'Irgendwie bricht manchmal die ganze Welt zusammen. Einfach so. Ich finde mich also nicht
wieder und ganz egal wo ich suche ich bleibe verschwunden.' Die Suche von der Lisa Krusche
vor mehr als 15 Jahren in einem Tagebucheintrag spricht hält bis heute an. In einer
patriarchalen Welt voller vermeintlicher Schönheitsideale kapitalistischer Heilversprechen und
misogyner Rollenbilder folgt die Autorin den Spuren der Riesinnen und Riesen die sie aus
Erzählungen und Büchern kennt aber auch in der zeitgenössischen Kunst vorfindet. Krusches
Essay mäandert zwischen einer Bestandsaufnahme weiblichen Seins in unserer Gesellschaft
kulturwissenschaftlichen und literarischen Exkursen sowie der Annäherung an die mythologischen
Figuren des Riesen und der Riesin. Dabei ist die Spurensuche der Autorin immer auch eine nach
sich selbst - nach einem Ort an dem sie nicht 'zu viel' ist sondern sein kann wie sie ist
mit all ihren Zweifeln Verletzungen und vermeintlichen Unzulänglichkeiten. Die zweite Ebene
des Buches bilden Fotografien der Künstlerin Jenny Schäfer zum Themenkomplex Steine und Felsen
den wir aus unzähligen Sagen Märchen und Mythen - häufig verknüpft mit mythischen Riesen -
kennen. Mit ihrer Kamera erforscht Schäfer Gesteinsoberflächen und -materialitäten und entdeckt
darin fließende Strukturen irritierende Farbverläufe und fantastische Landschaften die Härte
und Zartheit widerspiegeln Offenheit und Verschlossenheit Geborgenheit und Wildheit. Der
Essay von Lisa Krusche und Jenny Schäfers Fotografien stellen tradierte Betrachtungsweisen und
Perspektiven ebenso entschieden wie überzeugend in Frage. 'Die Anrufung der Riesin' ist ein
radikal persönliches Buch und gleichzeitig von generationen- und geschlechterübergreifender
Relevanz - lesenswert nicht nur für Feminist*innen.