Auf der Grundlage der methodischen Beobachtung, dass Menschen ihr Leben in Geschichten organisieren und demzufolge die innere Ausrichtung, aber auch die Frage der Qualität des Lebens davon beeinflusst werden, welche der Geschichten der einzelne Mensch für sich federführend quasi auswählt, ruht der Ansatz der narrativen Therapie. Zudem nutzt dieser Ansatz die "nach außen Verlegung" (Externalisierung) problematischer Befindlichkeiten. Im Erzählen einer Geschichte liegt dieses "nach außen geben" ja bereits begründet.Durch die Methode der Visualisierung einzelner Lebensgeschichten in Form von grafischen Darstellungen (Landkarten) und der Betrachtung von sich ergebenden "Verkehrswegen" (Verbindungen) zwischen den einzelnen Lebensgeschichten (Orte auf der Landkarte) kann es gelingen, auch andere Sichtweisen oder noch völlig unbekannte "Landschaften" des eigenen Lebens zu erforschen und somit neue, andere Sichtweisen und Perspektiven zu eröffnen.Externalisierung geschieht durch Erzählung der jeweiligen Lebensgeschichten unter nachfragender und reflektierender Begleitung des Therapeuten. Eine Reihe von methodischen Hilfen für diesen Vorgang und eine Beleuchtung der dafür notwendigen Haltungen des Therapeuten findet sich im ersten Kapitel des Buches, das zugleich durch ein praktisches Therapieprotokoll die Verfahrensweisen des therapeutischen Ansatzes griffig darstellt.Gerade die Begleitung der theoretischen Überlegungen anhand eines Therapieprotokolls (eine Stilmethode, die sich in allen anderen Kapiteln des Buches wiederholt), verhilft schnell und unkompliziert zu einem Verständnis der Methode und wird durch Michael White gut lesbar dargestellt. Das Herstellen neuer Erzähllinien, die Wiederherstellung der Zugehörigkeit der Geschichten zum eigenen Leben, eine therapeutische Zeremonie zur Integration der neu entdeckten Lebensgeschichte gestalten den weiteren Verlauf der Therapie.Michael White legt eine ganz andere, eher ungewohnte, Form von therapeutischer Intervention vor, die ihren Schwerpunkt zunächst sicherlich in traumatischen Erfahrungen und Suchtstrukturen gefunden hat (hier liegen ja eine Vielzahl verdrängter Erlebnisse und Geschichten vor, die sowohl einer Bewusstwerden als auch einer Integration in die eigene Lebensgeschichte bedürfen), bietet aber eine Vielzahl von Möglichkeiten für fast jede Form von Störungen der Befindlichkeit und destruktiven Verhaltensweisen.Anhand seiner Einlassungen zur Methode des "Gerüst Bauens" und des klug gewählten praktischen Beispiels am Ende des Buches wird dem unbefangenen Leser schnell deutlich, welche internalisierende Kraft in der zunächst gestalteten Verlegung der Problematiken nach außen liegt. Sich eines Verhaltens gewahr werden und eine Landkarte erstellen zu können, in welchen Querverbindungen deutlich werden, welche Auswirkungen dieses eine Verhalten auf andere Lebensbereiche auch hat, wird eine Gesamtschau vor Augen geführt. Umgehend setzt durch die therapeutische Begleitung eine innere Exploration ein, die aus einer negativen Haltung herausdrängt zu konstruktiven Formulierungen. Das eigentliche Ziel und mögliche Etappen zu diesem Ziel werden auf diesem Wege schnell verdeutlicht.Auch wenn die Begrifflichkeiten und der methodische Ansatz weitgehend noch nicht sonderlich bekannt sind und daher bei manchen Schilderungen ein gewisses Befremden nicht zu vermeiden ist, bietet das Buch ob seines nachvollziehbaren Sprachstils und der beständigen Verknüpfung der methodischen Darstellung an praktische Beispiele einen leichten Zugang zur narrativen Therapie. Ein therapeutischer Ansatz, der in vielerlei zunächst unklaren problematischen Situationen ein gutes Instrument zur therapeutischen Arbeit sein kann.
Dieses Buch des besonders durch "Die Zähmung der Monster" bekannt gewordenen australischen systemischen Therapeuten und Autors Michael White beeindruckt durch die Form der Visualisierung von Erzählungen. Auch wenn man sich mehr Graphiken gewünscht hätte, gibt er doch sehr deutlich wieder, wie die persönlichen Erzählungen unser Leben einerseits prägen, aber andererseits auch gut therapeutisch genutzt werden können.Da ist beispielsweise die bei jedem recht unterschiedliche Menge an Erzählungen aus der für uns als typisch erlebten Kindheit. Wir wählen dabei immer wieder andere Geschichten aus dem persönlichen Fundus aus und erzählen sie in vielfältigen Variationen weiter.Diese Variationsvielfalt kann auch für die Therapie von Traumata, Suchtproblemen oder Verlusterfahrungen hilfreich genutzt werden, um die Lebensgeschichte des Erzählenden in Landkarten zu visualisieren. Wo liegt bislang der Fokus, welche Wendepunkte gab es, was ist weggelassen worden?Diese Fragen können in der narrativen Therapie gut genutzt werden. Dazu beschreibt Michael White seine mehr als 20 Jahre praktischer Erfahrung und theoretischer Reflektion mittels zahlreicher Fallbeispiele. So illustriert er konkrete Vorgehensweisen im Therapiegespräch und stellt sie theoretisch fundiert dar. Die Leserschaft mag so jeweils eigene Landkarten zu den präsentierten Transkripten anfertigen und kann damit einzelne Gesichtspunkte für die eigene Praxis umzusetzen.Mittels dieses Buches wird es erleichtert, Probleme zu externalisieren, Erzähllinien zu entwickeln und verschiedene Definitionszeremonien vorzunehmen.Ein ausgesprochen hilfreiches Buch für alle, die im systemtherapeutischen Kontext bewusst das Erzählen und Erzählen lassen nutzen mögen und hierbei das Konstruieren von Erzähllandkarten vertiefen möchten!