfer, ein Sieger für das Judentum - ein Christus gilt als ein höheres Geisteswesen, als Gottessohn und so in den Evangelien dann angelegt: als steuerzahlender Friedensbewahrer.Deshalb zum o.a. Buch:Dass das Geburtsdatum erst recht spät auf den 25.Dezember gelegt wurde, ist richtig, trägt aber hinsichtlich des Verständnisses wenig bei. (S.8)Dass sich das Christentum von Anfang an nicht friedlich, sondern aggressiv – gerade unter unterschiedlichen Gruppierungen – verhielt, ist Standardwissen. Dies macht aber niemanden wirklich mehr stutzig. (S.11; S,19 ff)„Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“, so heißt es im Johannes-Evangelium.(S15) Die meisten Forscher sehen einen deutlichen Unterschied zwischen den Synoptikern und einem Johannes. Dies wird hier nicht einmal thematisiert. Ich gehe noch weiter: Johannes ist derjenige, der die Botschaft der Synoptiker mit seinen Beiträgen letztlich sogar verhunzt. Mit Absicht lassen die Synoptiker alle Jünger fliehen, Johannes setzt seinen Lieblingsjünger und Maria unters Kreuz und durchkreuzt (!) damit genau das, was diese als Botschaft bereithalten.„ .. wahren Juden, ihnen standen die falschen Juden gegenüber, jene also, die immer noch nicht begriffen hatten, dass der Messias längst gekommen war. (S.15) Der Autor kann gar nicht ahnen, wie nahe er mit dieser Aussage dem Geheimnis um die Entstehung des Christentums gekommen ist.Welche Grund sollten Juden denn haben, einen gescheiterten Messiasanwärter als ihren Erlöser anzusehen? Er hat sie gerade nicht erlöst und durch die Rückdatierung aus 70 wird vermittelt, dass es schon vor 40 Jahren einen friedvollen Mahner gegeben hätte. Doch dessen Mahnungen seien in den Wind geschlagen worden, so dass die jüdische Geschichte mit der Eroberung Jerusalems und der Zerstörung des Tempels in einer brutalen Vernichtung mündete.Warum sollte jemand nach 70 noch etwas von einem Messias schreiben, der vor 40 Jahren gescheitert wäre und das Reich Gottes eben nur in dem obsiegenden Reich der Römer zu sehen wäre – und das noch in Griechisch von Analphabeten?„Der römische Staat, dem Paulus mit dem Römerbrief eine wunderbare Waffe an die Hand gegeben hatte, verfügte über andere Möglichkeiten, mit Häretikern umzugehen“.(S.24) Hierzu ist anzumerken, dass es um 50 herum gar keinen Paulus gab. Er ist eine literarische Fiktion der Apostelgeschichte, wie die angeblichen Briefe beweisen. Ein Brief kam nie bei Römern an. Seine Streitigkeiten passen nur zu innerkirchlichen Auseinandersetzungen mit Marcion (siehe dazu Detering: Der gefälschte Paulus; u.a.). Vor 140 kannte niemand Paulus-Briefe. Auch ein Lukas weiß nichts davon, dass seine Figur Briefe geschrieben haben soll. Von einem Damaskus-Erlebnis will der spätere Schreiber nicht wissen, da ansonsten seine fiktive Tätigkeit entdeckt worden wäre. Die Evangelien wurden ab 70 geschrieben und ein schreibender Paulus durfte diese nicht kennen, wenn er etwas auf 40 bis 60 datieren wollte. Deshalb vermeidet der anti-jüdische Schreiber auch jegliche Bezugnahme auf das Leben Jesu.Überschrift (S.31): „Jesus von Nazareth – die Erfindung des Messias“. Dies ist deshalb nicht korrekt, weil der Messias als jüdische Glaubensfigur längst erfunden war. Richtiger wird es, wenn es heißen würde: die Erfindung eines Christus. An dem Geburtsthema arbeitet sich der Autor dann ab. Auch da wird nicht verstanden, wieso denn die beiden unterschiedlichen Geburtsgeschichten (Matthäus/Lukas) denn wie ein folgenloser Vorspann aufgenommen wurden. Später wird Jesus ja durch Taufe, auf einem Berg, durch die Kreuzigung oder aber von Anfang an zu einem Gott. Einmal Gott geworden sollte also genügen.Der Autor widmet sich noch ausführlich dem Märtyrertum, bei dem er immerhin zu der Erkenntnis gelangt, dass da ziemlich übertrieben wurde. Auch Reliquien macht er zu seinem Thema. Auch dass die Kaiser Nero und Domitian wohl doch nicht so schlecht waren, wie die römischen, dem Senat und damit in Konkurrenz stehenden Schreiber, in die Geschichtsbücher hinein gefälscht haben.Doch allein diese „milde Sicht“ auf die Geschichte überdeckt nicht das Glaubenskonstrukt und erklärt schon gar nichts zur Entstehung eines neuen Gottes.Den Hinweis eines Rezensenten auf einen Autor Naundorfer, „Der Jesus von Nazareth des Judas Iskariot“ kann ich inhaltlich nur unterstützen, auch wenn ich formal feststellen muss, dass dieses Buch mit dem eines Autors Hans-Georg Weiske mit mehr als 95% übereinstimmt! In einem weiteren Buch von Georg Naundorfer, Die Geburt des Christentums“ werden lediglich die Reihenfolge der Kapitel verändert und auch hier besteht eine nahezu vollständige Wiederholung. Doch das muss hier dahingestellt bleiben.Wer etwas Neues, Tiefgehendes, Grundlegendes und über gewöhnlich Informatives Hinausgehendes erwartet, kann hier nur enttäuscht werden. Warum und vor allem wie es überhaupt zu einem neuen Gott gekommen ist, bleibt unbeantwortet. Die Juden brauchten gewiss keinen neuen Gott neben dem ihren.