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Dr. Ute van der Mâer
05.07.2023
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Tibet. Das sagenumwobene autonome chinesische Gebiet, das sich auf der Nordseite des Himalaya auf einer gleichnamigen Hochebne befindet, ist nicht nur gefühlt weit entfernt. Die Anreise dorthin kann per Flugzeug nicht direkt erfolgen, sondern muss über Chengdu von chinesischer Seite oder Kathmandu von nepalesischer Seite aus passieren. Ich habe beides getestet und würde die Chengdu-Variante favoritisieren. Wissen Sie warum? Weil die Route von Kathmandu nach Lhasa flugtechnisch eine Zumutung ist. Aufgrund der extremen Höhenlagen des Himalaya manövrierte sich die relativ kleine Maschine zwischen den einzelnen Gebirgszügen und Berggipfeln durch und wurde von den starken Winden kräftig durchgeschüttelt. Die wunderbaren Aussichten auf den Everest und Co.verloren an Bedeutsamkeit, denn es war nicht mal möglich, ein unverwackeltes Foto zu machen.Auf Nachfrage erklärte man uns, dass Air China nur wenige ausgebildete Piloten für diese anspruchsvolle Route hat und im übrigen die Absturzrate bei 78% liegt. Diese Erlebnisse wurden uns über viele Jahre auch von anderen regelmäßigen Tibetreisenden berichtet, so dass die Empfehlung klar ist: Kommen Sie per Chengdu, nutzen Sie die Tibetbahn oder pilgern Sie auf dem Landweg. Auf 264 Seiten beschreibt vorliegender Reiseführer in seiner 6. überarbeiteten Ausgabe in gewohnter Weise ausführlich die Geschichte und Geographie Tibets und stellt natürlich die wichtigsten Sehenswürdigkeiten dar. Wer ehrlichen Herzens nach Tibet reist, wird eine Reise zu sich selbst machen, denn die tief verwurzelte Spiritualität der Tibeter ist nicht nur faszinierend, sondern ansteckend. Man kann sich beeindrucken lassen, von der geduldigen Gelassenheit, mit der alle Tibeter an die Rückkehr des Dalai Lama glauben, der momentan im indischen Exil lebt und der sehnsuchtsvoll erwartet wird. Die Autoren beschreiben genau dies in ihrem Reiseführer anschaulich mit dem völlig richtigen Verweis, dass nach 20008 das Reisen ein völlig anderes geworden ist. Bis dahin konnte man sich im Prinzip frei bewegen, im Regelfall mietete man ein Auto mit einem Fahrer, der auch gleichzeitig den Guide darstellte. Dieser schaukelte dann mit einem in Gegenden, von denen man vorher vermutlich noch nicht mal geträumt hat, auf lochgespickten und vereisten Bergserpentinen, vorbei an Nomadenzelten und traumhaften grasbedeckten Hochlandsteppen mit friedlich grasenden Yaks (Was um alles der Welt fressen die da eigentlich?), leuchtend blauen Salzseen und grenzenloser Freiheit. Ja, das ist das Dach der Welt, dachte ich schon bei meinem allerersten Besuch dort 1994. Der Reiseführer beschreibt die Lage heute. Frei reisen ist völlig ausgeschlossen. Man hat immer die Verpflichtung, mit einem Guide zu reisen, der wiederum muss in zeitlich festgelegten Abständen Meldung ans Militär machen, wo man sich befindet. Ständige chinesische Kontrolle ist also überall, rund um den Barkor in Lhasa fallen die Videokameras ganz besonders auf, sie sind aber mittlerweile überall. Wen all das dennoch nicht schreckt, der erlebt nicht nur ganz besonders interessante Menschen, sondern auch legendäre Klosterdiskussionen, bei denen die Mönche sich rhetorisch in intellektuellen Debatten üben und der Gast, wenn er sich denn gewachsen fühlt, auch teilhaben lässt. Mein Empfinden…es ist ein eher lustiges Erlebnis, man hat als westlicher Tourist inhaltlich wenig Chancen, aber dabei sein ist alles und die gemeinsame Aktion zählt. Die Mönche und Nonnen dürfen nicht über politische Dinge sprechen, in ganz Tibet darf der Name des Dalai Lama oder dessen Bild nicht auftauchen oder erwähnt werden. Tibet ist ein wunderbares Land für Naturliebhaber und Bergsteiger; wer den Kailash oder den Everest sehen oder näher kommen möchte ist hier genauso richtig wie Menschen auf der Suche nach dem legendären Shangri-La, von dem ich fest überzeugt bin, dass es existiert.Wie immer bietet der Trescher-Verlag mit diesem Reiseführer eine sehr seriöse Grundlage zum verreisen und verdient dafür meine uneingeschränkte Leseempfehlung.