Es hat dreißig Stück von ihnen gegeben: Lastwagen. Spezialanfertigungen. Sie waren alle mit einer Vorrichtung ausgestattet, die es möglich machte, die Auspuffgase während der Fahrt direkt in die hermetisch abgeschlossenen Ladeflächen zu leiten. Gaskammern auf Rädern also. Siebenhunderttausend Menschen, vor allem Juden, wurden während des Zweiten Weltkrieges in diesen Fahrzeugen ermordet.Der namenlose Ich-Erzähler in David Albaharis Roman „Götz und Meyer“, ein etwa fünfzigjähriger Literaturlehrer in Belgrad, begibt sich auf die Suche nach seinen Wurzeln. Im Stammbaum seiner Familie aber klaffen riesige Lücken. Fast alle seine jüdischen Vorfahren sind zwischen 1941 und 1942 eines gewaltsamen Todes gestorben. Die Männer sind von den deutschen Besatzern bei „Vergeltungsmaßnahmen“ erschos¬sen worden, die Spur der Frauen und Kinder führt in das Lager auf dem Messegelände nahe der Hauptstadt Belgrad. Bei seinen Recherchen stößt der Erzähler auf ein Telegramm, das im März 1942 der Obergruppenführer Heinrich Müller, der Chef der Gestapo in Berlin, an den SS-Standarten¬füh¬rer Eman¬u¬el Schäfer, den Leiter der deutschen Polizei in Belgrad, schickte und in dem er das Eintreffen von Spezialisten mit einem Sonderauftrag und einem dafür konstruierten Lastwagen ankündigte. Es handelte sich bei dem Fahrzeug um einen jener besagten Gaswagen. Auch die Namen der beiden Experten, beide Unterof¬fiziere der SS, die den Wagen nach Belgrad brachten und die Aktion vor Ort durchführten, nennt das Telegramm: Götz und Meyer. Täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage fuhr der Laster vom Belgrader Messegelände nach Jajinci, täglich hielten Götz und Meyer unterwegs an und verschraubten das Auspuffrohr mit der Vorrichtung am Boden der Ladefläche, täglich strömte das Gas in das Wageninnere, wo jeweils bis zu hundert Frauen und Kinder während der fortgesetzten Fahrt qualvoll erstickten. In Jajinci schließlich schafften serbische Gefangene die Toten aus dem Lastwagen und verscharrten sie in Massengräbern. Am 10. Mai 1942 war die Operation beendet, über fünftausend Lagerinsassen tot, und Schäfer konnte melden, in Belgrad gebe es wie im übrigen Serbien „keine Judenfrage mehr“. Götz und Meyer brachten den Lkw nach Berlin zurück, der für weitere Einsätze in Weißrussland vorgesehen war. So weit die historischen Fakten, wie man sie in Geschichtsbüchern und in den Archiven nachlesen kann.Mit diesen Informationen allerdings gibt sich Albaharis Erzähler nicht zufrieden, weil sie ihn nicht nah genug an den Kern der Ereignisse heranbringen. Er möchte das Unfassbare fassen, das Unverstehbare zumindest ein Stück weit besser verstehen, und so erfindet er sich eine Geschichte um die Geschichte. Er haucht Götz und Meyer Leben ein, denkt sich deren Privat- und Familienleben aus, erfindet für sie Gedanken, erdichtet sich Dialoge und Handlungen während ihrer und um ihre Todesfahrten. Nur kann er ihnen keine äußerliche Gestalt verleihen, denn eines wird sehr schnell klar: „Jeder hätte Götz sein können. Jeder hätte Meyer sein können.“Indem Albahari die Menschen, die hinter den Aktionen stehen, in all ihrer Menschlichkeit zeigt, erreicht er etwas, wovor der Historiker meist kapitulieren muss, er macht Geschichte greifbar und damit – ein wenig zumindest – begreifbar und Täter sichtbar. Eine scheinbar banale und doch furchtbare Wahrheit wird so ans Licht gezerrt: „Götz und Meyer sind ja auch nur Menschen.“ Ja, eben: Menschen – und nicht etwa Monster, von denen sich abzusetzen den Lesern ein Leichtes wäre. Nein, der Holocaust ist nicht von unmenschlichen Ungetümen, sondern von „normalen“ Menschen mit einem normalen Lebenslauf und normalen Problemen, ja selbst mit einem ansonsten weitgehend normalen Verhalten begangen worden. „Die Geschichte ist überhaupt nur ein Magazin für meine Phantasie“, schrieb der Dichter und Historiker Friedrich Schiller im Dezember 1788 an Caroline von Beulwitz, „und die Gegenstände müssen sich gefallen lassen, was sie unter meinen Hän¬den werden.“Wenn es sich bei dem Gegenstand um den Holocaust handelt, ist bei dieser Vorgehensweise besondere Vorsicht geboten, und es bedarf des Könners, dieses Wagnis zu meistern. David Albahari ist ein solcher, und sein Versuch, den „Samen des Erinnerns“ zu streuen, muss unbedingt als gelungen bezeichnet werden. Und bei aller Illusionslosigkeit ist man geneigt, in seinen Wunsch einzustimmen: „Dieser Samen wird zwar keine Früchte hervorbringen, aber er wird, falls er auf fruchtbaren Boden fällt, wenigstens das Unkraut des Vergessens am Wachstum hindern.“David Albahari: Götz und Meyer. Roman. 154 Seiten, Euro. Eichborn.
Ich bin begeistert. EIn Bezauberndes Buch des in Kanada lebenden Serben David Albahari. Es handelt von dem Mord an den Belgrader Juden.Götz und Meyer, die Hauptfiguren, sind Fahrer, die Mord an den Juden begehen. Wie es beschrieben wird, sollte jeder selbst lesen.Es zeichnet das Elend des Krieges nach und man wünscht, niemanden sollte jemals wieder so eine Zeit erleben. Die Handlung könnte in jedem Krieg spielen. Sie hätte auch aus dem Krieg der Serben an den anderen Völkern stammen können. Was macht Menschen zu solchen Monstern.Auszusetzen habe ich nur die Klischee-Beschreibung der Deutschen und der Juden. Etwas mehr Differenzierung und etwas mehr Seiten hätten dem Buch sicher nicht geschadet.Das Buch hat man sehr schnell durch und man wird schwermütig, wie nach Genuß von Mandolinenmusik>Einfach bezaubernd!